Klar, wer nicht?
Schnell steckte ich das Handy weg, bevor mir das Jungchen den Bildschirm mit Sabber bekleckerte, und konterte scharf:
„Du spielst nicht mal annähernd in ihrer Liga!“
Adelheid würde den Burschen im Handumdrehen zum Frühstück verputzen, bevor der überhaupt merkte, was ihm geschah.
Mark betrat unverhofft den Laden, Tina im Schlepptau.
Wir unterbrachen unsere Plauderei und stoben auseinander. Jannis verkroch sich zwischen den Gängen der Bettenabteilung, ich faltete Waschläppchen nach Farben und tat sehr beschäftigt.
Mark und Tina blieben bei den Badmöbeln stehen und flüsterten aufgeregt miteinander, ich konnte kein Wort verstehen. Aufmerksam linste ich durch die schmalen Spalten der Regale und sah, wie der Chef aufmunternd unserer Tina die Hände auf die Schultern legte, tröstend über ihre Arme rieb und ununterbrochen auf sie einredete.
Wenn ich mich nur weiter ranschleichen könnte!
Mit eingezogenem Kopf und dem leichten Tritt einer Katze lief ich den Gang entlang und wäre fast einem Kunden in die Arme gelaufen. Suchend blickte der Mann sich um, das Schild seiner Mütze wanderte in alle Richtungen. Leise trat ich den Rückweg an und bog auf der anderen Seite in den Hauptgang und von dort zwei Gänge weiter in die Stoffsektion ein.
Zwischen den Fertiggardinen fand sich ein wunderbarer Beobachtungsposten, ich kletterte so in den Stellwagen der Präsentationsware, dass höchstens noch mein Hintern hervorschaute, und lugte durch die Vorhänge.
Der General und Tina standen keine vier Meter entfernt.
Leider beendete Mark sein Gespräch mit meinem Eintreffen. Tina nickte mehrmals zustimmend, bekundete überschwänglich Dankesbezeugungen und Entschuldigungen in einem Atemzug.
Warum kroch sie dem General nur dauernd in den Hintern?
Gönnerhaft strich Mark mit einer abwinkenden Handbewegung darüber hinweg. Im selben Augenblick, in dem er sich von Tina abwandte und in seinen Thronsaal zurückmarschierte, sah ich, wie sein Gesicht ein breites Grinsen überzog. Was zum Teufel hatte ihn so erfreut?
Der Tina schien es inzwischen besser zu gehen. Außer den leicht geröteten Augen gab es keine Spur von Tränen. Ihr Handy vibrierte, sie hielt kurz inne und ignorierte zu meinem größten Erstaunen die einkommende Nachricht.
Eher kam der Berg zum Propheten, als dass Tina eine SMS unbeantwortet ließ. Irgendwas war hier im Busch!
Das alles sah mir jedenfalls höchst verdächtig aus!
Jannis hatte den Chef ins Büro eilen sehen, kam aus seinem Schlupfloch und gesellte sich zu unserer Kollegin. Seine Neugier war wirklich grenzenlos.
Standhaft wich Tina all seinen Fragen aus und bemerkte nur: „Sag mal, riechst du das auch?“
Unser Azubi war schließlich nicht auf den Kopf gefallen, er beteuerte laut, gar nichts zu bemerken, suchte aber heimlich die Umgebung nach mir ab.
„Also das riecht irgendwie komisch! Hat hier etwa ein Hund hingepinkelt?“, bekräftigte Tina energisch.
Jetzt übertrieb sie aber gewaltig, so schlimm war Black Opium nun auch wieder nicht. Schnüffelnd zog ich den Duft durch die Nase. Oder doch?
Etwas trommelte rhythmisch auf mein Schulterblatt ein und störte die Observation. Mürrisch kroch ich aus meinem Versteck und stand dem Kunden mit dem Cap gegenüber. Keine Ahnung, was ihm durch den Kopf ging, ich fühlte mich jedenfalls bis auf die Knochen blamiert.
Bis um drei hatte ich voll zu tun, ununterbrochen füllte sich der Laden mit Kundschaft. Die Leute kamen und gingen, wir schleppten Kartons und berieten ohne Unterlass. Ich fühlte mich kurz vor dem Delirium und brauchte dringend eine Atempause.
Erschöpft schlich ich in den Aufenthaltsraum, ließ mich auf den nächstbesten Stuhl fallen und legte meine wunden Füße auf den Nachbarplatz.
Mein Magen verlangte schon seit Stunden nach Nahrung, und ich überlegte, wie in der kurzen Zeit etwas Essbares aufzutreiben wäre. Manchmal fand sich ein vergessener Joghurt oder ein altes Sandwich im Kühlschrank.
Optimistisch öffnete ich die Tür, zwei Coladosen, drei Sprudel, sonst herrschte gähnende Leere. Hier gab‘s nichts zu räubern!
Hungrig blickte ich aus dem Fenster über den Hof.
In der nächsten Seitenstraße befand sich ein kleines Bistro.
Wir Leibeigenen durften das Unternehmen neuerdings nur nach persönlicher Erlaubnis unseres Generals verlassen, selbst in der Pause. Und genau da lag mein Dilemma. Erstens würde ich diesen Sklaventreiber nur über meine Leiche um einen Gefallen bitten, und zweitens konnte ich mir nach dem heutigen Schlamassel seine Antwort darauf schon denken.
Bis zum Bistro waren es knapp zweihundert Meter.
Dauerte nicht länger als zehn Minuten, hin und zurück.
Vorsichtig lauschte ich an der Bürotür, er telefonierte und schwang wie immer große Reden über seine neuen Ziele und Umsatzzahlen. Wir würden nächste Woche mit dem Sommerschlussverkauf beginnen, und das bedeutet Ausnahmezustand. Zweimal im Jahr waren die großen Bosse hypernervös. Schlechte Einnahmen bedeuteten den Verlust ihres Postens, steigende eine fette Provision. Dabei machten wir doch die ganze Arbeit, die unbezahlten Überstunden, die Beratung. Doch das scherte niemanden. Hauptsache unser Feldwebel konnte seine Leistungen ins rechte Licht rücken.
Selbstsicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit.
Mark wollte den höheren Posten des Bezirksleiters unbedingt, und er würde alles tun, um ihn zu kriegen. Das Telefongespräch konnte mit etwas Glück länger dauern, ich lief zum Hinterausgang und sprang über die Bühne der Warenannahme hinaus in die Freiheit.
Im Laufschritt ging es die Straße hinab, ich trieb den Bistroverkäufer zur Eile an und rannte glücklich mit dem erstandenen Grillhühnchen zurück, erkletterte die Rampe, passierte die Stahltür und stand urplötzlich einem offensichtlich sehr wütenden General gegenüber.
Mit stoischer Gleichgültigkeit ließ ich sein Gebrüll über mich ergehen, Fett tropfte aus der Tüte in meiner Hand auf den Steinboden. Der Bratenduft war geradezu überwältigend. Hoffentlich war Mark bald fertig.
Ich hatte Hunger! Und dieser macht mich ungestillt auch äußerst übellaunisch. Es folgte ein heftiger Wortwechsel, der unentschieden endete, wofür er mich zur Strafe zurück in den Verkaufsraum schickte.
Mit knurrendem Magen ließ ich meine Wut an dem herzensguten Jannis aus, der den Fehler beging, mir zu diesem äußerst ungünstigen Zeitpunkt über den Weg zu spazieren. Er musste nun dafür büßen, dass er unser Azubi und im Besonderen Marks Laufbursche war.
Jannis hatte sich ebenfalls hohe Ziele gesteckt, er wollte vorankommen, obwohl ihm dazu die nötige Kaltschnäuzigkeit und Verschlagenheit fehlte.
Die Fähigkeit zur Intriganz war ihm fremd, er war nett, höflich und fleißig. In dieser Firma konnte er es damit nicht weit bringen, aber wahrscheinlich hatte man dem armen Jungen irgendwas von Karriere und seinen unendlichen Möglichkeiten erzählt. Ich ließ ihn die gesamte Haushaltsabteilung aufräumen, neu dekorieren, und dass er widerspruchslos alle Forderungen so eifrig erledigte, regte mein Gewissen.
Irgendwann im Laufe des Nachmittags fiel mir das leere Büro auf, dessen eingelassenes Fenster unserem Chef jederzeit erlaubte, den Verkaufsraum zu überblicken. Im Laden war der General jedenfalls nicht, die Suche im Keller, Lager und den Toiletten blieb ebenfalls erfolglos.
Meine Neugier war geweckt.
Tina hielt dicht, aber Jannis gab bereitwillig Auskunft.
Von dessen Wahrheitsgehalt wollte ich mich selbst überzeugen. Versteckt um die Ecke unseres Geschäfts steht ein kleines italienisches Eiscafé, dort saß Mark mit einer hübschen langbeinigen Schönheit im Schatten eines Schirms und genoss in aller Seelenruhe einen gigantischen Eisbecher.
Na, sieh mal einer an! Und mitten in der Arbeitszeit.
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