Folglich hatte ich recht, und es ging hier nur um das Eine.
Damit kam Tina plötzlich auf diese, seine außergewöhnlich standfesten Qualitäten zu sprechen, während ich mir innerlich die Ohren zuhielt und wünschte, sie würde mich bitte mit den Details verschonen.
Dieses Gespräch nahm groteske Züge an, und ich fühlte mich logischerweise entsprechend unwohl. Um das pikante Thema ein für alle Mal zu beenden, überlegte ich, auf welche Art der Vorgang beschleunigt werden könnte, und beschloss, es deutlicher zum Ausdruck zu bringen.
Aber wie sagte ich das am besten und mit Anstand?
Wohldurchdacht formulierte ich meine Worte, so eindeutig und
professionell es eben ging.
„Sexuelle Abhängigkeit heilt man am erfolgreichsten, indem Frau ihre Begierden auf ein neues männliches Subjekt fokussiert.“
Entgeistert starrte Tina mich an und fragte, was das denn nun wieder heißen solle.
Es durch die Blume zu sagen hatte scheinbar keinerlei Sinn!
Mein Gott war die schwer von Begriff!
Ärgerlich schloss ich die Therapiesitzung mit den folgenden Worten:
„Will sagen, such‘ dir nen neuen Loverboy!“
Bis zum Mittag erforderte die Kundschaft meine ganze Aufmerksamkeit. Beraten, kassieren, Waren auffüllen.
Aus irgendeinem Grund schloss sich Tina nach unserem Gespräch im Matratzenlager ein, und Mark war vollauf damit beschäftigt, sie mit Engelszungen aus dem Raum zu locken. Vorher nahm er sich noch zehn Minuten seiner kostbaren Zeit, um mich gehörig runterzuputzen.
Meine Körpertemperatur bewegte sich gefühlt bei neunundvierzig Grad.
Die Hitze wurde von Stunde zu Stunde unerträglicher, anhaltender Durst trocknete mir die Kehle aus.
Verschollen im Death Valley konnte kaum schlimmer sein.
Schweißbäche rannen mir unangenehm den Rücken herab, und ich versuchte den Geruch permanent mit einer großzügigen Duftwolke Black Opium zu überdecken, das ich nun fast im Minutentakt versprühte.
Für meine unpassende Kleidung war ich gleich nach meinem Eintreffen gerügt worden, aber ich würde gegenüber Mark nie zugeben, dass ich jetzt kurz vor der Implosion stand. Spitzfindig hatte ich entgegnet, dass es im Geschäft enorm zieht und ich schon das erste Kratzen im Halse spüre und er sicher nicht riskieren wolle, dass ich wegen einer Grippe ausfiel.
Dabei würde ich mich gerade zu gern in den Kühlraum der Fleischerei einsperren lassen, die sich gegenüber unseres Ladens befand.
Gegen eins leerte sich der Verkaufsraum, und ich konnte ein bisschen mit Jannis quatschen, der hoffte, mir dabei wenigstens ein klitzekleines Wörtchen über Tinas Zustand entlocken zu können.
Ha, konnte der lange drauf warten! Jannis war ne Tratschtante, ihm ein Geheimnis anzuvertrauen hatte in etwa denselben Effekt, als würde man eine Zeitungsannonce schalten. Noch am selben Tag wüssten alle Bescheid, selbst diejenigen, die Tina gar nicht kannten.
Dafür schwärmte ich von der bevorstehenden Party mit meinen Mädels, mit denen ich bereits seit zig Jahren eng befreundet war. Jeden zweiten Monat trafen wir vier uns auf ein ganzes Wochenende und ließen es ordentlich krachen. Unsere Devise lautete Sex, Drugs and Rock 'n' Roll.
Obwohl ersteres sich meistens von selbst erübrigte, da wir, je später der Abend, bevorzugt zum Trinken übergingen.
Aber Musik gehörte immer dazu. Heute Nacht planten wir, den Kiez unsicher zu machen. Beim letzten Mal war es ein Konzert im Stadtpark, wo Steffi sich nach dem Gig leichtsinnigerweise das Autogramm des Sängers quer über die Brust malen ließ. Mit schwarzem Edding! Der Schriftzug hielt eine Woche, was Steffis Ehemann so gar nicht lustig fand.
Mit größter Zuneigung beschrieb ich meine Ladys, erzählte von der sanftmütigen, aber immer etwas verpeilten Steffi, die seit einigen Jahren in der Nähe von Ahrensburg wohnte, weil ihre Kinder auf dem Land heranwachsen sollten, und seitdem liebevoll in ihrer Mutterrolle aufging.
Von der lässigen Sanna, Beruf Physiotherapeutin, die selbst bei größten Katastrophen den Überblick behielt und Ruhe bewahrte und uns trotz ihrer fast meditativen Gelassenheit jedes Mal aufs Neue überraschte und die besten Einfälle mitbrachte.
Aufgeräumt zückte ich das Handy und zeigte Jannis einige der harmloseren Selfies unserer Truppe. Ein Bild von mir und Sanna beim Alstervergnügen. Unser Paradiesvogel hatte ein Faible für Hippiemode und trug am liebsten Klamotten, die lang, weit oder auffallend gemustert waren. Gleich mehrere bunte Armbänder, Ketten und Ringe schmückten das Ensemble. Im Gegenzug verzichtete sie auf den Friseur und jede Art von Schminke. An ihren Füßen steckten Jesuslatschen, im Sommer ihre bevorzugten Treter, falls sie nicht gerade barfuß lief, denn unsere Freundin hatte nicht nur eine BH-, sondern auch Schuhallergie.
Dichte dunkelblonde Naturkrause umrahmte ein zartes Gesicht, in dem sich erste kleine Fältchen zeigten, die sie eher noch attraktiver machten.
Sanna war einfach ein toller Hingucker, der Stil und die wilde Mähne passten zu ihrem Typ, und selbst auf dem Foto konnte man die einnehmende Präsenz ihrer Persönlichkeit spüren.
Neben ihr wirkte ich fade und blass, aber ich sah auf Fotos sowieso immer total dämlich aus. Eingefrorenes Grinsen, verklemmter Blick, steife Haltung.
Vor Jahren kam ich mal auf die selten dumme Idee, für einen Freund professionelle Studioaufnahmen machen zu lassen.
Sobald die Kamera in Betrieb war, brach ich regelrecht in Panik aus. Nichts wurde aus den lasziven und erotischen Posen, dafür kriegte der Fotograf beinahe hysterische Anfälle. Er löste letztendlich das Problem, indem er mich mit geschlossenen Augen auf einer samtroten Ottomane platzierte und den Körper mit seidenen Tüchern bedeckte. Später sah man von mir auf den Abzügen nur die langen schwarzen Haare, Schultern und Beine.
Der Freund musste erst fragen, ob ich es bin. Das Kunstwerk hätte jede beliebige dunkelhaarige Frau darstellen können.
Na ja, war wahrscheinlich besser so.
Der nächste Schnappschuss stammte vom Rockfestival, ich in schwarzer Ledershorts, Guns N' Roses Hemdchen und Heavy Metal Pose, Steffi mit Leinenhose und weißem Blüschen. Brünett, modisch sportlicher Haarschnitt, den Pony mit einer Spange zurückgesteckt.
Sie war stets korrekt angezogen, aber selten passend zum Anlass und wirkte wie das sprichwörtliche Mauerblümchen.
Dabei war Steffi überhaupt keine Spur langweilig.
Bei unseren gemeinsamen Ausflügen mussten wir immer ein Auge auf sie haben, denn Steffis Reaktionen waren selten vorhersehbar. All ihre Entscheidungen traf sie aus dem Bauch, ohne auch nur den kleinsten Gedanken an mögliche Folgen zu verschwenden. Am Ende einer solch typischen Steffi-Aktion steckten sie oder wir generell in Schwierigkeiten.
In unserer Truppe war Adelheid wie die Rose im Garten Eden.
Extrovertiert, stilsicher, stolz. Sie war die quirligste und verrückteste von uns allen und so ausgesprochen schön, als käme sie von einem anderen Stern. Weißblonde Haare umrahmten das aristokratische Gesicht, der aufgesteckte Dutt war ihr Markenzeichen und wirkte bei keiner anderen Frau ebenso elegant und bezaubernd.
Mit einem nicht ganz unbeträchtlichen Vermögen ausgestattet, geerbt vom Vater und durch ihre Tätigkeit als PR-Managerin, war sie die einzige von uns, die sich das Leben frei nach ihren Wünschen finanzieren konnte.
Das Quartett hätte unterschiedlicher nicht sein können. Wie die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde bildeten wir eine Einheit, die jede erdenkliche Katastrophe überstand.
Sein Blick blieb an einer bestimmten Aufnahme hängen und zeigte meine Freundin Adelheid in all ihrer vollen Pracht.
„Halleluja!“, murmelte Jannis überrascht, seine Augen wurden so groß wie Adelheids Brüste. Die fünfundsiebzig Doppel D konnten sich auf jeden Fall sehen lassen. „Die würde ich gern mal kennenlernen!“
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