Am liebsten reise ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, die auch die Einheimischen nutzen: per Bus, per Bahn, mit dem Schiff und möglichst selten mit dem Flugzeug, so wie während der Afrika-Durchquerung mit meinen beiden Freunden 1995. Für mich ist der öffentliche Personenverkehr mit das Spannendste, was unsere Welt zu bieten hat. Schließlich möchte ich in fernen Ländern nicht nur Landschaften, Städte, Fußballstadien und Museen entdecken, sondern mich auch auf das Leben vor Ort einlassen. Das klappt meiner Meinung nach am besten, wenn ich dort möglichst auf Taxis und Mietwagen verzichte. Ich stelle mich da lieber mit den Einheimischen in eine Schlange und warte auf den Bus, das Schiff oder den Zug. Auf dieser Reise funktionierte dies nur teilweise. Ein Inselhüpfen ausschließlich mit Schiffen wäre in der Karibik leider nur per Kreuzfahrtschiff möglich. Viel zu selten existieren Fähren, die die Inseln (und Länder) miteinander verbinden. So war mir bereits vor der Reise bewusst, dass ich von meinem Vorsatz würde abweichen müssen, möglichst ohne Flugzeuge eine Region zu entdecken. Trotzdem wurde diese Reise alles andere als ein Urlaub, sondern das, was mich immer wieder in den Bann zieht: ein Reisen von Insel zu Insel bis hinunter nach Südamerika. Dieser Kontinent war noch Neuland für mich. Den Fuß, abseits eines Flughafens, erstmals auf einen neuen Kontinent zu setzen, war für mich immer etwas Besonders. Dies war mir außerhalb Europas bisher nur in Asien gelungen. 1995 hatte ich auf der Reise von Mainz nach Kapstadt mit der Fähre in Istanbul den Bosporus überquert. Afrika hatte ich, wie erwähnt, „unfreiwillig“ 1975 mit dem Flugzeug in Tunis erreicht. Gleiches gilt für Nordamerika (1994 in New York) und Ozeanien (1999 in Sydney). Eine Antarktis-Reise musste noch sieben Jahre warten.
Der Anflug auf die Antillen-Insel St. Martin gilt als einer der spektakulärsten weltweit. Leider saß ich seit dem Abflug in Paris acht Stunden zuvor in der Mittelreihe des Flugzeugs. Natürlich landeten wir nicht zwischen Achttausendern wie in Nepal. Weil ich aber in der Mitte saß, sah ich bis zum Touchdown kein Land, sondern nur Meer. Die Landebahn des Prinzessin-Juliana-Flughafens wurde auf einem schmalen Inselstreifen angelegt. So vernahm ich durch das Quietschen der Räder das Aufsetzen auf der Bahn. Ich sah aber beim Ausrollen weiterhin nur Meer. Sicherlich läuft eine Notwasserung anders ab, aber es kam mir komisch vor, mit 300 Sachen gelandet zu sein und links und rechts zog an den Fenstern kein Land vorbei. Erst als das Flugzeug in Schrittgeschwindigkeit seine Parkposition erreicht hatte, sah ich Palmen und das kleine Flughafengebäude.
Nachdem ich den Flughafen verlassen hatte, begegnete ich kaum noch anderen Touristen. Ich nahm an, dass sich die meisten in ihre Ressorts zurückzogen und diese erst wieder verließen, wenn der Rückflug anstand. So erging es mir auf fast allen Inseln dieser Reise. Die meiste Zeit war ich alleine unterwegs und traf weder auf Pauschaltouristen noch auf Rucksackreisende, wie ich es aus anderen Weltregionen gewohnt war.
Die kleine Antillen-Insel St. Martin ist besonders klein. Ihre Inselfläche entspricht dem Stadtgebiet von Mainz. Beansprucht wird die Insel von zwei Ländern: den Niederlanden, die die Insel „Sint Maarten“ nennen und von Frankreich, das von „Saint Martin“ spricht. Auf St. Martin kursierten sogar drei verschiedene Währungen: Der Antillen-Gulden, der Französische Franc und der US-Dollar. Letzterer war die dominante Währung, weil die Insel in der Nähe der USA liegt und Amerikaner hier gerne ihren Urlaub verbringen. Das konnte ich auch am Preisniveau erkennen: Je weiter ich im Verlauf der Tour nach Süden reiste und je weiter ich mich von den USA entfernte, desto günstiger wurden das Essen, das Übernachten und das Fortkommen.
St. Martin war zum Erholen ideal. Seine Strände, die bis an den Flughafen heran reichen, gelten als der Mekka der „Plane Spotter“, die sich einen Spaß daraus machen, Bilder am Strand mit landenden Maschinen zu schießen. Diese Freizeitbeschäftigung ist nicht ganz ungefährlich, da die Wirbelschleppen der landenden Maschinen Strandbesucher umwerfen können. Da ich in Mainz täglich genug Fluglärm ausgesetzt bin, musste ich mir das nicht noch am Strand von St. Martin geben. Daher hatte ich vielmehr das große Bedürfnis, meine Umgebung zu erkunden und „Bergsteigen“ zu gehen: Selbstverständlich musste ich den höchsten Berg des Königreiches der Niederlanden bezwingen. Dieser liegt 60 Kilometer westlich von St. Martin auf der Insel Saba. Innerniederländisch reiste ich mit einem Schnellboot auf die Nachbarinsel. Der Aufstieg dauerte eine Stunde und ich erreichte den Gipfel des Mt. Scenery in 887 Metern Höhe. Auf der ganzen Insel schien es keine Touristen zu geben. Jeder kannte jeden und Fremden gegenüber waren die Menschen sehr freundlich. Die Siedlungen erinnerten mich ein wenig an Bergdörfer in den Alpen. Allerdings machte mir der immergrüne Dschungel im Hintergrund klar, dass ich in der Karibik unterwegs war.
Die andere Insel, die ich von St. Martin aus besuchte, heißt Anguilla. Sie gehört zu Großbritannien. Da es auf Anguilla keine öffentlichen Verkehrsmittel gab, kam mein Roller, den ich vor dem Abflug in Deutschland an meinem Rucksack befestigte und als aufzugebendes Gepäck mitnahm, erstmals zum Einsatz. Klappräder gab es noch nicht, und ein richtiges Fahrrad mitzunehmen, schien mir einfach zu teuer, da viele Airlines für den Radtransport einen Aufschlag verlangten.
Mit meinem Roller erregte ich auf Anguilla überall großes Aufsehen. Ich war anscheinend die erste Person, die sich mit einem solchen Gefährt über das Land fortbewegte. Obwohl ich es allen Neugierigen anbot, traute sich leider niemand, damit zu fahren. War das Rollen über die asphaltierte aber wenig befahrene Hauptstraße Anguillas sehr angenehm, erinnerte mich zuvor die Überfahrt nach Anguilla mehr an einen Rafting-Trip. Das Boot flog permanent von Welle zu Welle. Ich war sehr erleichtert, diese „Schlaglochpiste“ auf dem Wasser heil überstanden zu haben. Die Insel selbst ist nur wegen ihrer paradiesischen Strände erwähnenswert. Diese entsprachen vollkommen dem Karibik-Klischee: weiß, leer, türkisblaues Wasser, und überall war kühles Carib-Bier verfügbar. Das Bier machte die Rückfahrt mit dem Roller zur Anlegestelle natürlich noch etwas lustiger.
Um meine Reise von St. Martin in Richtung Südamerika fortzusetzen, war ich nun auf das Flugzeug angewiesen. In diesem Teil der Welt sind die meisten Landebahnen so kurz, dass dort keine Jets sondern Propellermaschinen zum Einsatz kamen. Ferner waren die Flugzeiten so gering, dass es keinen Reiseflug gab. Vielmehr hatte das Fliegen in der Karibik mehr mit einem Aufzug gemein. Gerade in St. Martin zog die Maschine direkt nach dem Abheben recht steil nach oben, um dann nach wenigen Sekunden in eine Rechtskurve überzugehen, da sich hinter dem Flughafen der einzige Hügel der Insel befand und bedrohlich nah erschien. Zehn Minuten später war ich schon in einem neuen Land gelandet: St Kitts und Nevis.
Die bisher besuchten Inseln St. Martin, Saba und Anguilla gehörten immer noch europäischen Kolonialmächten. In St. Kitts und Nevis traf ich auf ein Novum der besonderen Art: Die beiden Inseln waren jeweils autonom, so dass jede beispielsweise ihre eigenen Briefmarken ausgab. Auf St. Kitts stehen noch Festungen aus dem 17. Jahrhundert, die als das „Gibraltar der Karibik“ bezeichnet werden. Innerhalb der Gemäuer gab es riesige Grünflächen. Diese würden sich optimal für das „Open Ohr“ eignen, das alljährlich an Pfingsten auf der Zitadelle in Mainz stattfindet. Dort hatte es über den Lärm in den letzten Jahren regelmäßig Anwohner-Beschwerden gegeben. Auf St. Kitts hätte sich mangels Menschen gar niemand beschweren können, wenn mal wieder die halbe Nacht durchgetrommelt würde.
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