Nach dem Konzert ging sie mit David schnell und still aus dem Raum. Auf dem Weg zu seinem Auto hielt David ihre Hand. Und es fühlte sich richtig an. Sie sprachen beide nicht viel. Eine Gruppe Touristen war mit einem singenden Nachtwächter unterwegs, der eine Laterne vor sich her trug. Ansonsten war nicht viel los. Der Marktplatz wirkte wie eine beleuchtete Filmkulisse. Noch malerischer als tagsüber. Über dem Viereck des nachtblauen Himmels, der ihn überspannte, funkelten die Sterne. Der Mond hing wie ein Stück Zitrone dazwischen. Nina spürte zwar die Ruhe und Geborgenheit der Kleinstadt, aber das Bild von Blondie ließ sie nicht ganz los.
„Wer ist die blonde Frau, die manchmal neben dir sitzt und so viel mit dir spricht?", fragte sie David ausnahmsweise einmal ganz direkt. „Ach, du meinst Gabi. Sie ist auch im Evaluatorenkurs und ist eine ehemalige Kollegin. Sie hat gerade Ehestress und würde am liebsten den Evaluatorenkurs hinwerfen. Aber ich sage ihr, selbst wenn dein Ehemann nervige SMSen schickt und den Eifersüchtigen mimt, halte durch. Es wäre doch schade drum. Jetzt hat sie doch schon einige Module hinter sich. Und auch wenn der Gatte sich noch so aufregt, Gabi geht nicht fremd. Das ist absoluter Quatsch."
„Aha, bist also abgeblitzt?", vermutete Nina mit einem frechen Grinsen. „Wir kennen uns erst zwei Tage und die Dame ist schon eifersüchtig. Ist ja allerhand!" David packte Ninas Hand und zog sie Richtung Kirche, bis sie beide atemlos unter dem schiefen Turm standen. Er umarmte sie so, dass sie sich mit dem Rücken an seine Brust kuscheln konnte und hielt sie in der Taille fest. Beide schauten schweigend auf den Marktplatz, der vor ihnen lag und ließen die besondere Ausstrahlung des Ortes auf sich wirken. David flüsterte ihr ins Ohr: „Lass dich nicht drausbringen durch irgendwelche blonden Engel. Das hast du gar nicht nötig. Wir beide haben uns nicht zufällig getroffen. Du gefällst mir. Es kommt mir so vor, als würde ich dich schon ewig kennen."
Nina lehnte sich wohlig an ihn und spürte, wie eine warme prickelnde Welle durch ihren Körper floss. Es war so schön, sich geborgen und begehrt zu fühlen. David drehte sie um. Seine Augen glitzerten im Halbdunkel und dann küsste er sie mit warmen Lippen auf den Mund. Er lächelte Nina an: „Ich bin froh, dass ich dich getroffen habe. Komm, lass uns noch ein Glas Wein trinken gehen. Hier ganz nahe am Marktplatz gibt es eine urige Weinstube." „Woher kennst du dieses Städtchen denn so genau?" „Oh, wir Evaluatoren sind eine taffe Gruppe. Wir evaluieren alles, manchmal auch Weinstuben", scherzte David.
Kurz nach 23 Uhr kamen beide wieder in der Tagungsstätte an. Zwar hatte Nina gesagt, dass sie früh zu Bett wollte, aber jetzt fiel es ihr doch schwer, sich wieder von David zu trennen. Also ging sie mit ihm in die Bar, wo er gleich mit einem großen Hallo von seinen Kurskollegen, natürlich auch von Blondie, begrüßt wurde. Er signalisierte Nina, dass ihm jetzt nichts anderes übrig blieb als zu seiner Arbeitsgruppe zu stoßen. Nina blieb am Eingang stehen und überlegte, ob sie sich nach diesem ereignisreichen Tag nicht besser in ihr ruhiges Zimmer zurückziehen sollte.
Da traf sie ein Blick aus sanften Augen. An der Theke lehnte der Cellist, der jetzt auf sie zukam: „Wenn Musik die Seele so berührt, dann ist meine Arbeit und mein vieles Üben und Trainieren sinnvoll. Ich danke Ihnen. Die Ergriffenheit der Zuhörer ist das schönste Geschenk für uns Musiker." Nina wusste gar nicht, was sie sagen sollte. „Jorge de Rivera", der Cellist gab ihr seine Hand und sie ihm völlig entgeistert ihre. War es wirklich so, dass es Phasen im Leben einer Frau gab, in denen sich kein Mann für sie interessierte und dann Phasen, in denen gleich mehrere auf einmal auftauchten? Dieses Geheimnis hatte ihr ihre Schwester einmal verraten. Und jetzt schien es sich zu bewahrheiten.
Sie stotterte ihren Namen heraus, aber Jorge störte das nicht. „Sollen wir noch einige Schritte in der Abendluft gehen?", fragte er, nahm sie am Arm und führte sie einfach hinaus, bevor sie es sich anders überlegen konnte. „Mir ist es schnell zu laut in Kneipen. Aber hier draußen ist es schön ruhig. Ich hoffe, Sie frieren nicht." Nina schüttelte den Kopf. Und Jorge lenkte beide in den Park mit den alten Bäumen. Auf einem Kiesweg kamen sie zu einem kleinen alten Pavillon, umgeben von dunklen Thuja-Büschen und einigen dicken alten Buchen. „Wir Musiker sind ständig unterwegs. Wir sehen viele Orte. Aber dieser hier ist ein ganz besonderer. Er atmet Lebensfreude aus und Naturverbundenheit. Wir sollten uns den Pavillon morgen gemeinsam ansehen, bevor ich wegfahre. An den Decken und Wänden gibt es schöne alte Fresken. Hätten Sie gegen neun Uhr Zeit?" „Ich nehme an einem Kurs teil. Dieser startet um halb neun, aber ich werde mich entschuldigen. Länger als eine halbe Stunde wird es wohl nicht dauern. Ja, ich werde um neun Uhr am Eingangsportal der Tagungsstätte sein."
Nina war über sich selbst erstaunt. Wie konnte sie sich mit Jorge verabreden, wo sie doch dabei war, sich in David zu verlieben. Es mussten Jorges sanfte Augen sein, dieser Blick, dieses tiefe Verständnis, diese Wärme, die er ausstrahlte. „Ich glaube Sie frieren ein bisschen", stellte Jorge mit zärtlich-weicher Stimme fest. Nina lächelte: „Ich muss jetzt wirklich ins Bett. Es war ein anstrengender Tag." Sie unterdrückte ein leichtes Gähnen. Jorge begleitete sie noch zur Eingangstür und verabschiedete sich mit sanftem Blick und melodiöser Stimme. Dieser Mann lebte Musik, dachte Nina noch, dann fiel sie nach einer kurzen Toilette schwer ins Bett und schlief wie ein Stein. Mitten in der Nacht wachte sie auf, denn es pochte leicht an ihre Tür. Ihre Augen klappten kurz auf, aber dann sofort wieder zu.
Kapitel VI - Abschiedsmelodie
Beim Frühstück fühlte sich Nina noch müde und schwer. David war nicht zu sehen und Jorge auch nicht. Im Pestalozzisaal ging es um die zwei Rollenspiele, die noch vorgestellt werden sollten. Wie man aus der Mücke einen Elefanten macht, gab die erste Arbeitsgruppe zum Besten. Zuerst erzählte der betroffene Kollege die Vorgeschichte.
Kollege Bergner hatte mit dem Rektor ein bestimmtes Klassenzimmer für eine Kalligraphie-Arbeitsgruppe am Dienstagnachmittag abgesprochen: „Als ich mit meiner Gruppe um 14 Uhr vor der Klassentür stand, befand sich in selbigem Raum eine Kollegin mit einer Prüfungskommission. Der Rektor der Nachbarschule und ein Herr vom Schulamt nahmen zusammen mit besagter Kollegin R. die Schulfremdenprüfung ab.“
Bergner erzählte die ganze verkorkste Situation, die diesem Raum-Missverständnis folgte. Kollegin R. hatte sich natürlich über ihn beim Rektor beschwert. Dieser hatte Bergner zu sich zitiert und war cholerisch aus der Rolle gefallen. Besonders kränkend für Bergner war, dass der Schulleiter auch noch die Schulsekretärin als Zeugin in dieses Gespräch geholt hatte, und das ohne Bergner vorher darüber in Kenntnis zu setzen. Der Schulleiter hatte von Bergner verlangt, dass dieser sich bei allen Personen, die sich so wahnsinnig gestört gefühlt hatten, entschuldigte.
Zudem sei ihm zugetragen worden, dass Bergner sich noch beim Kaffeetrinken in der Schulmensa darüber echauffiert hätte, dass man ihm diese Raumänderung nicht persönlich mitgeteilt hätte. Ein untragbares Verhalten sei das, das Unruhe in den Ablauf brächte. Bergner erzählte: „Er polterte mich an, ich sei ein Störenfried in der Schule und hätte wohl ein Problem. Nein, ich sei das Problem!“
Dem Kollegen war anzumerken, wie kränkend er das Vorgehen des Schulleiters erlebt hatte. Der Schulleiter hatte die Aussagen des Kollegen gar nicht ernst genommen, sondern schob ihm einfach die Schuld für diese von der Kollegin aufgebauschte Gesamtsituation zu und fühlte sich gestört. Die Teilnehmer des Lehrgangs lachten manchmal, während Bergner erzählte. Aber dem Kollegen selbst war gar nicht zum Lachen zumute. Im Rollenspiel sollte das Konfliktgespräch mit dem Rektor antizipiert werden.
Читать дальше