Sie sprach mit Hohngelächter: „Mein Freund, der Tag erscheinet nie.
Stavorens reichster Erbin gebräch's an Brote je?
Sieh diesen Ring, den goldnen, ich werf' ihn in die See:
Wenn ich den wiederschaue, so mag auch das geschehn.“
Sie sollt' am selben Abend den Ring erschrocken wiedersehn:
Der Koch hatt' ihn gefunden in eines Fisches Bauch.
Eh' sie sich niederlegte, kam ihr die Botschaft auch,
Die Flotte sei gestrandet, die sie nach Morgenland –
Und so erging's der andern, die sie gen Abend gesandt.
Die Türken und die Mohren auch schadeten ihr viel
Wie wider sie verschworen; ein reiches Kaufhaus fiel,
Das zog sie mit hinunter; und so kam Post auf Post –
Kein Jahr verging, so litt sie schon Not durch Hunger und Frost.
Sie ging von Tür zu Türen und heischt' ein Stückchen Brot:
So schrecklich ward erfüllet, was ihr der Greis gedroht.
Von niemand betrauert, von vielen arg verhöhnt,
Auf Stroh hat sie endlich das arme Leben verstöhnt.
Fort schwelgte noch Stavoren in sündlich eitler Pracht,
Denn Reichtum ward auf Schiffen noch täglich eingebracht;
Das Beispiel warnte niemand: da wuchs der Buße Saat
Der ganzen Stadt erschrecklich aus jener Jungfrau Freveltat.
Wo sie den edeln Weizen ins Meer versenken ließ,
Da hob sich eine Sandbank, die Frauensand man hieß.
Darauf entwächst den Wellen ein Kraut, das kennt man nicht,
Es gleicht dem Weizen völlig, nur daß der Ähre Korn gebricht.
Noch stieg die Sandbank höher und höher aus dem Meer:
Gesperrt war der Hafen, kein Schiff befuhr ihn mehr.
Da war des Reichtums Quelle der Schwelgerstadt versiegt;
Sie schwelgten fort, von Leichtsinn in süßen Schlummer gewiegt.
Da zog man eines Tages Hering und Butt hervor
Aus dem Schöpfbrunnen, und in der Nacht erkor
Der See sich andre Bahnen, ein wilder Wasserschwall
Verschlang, die Deiche brechend, Stavorens Markt und Straßen all'.
Im Südersee Stavoren, wer hat die Stadt geschaut?
Mit Türmen und mit Toren gar stolz ist sie erbaut.
Paläste siehst du ragen noch heut' so hoch als eh',
Doch alles hat beschlagen die unermeßliche See.
K. S. [Karl Simrock]
Hag
2. So viel Kinder als Tag' im Jahr
Ihr müßt nicht alles glauben, was man erzählt und schreibt,
Ich will Kritik erlauben, wenn ihr sie geistvoll treibt.
Was neulich mir erzählte vom Hag ein alter Mann,
Graf Hennebergs Vermählte geht dieses Wunder an.
Zu ihr Almosen heischend kam eine Bettelfrau,
Zwei Zwillingskinder kreischend trug sie im Arm zur Schau.
So überreich gesegnet, doch arm an Geld und Gut,
Da hat sie sich verwegnet zu heischen wie sie tut.
Die Gräfin rief entrüstet: „Fort, unverschämtes Weib,
Mit eitel Schande brüstet sich so dein schnöder Leib.
Fort, fort, es ist mein Zimmer der Buhlerin zu rein:
Zwei Kinder können nimmer von einem Vater sein.“
Da sprach die Schwergekränkte: „So wünsch' ich denn fürwahr,
Daß Gott Euch Kinder schenkte so viel als Tag' im Jahr.“
Der Wunsch war ausgesprochen: die Gräfin klagte sich,
Bald nahten ihr die Wochen; da ging es wunderlich:
Dreihundertfünfundsechzig der Tage zählt das Jahr,
Dreihundertfünfundsechzig der Kindlein sie gebar.
Der heil'gen Taufe Gaben, lebendig allzumal,
Empfing sogleich der Knaben und Mädchen Überzahl.
Elisabeth, den Namen gab man den Töchterlein,
Johannes, den bekamen die Knaben insgemein.
Man zeigt noch heut' die Becken, darin sie sind getauft;
Die Mutter hat vor Schrecken die Haare sich gerauft.
Vor Schreck ist sie gestorben; die Kindlein haben auch
Bald Gottes Reich erworben durch heil'ger Taufe Brauch.
Vom Hag ist es geschehen nicht eine Meile weit,
Ihr mögt das Grab noch sehen, wenn ihr ungläubig seid.
K. S. [Karl Simrock]
Friesland
3. Radbot der Friesenfürst
Radbot stand, der wilde Friesenkönig,
An dem Fluß, die Taufe zu empfahen,
Um ihn her die Priester, frohen Mutes,
Durch des Wankelsinnigen Bekehrung
Endlich doch der Mühen Lohn zu ernten.
Und er setzt den Fuß schon in die Welle,
Als er plötzlich hält: „Noch eines mußt du
Mir verkünden, Bischof! Meine Väter,
Alle meine Ahnherrn, da sie starben,
Sag es frei, wohin sind sie gekommen?“
„In die Hölle,“ sprach der fromme Bischof,
„Deine Väter, die als Heiden starben,
König Radbot, fuhren in die Hölle!“
Das entrüstete den wackern Degen:
„Schlechter Priester,“ rief er, „meine Väter,
Meine Väter waren tapfre Männer!
Lieber will ich, ja bei Wodan schwör' ich's,
Mit den Helden sein in ihrer Hölle,
Als mit euch in euerm Priesterhimmel!“
Sprach's und eilte trotziglich von dannen.
K. Lappe.
Gertruidenberg
4. St. Gertruden Minne
Es war ein Ritter in Niederland,
Der trug einer Jungfrau große Minne,
Die Reine war St. Gertrud genannt,
Die benahm ihm Herz und alle Sinne.
Die Jungfrau liebte keinen Mann,
Sie hatte sich in ein Kloster begeben,
Gott und dem guten St. Johann,
Dem wollte sie dienen all ihr Leben.
Der Ritter, der sonst täglich kam,
Jetzt durft' er sie nicht sehn noch sprechen:
Das schuf ihm Kummer und bittern Gram,
Er dachte, sein Herz sollt' ihm zerbrechen.
Hatt' er schon viel mit mildem Mut
Gespendet, der Schönen Gunst zu erringen,
Nun gab er gar sein Hab und Gut
Zu ihrer Ehre Messen zu singen.
Sein Land, sein Volk, sein ritterlich Schloß
Gab er dahin an ihren Orden,
Und als das dritte Jahr verfloß
War er ein armer Mann geworden.
„Nun ade, Süßlieb, und bleibt gesund,
Ade, muß Euch auf ewig meiden.
Mir ist nicht Weg noch Straße kund,
Muß einsam schweifen auf wilder Heiden.“
In einer finstern Mitternacht,
Da er auf wilder Heide gehet,
Sein hat der böse Feind wohl acht,
In Mannsgestalt er vor ihm stehet.
Da sprach der böse Feind ihm zu:
„Wie ist Euch, Freund, dies Leid gekommen?
Gebt Euer armes Herz in Ruh',
Wollt Ihr, ich schaff' Euch Glück und Frommen.
Mir ist noch mancher Schatz bekannt,
Ich will Euch Guts die Fülle geben,
Nur setzt mir Eure Seele zu Pfand,
Und sprecht, wie lang' Ihr denkt zu leben?“ –
„Sieben Jahre und dann nicht mehr,
Sieben Jahre, das soll mir genügen.“ –
„Nun reicht mir Brief und Siegel her.“ –
Der Ritter schrieb es mit klaren Zügen.
Er hing sein Siegel wohl an den Brief;
Gezeichnet war's mit seinem Blute.
Er diente so gern seinem süßen Lieb:
Schon wollt' er hin mit frohem Mute.
„Und sind die sieben Jahr' verbracht,
Stolzer Ritter, des sollt Ihr gedenken,
Hier harr' ich Euer um Mitternacht;
Ich will Euch keine Stunde schenken.“
Nun hatte der Ritter sieben Jahre Zeit,
Da durft' ihm Gutes nie gebrechen,
Er mochte zu Ehren der schönen Maid
Nach Lust die Ritter vom Sattel stechen.
Und als es kam an das siebente Jahr,
Und als es ging in die letzten Wochen,
Der Ritter ward es mit Schrecken gewahr,
Er gedachte, was er dem Feinde versprochen.
Und als es kam an den letzten Tag:
„Ade, St. Gertrud, wir müssen uns scheiden,
Den ich vor Euch nicht nennen mag,
Der harret mein auf wilder Heiden.“
„Nun trinket, Ritter, St. Johanns Geleit
Und meine Minne, das muß Euch frommen.
Nun trinket, Ritter, wie traurig Ihr seid,
Ich hoffe, Ihr sollt noch wiederkommen.“
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