Von St. Kitts setzte ich mit dem Schiff nach Nevis über, um dort durch den Dschungel um die Insel herum zu wandern. Auf der Tour begegnete ich vielen Affen, verschiedenen Schmetterlingen und zahlreichen Kolibris, aber keinen anderen Wanderern. Zurück auf St. Kitts flog ich wieder innerhalb weniger Minuten nach Antigua weiter, das zu Antigua und Barbuda gehört. Anscheinend war es Mitte des 20. Jahrhunderts in Großbritannien Sitte gewesen, die Inseln immer als Pärchen in die Unabhängig zu entlassen.
Das Land Antigua und Barbuda behauptet, für jeden Tag im Jahr einen Traumstrand zu bieten. Natürlich konnte ich nicht allen 365 Stränden einen Besuch abstatten, aber die Insel Antigua ist ziemlich zerfranst und bildet tatsächlich hunderte von kleinen Buchten mit weißem Sandstrand und türkisblauem Wasser. Leider hatten die Briten den gesamten tropischen Regenwald abgeholzt, um Zuckerrohr anzupflanzen. Deshalb standen, quer über die Insel verstreut, viele bis zu 200 Jahre alte Windmühlen herum, in denen das Zuckerrohr zerquetscht wurde. Daraus entsteht bis heute der berühmte karibische Rum. Dieser war, in eine Ein-Liter-Flasche abgefüllt, so teuer oder billig, wie ein Liter Bier.
Manchmal kam ich mit dem Flieger in der Karibik nicht weiter, wie ich in Antigua feststellen musste. Wenn der Zielflughafen von Lava verschüttet worden war, war das mit dem Landen natürlich schwierig. So bin ich mit dem Boot vom paradiesischen Antigua nach „Hot hot hot“ gefahren. Diese Bezeichnung steht für Montserrat, die Insel, auf der 1995 nach 400 Jahren Schlaf, der Vulkan Souffrière ausgebrochen war. Damals musste die gesamte Insel evakuiert werden. Zum Zeitpunkt meines Besuchs waren zwei Drittel der Insel gesperrt, da es ständig neue Eruptionen gab. Bereits vom 40 Kilometer entfernten Antigua konnte ich die Rauchwolke über dem Vulkan deutlich erkennen. Als ich mich von diesem Ungetüm nur noch vier Kilometer entfernt befand, kam mir das ziemlich unheimlich vor, und ich hatte ein flaues Gefühl im Magen. Permanent wurden Felsbrocken aus dem Krater herausgeschleudert, die jedes Mal beim Hinabrollen ins Tal eine riesige Staubwolke aufwirbelten. Die Massen an Lava hatten überall verbrannte Erde zurückgelassen, und wie der Flughafen waren viele Dörfer immer noch von Lava bedeckt. Die Menschen, die ihrer Heimat nicht endgültig den Rücken gekehrt hatten und auf Montserrat geblieben waren, waren die nettesten, die ich bisher getroffen hatte. Sie luden alle ein, diese Insel zu besuchen. In den Medien war in der Vergangenheit immer wieder berichtet worden, man könnte die Insel nicht besuchen oder ein Aufenthalt wäre zu gefährlich. Durch die wenigen Touristen, wir waren sechs Personen, erhielten die Bewohner wenigstens ein bisschen Geld zum Überleben. Ansonsten waren sie auf die Hilfe des Mutterlandes Großbritannien angewiesen. Von Montserrat schipperte ich wieder nach Antigua zurück, nachdem ich auf der Feuerinsel einen der schönsten Einreisestempel weltweit erhalten hatte: Ein grünes Kleeblatt, das ja für Glück steht. Den freundlichen Menschen auf Montserrat wünschte ich beim Wiederaufbau ihrer Heimat alles Glück der Welt.
War ich bisher mit relativ großen Propellermaschinen durch die Karibik geflogen, die mindestens 50 Leuten Platz boten, ging es am darauffolgenden Tag mit einem 19-Sitzer vom Typ Dornier 228 nach Guadeloupe. Auf Antigua lief das Fliegen noch ein bisschen anders ab als bei uns in Mitteleuropa. Zunächst wussten wir sieben Passagiere nicht, welches das richtige Flugzeug war, denn auf dem Rollfeld standen mehrere Flieger herum, und wir sollten zu unserer Maschine laufen. Also fragten wir bei den Piloten nach, die zum Glück bereits im Cockpit saßen. Da es bei diesen Maschinentypen immer eine separate Cockpittür gibt, war das Erfragen des Zielflughafens ziemlich einfach. Nach ein paar vergeblichen Anfragen fanden wir schließlich unseren Flieger. Kaum war die Passagiertür verschlossen, ging es schon los. Es gab keine Trennung zwischen Cockpit und Passagierkabine, so dass wir Passagiere die Tätigkeiten im Cockpit neugierig beobachten konnten. Ein Flugbegleiter befand sich nicht an Bord, weshalb die Sicherheitseinweisung auf dem kurzen Rollweg zur Startbahn vom Copiloten übernommen wurde.
In Guadeloupe fühlte ich mich fast wie in Frankreich. Vieles lief so ab wie im Mutterland 7.000 km entfernt. Guadeloupe gehört zur EU. Alle Autos fuhren mit EU-Nummernschildern durch die Gegend, und der Euro würde bald das Zahlungsmittel werden. Das Beste an Guadeloupe war das Essen. Nach all den englischsprachigen Ländern und der nicht wirklich spannenden Englisch angehauchten Küche mal wieder Croissants zu futtern und guten Rotwein zu genießen, war paradiesisch. Abends fühlte ich mich schon fast heimisch. Auf Guadeloupe startet die Hochphase der fünften Jahreszeit wie in Mainz direkt an Neujahr, so dass ich im Januar das närrische Treiben bei angenehmen 25 Grad genießen konnte. Das war das erste Mal, dass ich bei einem Fastnachtsumzug nicht frieren musste und das Ganze in Shorts und T-Shirt bestaunen konnte. Der Umzug bestand ausschließlich aus Musikgruppen, der Guggemusik nicht unähnlich. Die Leute tanzten ungezwungen auf der Straße, ohne dass ich auch nur einen Polizisten sah, der das Treiben regeln musste. An allen Ecken und Enden gab es die unterschiedlichsten Getränke und superleckeres Essen zu kaufen. Dass es weder für die Zuschauer noch für die Autos Absperrungen gab, war selbstverständlich. Natürlich endete alles in einem großen bunten Chaos...aber so macht die Straßen-Fastnacht ja erst richtig Spaß.
Nach dem vielen Fliegen von St. Martin via St. Kitts und Antigua nach Guadeloupe war ich froh, dass ich nun mein Inselhüpfen mit dem Schnellboot „L‘Express des Iles“ fortsetzen konnte. Erste Station war Dominica. Nein, nicht die Dominikanische Republik. Diese liegt 1.000 km weiter nordwestlich. Anders als in der „Dom Rep“ gab es hier keine All-Inclusive-Clubs, bei denen die Einheimischen recht wenig von den Besuchern hätten, da ja alle Mahlzeiten im Club im Heimatland entrichteten Preis inkludiert sind. Wen sollte es da zum Essen und Trinken noch nach draußen ziehen?
Christoph Kolumbus hat Dominica treffend als ein zusammengeknülltes Stück Papier beschrieben. Schließlich besteht die Insel tatsächlich nur aus engen Tälern und steilen Bergen. Das war genau der Grund, warum ich mich auf diese Insel bereits in Deutschland so gefreut hatte: Das herrliche Wandern im Regenwald und in den Bergen.
Schließlich war ich nicht vom „Alles-in-drei-Tagen-Sehen-Virus‘“ befallen. Ich war froh, in Dominica mehrere Tage zu verbringen. Der Name Dominica stammt auch von Kolumbus: Er besuchte sie erstmals an einem Sonntag, was auf Italienisch „Domenica“ heißt. Der Name wird von den Einheimischen „Do-mi-niiiiiie-ca“ ausgesprochen und unterscheidet sich damit noch ein bisschen mehr von der „Dom Rep“. Dominica hatte es mir angetan. Ich hatte bisher fast den ganzen Tag über Reggae gehört: auf der Straße, im Minibus, am Flughafen, im Restaurant, im Hotelzimmer und irgendwo in der Natur. In Dominica hörte ich hauptsächlich das Rauschen der vielen Bäche und Flüsse, den Wind, der durch die Baumwipfel pfiff sowie das Zwitschern der Vögel, die auf der ganzen Insel umherumflogen. Da Dominica, wie fast alle Inseln der kleinen Antillen, vulkanischen Ursprungs ist, gibt es zahlreiche geologische Kuriositäten. So wanderte ich zum Beispiel zum „Boiling Lake“. Der See sah aus wie ein riesiger Kochtopf voller Nudelwasser. Es kochte und blubberte auf der gesamten Oberfläche. Am Seeufer war ich von einer riesigen Dampfwolke umgeben. Je näher ich dem Ufer kam, desto weniger konnte ich etwas erkennen, da meine Brillengläser komplett beschlagen waren.
Der Weg zum „Nudelwasser“ führte zunächst durch tropischen Regenwald, der mit farbenprächtigen Blumen gespickt war. Später erreichte ich das „Valley of Desolation“. Dieses Tal hatte sich nach einem Vulkanausbruch vor hundert Jahren in eine Wüste mitten im Regenwald verwandelt. Dank der Schwefelsäure stank es überall wie auf einer ungereinigten Bahnhofstoilette. Aufgrund verschiedener mineralischer Ablagerungen war die Erde kunterbunt gefärbt: von Schwarz über Rostbraun und Gelb bis Weiß. In allen Löchern blubberte der kochende Schlamm, und der kleine, harmlos aussehende Bach bestand aus kochendem Wasser. Aufgrund ihrer Länge und des steilen Aufstiegs war diese Wanderung alles andere als ein Spaziergang. Folglich nahmen diese Strapazen nur sehr wenige Wanderer auf sich. Diese relative Abgeschiedenheit war auch ein Grund, warum ich mich einem einheimischen Führer anvertraute. So fühlte ich mich sicher, denn bei dem Weg hätte ich mir leicht den Fuß verknacksen können. Außerdem lernte ich noch ein bisschen etwas über den Alltag in Dominica, und meine Begleitung hatte ein entsprechendes Auskommen.
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