Heiß und unwiderstehlich anziehend.
Bald stellte ich fest, der Olli war mit seinen Kumpels verheiratet, und ich wollte nicht teilen.
Der Stöpsel ließ sich nur schwer aus dem Flakon ziehen, ich schnüffelte daran und verzog angewidert das Gesicht. Mann, der Moschusochse musste schon zu seinen Lebzeiten überlagert gewesen sein.
Black Opium wanderte in die Hosentasche.
Den pochenden Zeh ignorierend, schlüpfte ich in die Turnschuhe und eilte in olympiaverdächtigem Rekord erst die vier Stockwerke und dann in den Keller hinab. Mein Fahrrad stand gleich um die Ecke, ich schleifte es rückwärts am Lenker und ohne Rücksicht auf Wände und Türen zu nehmen, die Kellertreppe hinauf. Immer den Blick fest und aufmerksam in die finsteren Gänge gerichtet.
Draußen schwang ich mich auf den Sattel und trat kräftig zu. Es knallte heftig, als die rostige Kette riss, und meine Füße strampelten erfolglos in den Pedalen. Da bekam ich meinen ersten Wutausbruch an diesem Morgen. Fuchsteufelswild schmiss ich den Drahtesel zu Boden, hob ihn wieder auf, nur um das Rad erneut auf den Asphalt zu knallen, und ließ meinem Ärger freien Lauf. Zorniges Füße Stampfen mit Gebrüll kann befreiend sein oder einfach nur dämlich. Nach einer Weile entschied ich mich für Letzteres und schaute besorgt in alle Richtungen.
Doch wer immer diese peinlichen Szenen beobachtet hatte, ließ sich nichts anmerken. Das war ein Vorteil der Großstadt und auch dem Gemüt der Hamburger zu verdanken. Ich hätte mich auch nackt auf die Straße stellen können, es hätte sich niemand daran gestört, solange ich keinem Autofahrer direkt im Weg stand.
Hier konnte jeder tun und lassen, was er wollte, auch einen Winterpullover im Hochsommer tragen und mit 'nem Pistolenfeuerzeug Gespenster jagen.
Das Rad musste zurück ins Kellerloch.
Am Ende des Ganges quietschte eine Tür, ich stieß mein Eigentum gegen die nächste Wand, wo es scheppernd zu Boden rutschte und flitzte schaudernd die Treppe hoch. Irgendwer würde das Ding schon aufheben.
Missmutig marschierte ich zur nächsten Haltestelle und bestieg den Bus nach Bramfeld. Nach zehnminütiger und ereignisloser Fahrt besserte sich langsam meine Laune.
Am Abend war ich mit den Mädels verabredet. Den Neunstundentag bis dahin würde ich auch noch überstehen, genauso wie das Gezeter meines Chefs.
Aber zuerst musste ich mich für den bevorstehenden Kampf wappnen.
Der Bus hielt, und ich stieg kurz entschlossen eine Station früher aus. Schließlich kam ich sowieso viel zu spät, ein paar Minuten mehr machten da auch nichts mehr aus.
Es gab Wichtigeres! Ich brauchte dringend Koffein.
Jetzt, in diesem Moment, wünschte ich nichts sehnlicher, als einen dampfenden Becher in meinen Händen zu halten.
Das Frühstück kann ich getrost weglassen, aber ohne Kaffee komme ich nicht auf Touren, bin mehr ein Zombie während der ersten halben Stunde, Mutant, doch nach zwei Tassen bin ich fähig zu sprechen, und mein Gehirn beginnt effektiv zu arbeiten.
Bis zur Arbeitsstelle waren es kaum mehr als dreihundert Meter, und auf dem Weg dorthin entdeckte ich gleich zwei Läden in der Straße.
Vor dem Bäcker stand eine lange Schlange, also steuerte ich den gegenüberliegenden Starbucks an, der im Unterschoss eines großen Versicherungsunternehmens lag.
Netter Laden, total angesagt, hippe Einrichtung, wohlsituierte Leute.
Männer in Armani-Anzügen und Frauen in hanseatisch blauen Kostümen saßen an den Tischen oder standen am Tresen, vertieft in sicher sehr wichtigen Gesprächen, und ich mit meinem Uniformpulli.
Vor mir zwei Warteschlangen, ich nahm die kürzere, nur vier Leute.
Es zog sich hin, ungeduldig trommelte meine Fußspitze auf dem Boden.
Als ich endlich an der Reihe war, befanden sich Hirn und Körper mangels Koffein bereits im Zombiemodus. Fragende Augenpaare schauten mich an, der Starbucks-Willkommensgruß zusammen mit der Frage nach meinen Wünschen wurde freundlich und nun etwas lauter wiederholt.
„Äh, einen Kaffee.“
Mit weit ausholender Geste wurde mir das Angebot auf der Wandtafel präsentiert, und als moderiere die junge Bistromaus gerade eine Fernsehverkaufsshow, begann sie mit honigsüßer Stimme vorzulesen: „Wir haben da einen Coffee Americano, Chocolate Mocha, Cappuccino, Kakao Cappuccino, Caramel Macchiato, Espresso, Espresso Con Panna, Flavored Latte, Coffee Frapuccino...“
Mein Hirn versuchte die Informationsfülle zu verarbeiten.
„Latte“, hörte ich mich sagen. Es war das Letzte, was ich bewusst wahrgenommen hatte. Nun egal. Hauptsache Koffein.
„Was für ein Latte darf's denn sein?“
„Äh, ich nehm‘ doch nur einen Kaffee!“
Zum ersten Mal flackerte Unsicherheit in ihren Augen, die Lippen wurden noch etwas mehr in Richtung Ohren gezogen, und zwei perfekte weiße Zahnreihen blitzen mich an. Mann, wie viel Koffein mussten die erst morgens einwerfen, um solch gute Laune zu verspritzen?
Vielleicht habe ich es vergessen zu erwähnen, ich bin allgemein ein fröhlicher Mensch, aber ich hasse Leute, die vor meiner ersten Tasse Witze reißen, gar lustig drauf sind oder so grinsen, wie die da eben vor mir.
„Einen Coffee Americano vielleicht?“
„Ja!“, beeilte ich mich zu bekunden, bevor die Aufzählung von neuem begann. „Mit Milch!“
„Mit normaler Milch oder laktosefrei? Extra aufgeschäumt?“
Wollte die mich auf den Arm nehmen?
Tatsächlich hörte ich mich wütend knurren.
Mutantenmodus.
Ihr Lächeln versteinerte vollends zur Maske, während das nervöse Augenblinzeln ihr einen fast irren Ausdruck verlieh. Mit Mühe versuchte ich den beginnenden hysterischen Anfall zu vermeiden, ich sah buchstäblich rot!
Stattdessen schloss ich die Augen, atmete tief durch und stellte mir vor, wie ich Alices Grinsekatze über den Tresen zog und ihr den Kopf einschlug.
Rein theoretisch versteht sich.
„Einen Kaffee, schwarz. BITTE!“
„Ah, einen Filterkaffee?“, kam es unsicher aus dem Grinsemund.
Endlich kamen wir der Sache näher!
„Zum Hiertrinken oder Mitnehmen?“
„Pappbecher!“, knirschte ich zwischen den Zähnen.
„Also zum Mitnehmen!“
Nein, du dumme Kuh! Ich trinke immer aus Pappbechern, manchmal auch aus Tüten! nickte ich stumm, und mein Zombie stellte sich vor, welche Körperteile man zuerst abreißen sollte, damit das Opfer möglichst lange leidet.
„Small, tall oder ...?”
„GROSS! Big, big, groß und...schnell!”
Hektisches Tippen auf der Kasse, ich zahlte den Preis und erhielt endlich.... Einen Zettel?
Überaus freundlich erklärte sie mir, dass ich an der zweiten Schlange meine Bestellung mit eben jener Zettelnummer bekäme, ganz frisch versteht sich.
Sieben Leute vor mir!
In diesem Moment begriff ich, warum in Europa nicht einfach jeder eine Waffe tragen durfte, denn glaubt mir, das war ein Augenblick, in dem ich sie ohne Zögern benutzt hätte.
Schwer atmend gab ich mich für eine Millisekunde dem Anblick hin, stellte mir vor, wie Blut und Hirn gegen die schöne grün getünchte Starbuckstafel spritzte, sich die weiße Bluse der Grinsekatze rot färbte, drehte mich auf dem Absatz um und floh zur gegenüberliegenden Bäckerei, ohne auf den vorbeifahrenden Verkehr und wütend hupende Autofahrer zu achten.
Ich brauchte sofort Koffein, bevor es Mord und Totschlag gab.
Flugs auf der Türschwelle stoppte mich die Verstrebung eines Rollators, im Schlepptau eine kleine grauhaarige Dame, während mir schmerzhaft über meinen ohnehin bereits lädierten Zeh gefahren wurde.
„Na, na, na! Nun mal langsam junge Dame!“
Tadelnd wackelte der Kopf auf dem viel zu kurzen Hals, und das Gespann zuckelte langsam in den Laden.
Der erlittene Schmerz ließ meine Wut verrauchen, und ergeben stellte ich mich hinten an. Ich traute mich nicht, nochmal an ihr vorbeizuhuschen.
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