Die Überfahrt nach Carriacou verlief unspektakulär. Nur die reichen Yachtbesitzer, die durch die Karibik schipperten, staunten ein bisschen, dass da ein Weißer auf dem Holzschiffchen mitsegelte. Unorganisiert war meine Besatzung übrigens überhaupt nicht. Es befanden sich doch tatsächlich Einreisekarten an Bord. Gut, diese galten zwar für St. Vincent und die Grenadinen und ich war gerade auf dem Weg nach Grenada, aber in diesem Teil der Welt gilt einfach immer „No Problem!“. Mit dem Kugelschreiber wurde „St. Vincent & the Grenadines“ durchgestrichen und „Grenada“ nebendran geschrieben. Einmal das Ding ausgefüllt und beim Hafenmeister abgegeben, und schon hatte ich meinen Einreisestempel für Grenada ergattert. „No Problem“!
Grenada war noch „very British“. Die Menschen waren hier noch höflicher als auf anderen Inseln, man trank häufig „Tea“, und „Pie“ stand auf vielen Speisekarten. Hier konnte ich das letzte Mal auf dieser Reise eine Wanderung durch den Urwald in den Bergen unternehmen. Es gab tatsächlich Wanderwege mit Markierungen und Schildern, und die Zugänge waren noch nicht mal abgeschlossen. Ein anderes Wort für Urwald lautet Regenwald, der seinem Namen auf dieser Wanderung alle Ehre machte. Schon nach wenigen Schritten war der eigentliche Weg verschwunden. Ich kam mir eher wie auf einem Acker vor, auf den es drei Wochen am Stück niedergeregnet hatte. Die Taktik, die Schlammlöcher zu umgehen, hatten vor mir bereits Wanderer versucht. Den Spuren nach zu urteilen waren sie damit kläglich gescheitert: Alle Abdrücke führten über kurz oder lang in die Löcher hinein. Ich konnte mir vorstellen, wie die Schuhe der Wanderer danach ausgesehen hatten. Später fing es noch zu regnen an. Bald darauf sah ich aus, als ob ich einen Kampf im Schlammcatchen verloren hätte, denn auch ich landete in den Schlammlöchern. Trotzdem war die Tour ein großer Spaß, da in diesen Breiten bei Regen nicht gleich die Temperatur in den Keller fällt. Somit erhielt ich nur eine gratis Schlammpackung, aber keine Erkältung. Dieses Wetter verstärkte meinen Eindruck, dass Grenada „very British“ war.
Die Menschen hier waren, was ihre Meinung über Weiße anbetrifft, anscheinend gespalten. Viele waren zu mir wieder sehr nett, während manche grundlos auf mich einschimpften. Dies lag sicherlich an der Besetzung Grenadas durch die USA 1983, die hier zum Beispiel wieder einmal statt des Militärcamps ein Hospital bombardiert hatten, dessen Reste man heute noch „besichtigen“ konnte. Zum Glück dauerte die Besatzungszeit nur ein paar Wochen, seitdem war hier wieder alles friedlich.
Mein letzter innerkaribischer Flug führte mich von Grenada nach Trinidad, das selbstverständlich auch wieder eine Zwillingsinsel namens Tobago erhalten hatte, als es die Unabhängigkeit erlangte. Während Tobago sogar von Deutschland aus mit dem Charterflugzeug erreichbar war, traf ich in Trinidad gar keine Touristen, nicht einmal am Flughafen. Die Insel galt schon als ein industrialisiertes Schwellenland mit reichen Ölvorkommen. Nach mehreren Wochen sah ich das erste Mal Häuser, die höher als Palmen waren, roch Smog und traf auf hektisch agierende Menschen. Trotzdem war die Hauptstadt Port-of-Spain eine Reise wert, da sie wie Rio und Mainz eine Fastnachtshochburg war. Überall probten die Steelbands in den Straßen für ihren Auftritt während der fünften Jahreszeit Ende Februar. Bei den Steelbands handelte es sich um Gruppen mit riesigen Ölfässern, die einen superrhythmischen Sound produzierten, so dass mir gar nichts anderes übrig blieb als abzutanzen.
Port-of-Spain war die erste Stadt auf dieser Reise, bei der man von einem Nachtleben sprechen konnte. Auf den anderen Inseln war nach dem ersten oder zweiten Drink an der Strandbar gegen acht Uhr abends nichts mehr los. In Port-of-Spain fing alles erst nach neun Uhr abends an. Trinidad bot neben Fastnacht aber auch einen Artenreichtum, den es auf den zuvor bereisten Inseln nicht gab. Die Insel liegt nur elf Kilometer vor der Küste Südamerikas, was der Grund für diese Vielfalt ist. Die Mangrovensümpfe südlich von Port-of-Spain gefielen mir besonders gut. Mit einem Boot fuhr ich gemeinsam mit einigen anderen Besuchern die Kanäle entlang. Wir genossen die Ruhe, die hier fernab des Chaos und des Lärms der Hauptstadt, herrschte. Die Bäume über uns schlossen sich zu einem natürlichen Tunnel zusammen und boten, wie wir plötzlich bemerkten, nicht nur einen Lebensraum für Vögel, sondern auch für mehrere Mangroven-Boas, die zusammengeringelt auf den Bäumen ruhten. Die Schlangen warteten ab, bis die Dämmerung herein brach, um auf Nahrungssuche zu kriechen. Deshalb suchten die Vögel nach Möglichkeit Inselchen auf, wo sie vor den Boas sicher waren. Allerdings drohte den Vögeln auch von unten Gefahr, da sich Alligatoren im Gebüsch befanden.
Ein wunderschönes Schauspiel konnten wir vor einer ganz bestimmten Insel beobachten. Kurz vor Sonnenuntergang landeten hunderte von roten Ibissen auf der Insel, um einen Schlafplatz für die Nacht auszuwählen. Je weiter die Sonne sank, desto roter färbte sich die vormals grüne Insel. Es war beeindruckend zu sehen, wie dieses Massenlager ohne jegliche Geräusche belegt wurde. Der rote Ibis erhält seine typische Färbung erst nach drei Jahren, aufgrund seines Speiseplans, der aus Krebsen und Schrimps besteht. Das in den Meeresfrüchten enthaltene Karotin färbt das Gefieder der Vögel mit der Zeit knallrot. Die Ibis-Küken schlüpfen mit einem grauweißen Federkleid. Auf der Insel konnten wir beobachten, dass in den Wipfeln Grauweiß dominierte, während unten alles rotgefärbt war: Die Jungen wurden in die geschützten Flächen des „Obergeschosses“ gesetzt während die Alten im ungeschützten „Untergeschoss“ blieben.
Auch auf Trinidad wusste ich nicht genau, wie ich weiterkommen sollte, weil das regelmäßig nach Venezuela verkehrende Boot aktuell kaputt war. Also sprangen erneut die „No Problem“-Leute ein und fanden tatsächlich ein Boot, das ausgerechnet an meinem Geburtstag nach Venezuela fahren sollte. Dadurch verblieben mir noch ein paar Tage, um Trinidad zu erkunden und ein wenig die Fastnacht zu erleben. Wie bereits angedeutet, war sie in Trinidad genauso wie in Mainz eine ziemlich ernste Angelegenheit. Überall übten die „Trinis“ in so genannten „Mas Camps“ (von Maskerade) für ihren Auftritt mit den Steel Drums, den umgedrehten Ölfässern. Kostüme wurden ebenfalls in allen Ecken von Port-of-Spain zusammengenäht, trainiert wurde in den Parks und Gärten der Stadt. Überall überholten mich Jogger oder Walker. Ob jung, ob alt, alles war auf den Beinen, um später die fünfte Jahreszeit durchhalten zu können. Der Höhepunkt beginnt am Rosenmontagmorgen, bis Dienstagabend kommt wohl kein „Trini“ wirklich zur Ruhe. Auch hier war am Aschermittwoch alles vorbei. Allerdings lief das mit dem Fasten hier angeblich anders ab. Laut Gebot des „Carnivals“ existiert bis Fastnachtsdienstag ein Verzicht auf Fleisch, das am Aschermittwoch wieder aufgehoben wird. Diese Fastenzeit ist mit 30 Tagen vergleichsweise kurz, denn schließlich dauert sie in Europa mehr als sechs Wochen. Ob diese Story tatsächlich wahr ist, konnte ich nicht herausfinden, da der „Trini“, der mir sie erzählte, bereits einige Carib-Bier intus hatte. Vielleicht ein früher Fall von „Fake News“?
Was in Trinidad jedenfalls wirklich existierte, war etwas, auf dem wir täglich „abfahren“ und was mit relativ großer Wahrscheinlichkeit sogar aus Trinidad kommt: Trinidad besitzt weltweit den einzigen Teer-See. Dieser Teer wird kommerziell genutzt, und Deutschland ist der Hauptimporteur. Ausgerechnet kurz bevor ich den Teer-See erreichte, war die Straße in einem desolaten Zustand. Der Belag war vollkommen verschwunden, doch statt die eigenen Straßen auszubessern, wurde der gesamte Teer exportiert. Das erinnerte mich an eine Wanderung durch eine Kaffeeplantage in Kenia einige Jahre zuvor. An einem Kiosk machte ich Halt und bestellte einen Kaffee. Dieser kam auch, war aber Instantkaffee aus der Schweiz…
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