Eine vor mir! Was macht das schon?
Das Gefährt wurde in zäher Langsamkeit am Schaukasten entlanggerollt, dabei die Auslage eingehend inspiziert und schließlich in Position geschoben, um sich auf den schmalen Sitz zu quetschen.
Letzteres alarmierte mich, es sah aus, als würde sich die Dame häuslich niederlassen, zumindest würde die Bestellung wohl länger dauern, wenn sie es sich dazu erst bequem machen musste.
„Guten Morgen, Fräulein! Sind die Brötchen denn auch frisch?
Also das gestern war ja knüppelhart, ich wollt‘s Ihnen ja erst wiederbringen, aber dann hab ich es doch im Kaffee eingeweicht, wissen Sie!“
Ich schielte zu Starbucks hinüber.
Noch fünf in der zweiten Schlange!
Ihr Kopf wippte hin und her, als wäre er nur lose auf die Schultern gesetzt und könnte jederzeit hinunterkullern.
„Ist denn da Zucker auf der Streuselschnecke? Ja? Oh, ich vertrag das ja nich mehr, ne! Hab Alterszucker! Also früher hätt‘s sowas nich gegeben! Ich sag Ihnen, meine Mutter, Gott hab sie selig, also meine Mutter hatte...“
„Tschuldigung! Ich wollt wirklich nur schnell einen Kaffee!“
„Also wirklich! Diese Jugend von heute! Keine Zeit!“, schnauzte das Mütterlein.
Missbilligend musterte mich die Bäckersfrau.
Ein Blick zu Starbucks. Nur noch ein Mann an Kasse zwei.
„Erst eine alte arme Frau fast umschubsen und dann drängeln. Mir hätte sonst was passieren können! Wer kümmert sich dann um meine Kinder?“
Irritiert schaute ich sie an. Wie alt konnten ihre Kinder denn sein?
„Meine fünf Katzen? Sie vielleicht? Wie kann man nur so herzlos sein?“
Vorwurfsvolles und entsetztes Kopfschütteln der Bäckersfrau, gleichbleibendes Kopfwippen der gemeinen alten Hexe.
Die Grinsekatze von gegenüber und die fünf Katzen der Alten, ich sah da plötzlich einen kosmischen Zusammenhang.
Mein rechtes Augenlid begann unkontrolliert zu zucken.
„Hab ja nur ne kleine Rente, das Leben lang geschuftet, und was bleibt nachher übrig? Trocken Brot und Wasser, dafür reicht's grad mal.“
Das Zischen austretendes Dampfes schweißte mich am Boden fest, ich konnte ihn riechen, diesen unverkennbaren verlockenden Duft des frisch Aufgebrühten, sah die samtige tiefdunkle Farbe durch die Glaskanne schimmern, und fast wäre mir Sabber von den Lippen getropft.
„Aber jetzt gönn ich mir mal was, muss man doch auch mal! Nicht wahr? Ja, ein Stück von der Erdbeersahnetorte. Ja, mit Schlag und einen Kaffee. Sehr nett! Ja, danke.“
Wippelte den Kopf, ließ den Rollator einfach stehen und schlurfte zum Ecktisch hinüber. Hilfsbereit schaffte die Verkäuferin Torte, Tasse, Besteck und Serviette zum Platz. Natürlich!
Wackeldackel! Alter Wackeldackel! knurrte mein Zombie.
Ganz offensichtlich konnte mich die Bäckersfrau nicht leiden, sie ließ sich viel Zeit, bis meine Bestellung entgegengenommen wurde.
„Ein Käsesandwich und einen Kaffee bitte! Einfach Kaffee, mit Milch, egal welche! Heiß, groß, zum Mitnehmen, gleich!“
Ich wollte Fehler und vor allen Dingen Nachfragen vermeiden, die solche Sachen unnötig verkomplizierten.
Das Sandwich wurde lieblos eingewickelt und auf den Tresen geknallt, das Gleiche passierte mit dem Becher, dessen Inhalt daraufhin überschwappte.
War mir egal, ich hatte nur Augen für meinen gigantischen Kaffee und trank, noch bevor ich mein Geld zückte, einen großen Schluck, verbrannte mir dabei die Zunge und nahm trotzdem einen zweiten, fühlte meine Lebensgeister und mich endlich wieder als Mensch.
Zufrieden legte ich einen Schein auf den Tisch, doch als sie ausgerechnet sechs Euro sechsundsechzig von mir verlangte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Schien ihr Gesicht sich nicht ein ganz klein wenig in eine teuflisch grinsende Fratze zu verwandeln?
Ganz sicher! Der Kaffee war vergiftet.
„Na, hast du die Standpauke vom General überstanden?“
Mitleidig schaute mich Tina an, ich zuckte nur ungerührt die Schultern. Sie sollte mal ja nicht so tun, als würde sie der erhaltende Rüffel nicht freuen. Tina schleimte sich seit Marks Herrschaft über diese Filiale völlig unverschämt bei ihm ein. Ich fragte mich, wie weit sie für sein Wohlwollen und ein paar Vergünstigungen gehen würde.
Vom allerersten Tag an konnte ich Mark nicht ausstehen.
Sein ganzes gebieterisches Auftreten und Gehabe lassen meinen Testosteronspiegel täglich in ungeahnte Höhen schnellen.
Ich verabscheue jegliche Art von Autorität. Schon aus Prinzip.
Bei seiner Ankunft bekam die Belegschaft Order, zwei Stunden vor Arbeitsbeginn in der Filiale zu erscheinen, zwei Stunden, die uns wieder einmal nicht vergütet wurden. Der Bezirksleiter höchstpersönlich stellte uns Mark vor, hielt seine Rede und ließ uns darauf mit diesem Möchtegerndiktator allein. Der neue Chef, großgewachsen und drahtig, begann seinen Einstand vorläufig damit, uns die Leviten zu lesen. Er drohte mit umfassenden Änderungen, Verkaufsoptimierung, Mitarbeiterschulungen, regelmäßigen Testkäufen et cetera. Seit diesem Tag kommandierte er im anmaßenden Befehlston herum, als wären wir seine Leibeigenen.
Und seit selbigem Tag legte ich ihm Steine in den Weg.
Diesen Job erledige ich nur, weil ich ihn eben bekommen habe, und irgendwie muss ich schließlich mein Geld verdienen, nicht weil es der schönste Beruf auf Erden wäre.
Tagein tagaus berate ich Leute zur Wohnungseinrichtung, Singles, Jungverheiratete bis zu den frisch Geschiedenen. Junge, Alte, Wohlhabende genauso wie arme Schlucker. Mit den Jahren bekommt man ein feines Gespür für die Leute, ich lausche zwischen den Worten, registriere Mimik und Gestik, oft reichen ein paar Minuten, um die finanzielle Situation, den Familienstatus, den Geschmacksstil einzuschätzen.
Ich mache keine Unterschiede, ihre privaten Belange gehen mich nichts an, ich bin nicht ihr Psychiater, ich verkaufe nach bestem Wissen und Gewissen.
Seit mehr als zehn Jahren war das zu meinem Berufsethos geworden, ich hatte in dieser Zeit schon viele Filialleiter kommen und gehen sehen.
Auch Marks Anwesenheit blieb hier begrenzt, seine Zeit lief ab, zu meinen Gunsten. Etwas, das ich mir jeden Morgen sagte, wenn ich vor Arbeitsbeginn seine Ansprache über mich ergehen lassen musste, mit der er das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe stärken wollte.
Ständig erörterte er, dass Kameradschaft und Hilfsbereitschaft an erster Stelle stünden, dass wir glücklichen Mitarbeiter zu einer großen einzigartigen Familie gehören dürften, in der man jeden Tag sein Bestes geben müsse.
Für die Familie und für die Firma.
Das war alles großer Bullshit und konnte mich keineswegs beeindrucken.
Seit zwei Wochen lief die Kamelhaardeckenaktion. Das heißt, wir sollten diese stinkenden teuren Sommerdecken mit aller Überzeugungskraft an den Mann oder die Frau bringen, und Mark strich für jede verkaufte Decke seine Provision ein. Selbstverständlich hatte ich deshalb nicht eine verkauft.
Der Chef begab sich am Vormittag von seinem Thronsaal in den Laden herab, ließ mich antanzen und suchte seine Zielpersonen aus.
Ein betagtes Ehepaar wurde Opfer seiner Intensivierung.
Sie, liebevolles Hausmütterchen, er, der Herr im Hause, etwa fünfzig Jahre verheiratet (was mir das goldene Sträußchen an ihrem Reviers verriet), gutmütig, freundlich, streng konservativ, wohlsituiert, aber nicht vermögend, und gewiss besaß der Herr weder Kreditkarte noch Handy. Mit großer Wahrscheinlichkeit kannten beide Kamele nur aus dem abendlichen Fernsehprogramm.
Der General bewies sofort sein überragendes Verkaufstalent. Führte die Kunden beharrlich an das Ziel, versprach außergewöhnlichste Eigenschaften und Vorteile bei einem geradezu unschlagbar günstigen Preis.
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