Mechthilde Böing - Franziska

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Die Geschichte einer Frau und der Familien, in die sie hineingeboren wurde und die sie selbst gründete, über die gesamte Dauer ihrer Lebenszeit betrachtet. Sie ist zusammengewoben aus vielen Anekdoten, persönlichen Erinnerungen und einer Menge Fantasie ihrer Tochter, der Autorin.
Franziska selbst hat ihr Leben nie als außergewöhnlich betrachtet, und vielleicht war es das auch nicht. Sie gehörte zu der Generation Frauen, deren Platz im Leben schon bei ihrer Geburt vorgezeichnet war. Sie hat ihn klaglos, wenn auch manchmal mit Wehmut eingenommen.
In ihren sechsundachtzig Jahren auf dieser Welt hat sie mit ungeheurer inneren Kraft einen Krieg und seine Folgen überstanden, unter schwierigen Bedingungen als Fels in der Brandung eine Familie zusammengehalten, Schmerz und Trauer erfahren und tiefe, gute Beziehungen zu den Menschen aufgebaut, die sie in ihr Herz ließ.
Diese Geschichte ihrer Familie erstreckt sich über fünf Generationen und drei Kontinente. Sie ist geprägt von guten Männern, denen der Schrecken des Krieges ihre Stimme nahm, und besonders von den starken Frauen, die an ihrer Seite standen. Ihre Persönlichkeiten wirken in den späteren Generationen nach, bis heute.
Dieses Buch ist ein Denkmal für all die Frauen, die niemand nach ihren Träumen fragte, die das Leben nehmen mussten wie es kam, die trotzdem ihren Optimismus nie verloren und am Ende von sich sagen: Es war gut, so wie es war.

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Klara hatte ihren kleinen Brüdern einen Roller mit Luftreifen mitgebracht. Das war vielleicht eine Sensation. Mit dem konnte man so schnell fahren wie der Blitz. Kein Vergleich mit den Holzrollern, die sie bisher kannten.

Stolz zeigten sie ihr neues Gefährt all ihren Freunden, die vor Neid erblassten. Sie spielten Krieg im Pastors Busch mit einfachen Soldaten und Offizieren, die Anweisungen gaben, und einem Kradfahrer, in ihrem Falle auf einem Luftreifenroller unterwegs, der Meldungen von einer Gruppe zur nächsten transportierte. Das wurde für die nächsten Wochen die mit Abstand beliebteste Rolle!

Christine ging zu ihrem Bruder in die Werkstatt. Dort hatte sich nicht viel verändert in den letzten Jahren.

Sie sog den Geruch des frischen Leders ein und lachte über den langen Holzbalken auf zwei Böcken, der mit Nägeln gespickt war, die die Kinder zum Zeitvertreib und zum Erlernen des Umgangs mit dem Hammer einschlagen durften. Ein Magnet war die neueste Errungenschaft, mit ihm konnte man die kleinen Nägel einsammeln, die sich abends auf dem Boden wiederfanden. Das Regal an der Rückwand war voll von Leisten unterschiedlicher Größe und penibler Beschriftung bezüglich der Kunden, zu denen sie gehörten.

Aloys war gerade dabei, ein paar Schuhe neu zu besohlen und schlug mit geübten Bewegungen in schneller Reihenfolge kleine Nägel, die er zwischen seinen Zähnen hielt, in die Unterseite.

„Na, wie geht es dir?“, fragte Christine, ohne auf eine Antwort zu warten. „Josefine sieht nicht sehr glücklich aus. Ihr hättet wirklich nicht die Betten für uns räumen müssen.“

„Uns geht es gut. Mach dir da mal keine Sorgen. So lange der Herrgott auf uns aufpasst, kann uns nichts passieren. Josefine ist überarbeitet. Der ganze Haushalt und die vielen Kinder, das ist schon anstrengend. Das bleibt nicht einfach in den Klamotten hängen“, sagte Aloys mit einem belehrenden Ton in der Stimme.

Dann fügte er nachdenklich hinzu,

„Sie ist eine gute Frau. Sie tut, was sie kann, auch wenn sie öfters zu streng ist. Kürzlich hat sie Franziska so verdroschen, dass ich Angst bekommen habe, nur, weil die Kleine abends nicht schnell genug ins Bett gegangen ist, als Willi aus Westerholt hier war und so schön und lustig erzählt hat. Da sind die Gäule mit Josefine durchgegangen.“

„Apropos Franziska.“, hakte Christine ein. „Sie ist ein wirklich nettes Mädchen und ich mag sie sehr. Du weißt, bei uns klappt es bisher nicht mit dem Kinderkriegen, und ich hätte so gern ein Mädchen. Meinst du, sie könnte mit mir nach Uruguay gehen und bei mir leben. Ich verspreche dir, ich würde sie lieben und versorgen wie ein eigenes Kind. Du hast doch noch so viele andere und einen Kostverwerter weniger, das wäre doch auch für euch nicht so schlecht.“

Aloys dachte nur sehr kurz nach.

„Das lass mal stecken, Christine. So weit weg gebe ich unseren Zikus nicht. Dann würden wir sie ja auf Jahre nicht wiedersehen, und sie wäre erst einmal ziemlich traurig in dem fremden Land. Das kannst du allein auch nicht wettmachen, und wenn du dich noch so anstrengst.“

„Na ja, war ja nur so ein Gedanke.“, lenkte Christine gleich verlegen ein und sprach das Thema nie wieder an.

Nach zwei Wochen intensiver Familienzeit und ausgiebigen Treffen mit allen Leuten, die sie in der Gegend noch so kannte, hieß es Abschied nehmen für Christine.

Eduardo hatte sich wacker an ihrer Seite geschlagen, obwohl er nun müde wirkte nach all der Anstrengung mit den vielen neuen Gesichtern, dem unablässigen Geräuschpegel um sich herum und dem ständigen Versuch, der deutschen Sprache ihre schwierige Grammatik abzuringen. Er sehnte sich nach Ruhe auf seiner Farm und seufzte erleichtert, als sie endlich im Zug saßen, der sie auf den Weg nach Hause bringen sollte.

Christine hatte noch Tränen in den Augen und kämpfte mit ihren Emotionen, die sie am Bahnhof übermannt hatten. Sie ahnte nicht, dass es fünfunddreißig Jahre dauern würde, bis sie wieder heimischen Boden betreten konnte, und dass sie soeben ihren Bruder das letzte Mal in ihrem Leben in den Arm genommen hatte.

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