»Am liebsten sechs Wochen!«
»Sechs Wochen!« Dem Mädchen blieb der Mund offen stehen.
»Ja, ich habe schon seit einer Ewigkeit keinen Urlaub mehr gehabt«, erklärte Katharina schnell.
»Und Sie wollen eine Weile von der Bildfläche verschwinden, oder?« Das Mädchen musterte sie kritisch. »Beziehungsstress?«
»Wie kommen Sie da drauf?«
»Na ja, mir ist aufgefallen, dass Sie … da am Auge …«
Oh Hilfe, daran hatte Katharina gar nicht mehr gedacht: Sie hatte ja bei ihrem letzten Fall ein paar Blessuren davongetragen. Nachdenklich betrachtete sie ihre verbundene Hand: eine Schnittwunde. Selbst zugefügt, als sie eine große Scheibe eingeschlagen hatte.
Und das Veilchen hatte sie sich eingefangen, als der Mörder, gegen den sie ermittelte, sie überwältigt hatte. Beinahe hätten er und sein Partner sie umgebracht. Wenn Andreas Amendt nicht rechtzeitig zu Hilfe gekommen wäre. War das wirklich erst gestern gewesen?
»Na ja, es geht mich ja auch nichts an«, entschuldigte sich das Mädchen eilig.
Doch Katharina hatte eine Idee, für die sie sich gleich darauf schämte: Wie oft hatte sie schon in irgendwelchen Küchen, Schlafzimmern oder Wohnungsfluren gestanden – über eine Leiche gebeugt, der Mann oder der Freund der Toten in Handschellen im Streifenwagen, immer noch fassungslos von seiner eigenen Tat?
Dennoch war das der einzige Weg, das Mädchen zum Schweigen zu überreden. »Ja. Ich habe mich getrennt. Carlos hat das nicht so gut verkraftet und …« Sie deutete auf ihre Wange.
»Das kenne ich leider auch. Trennung ist da wirklich das Beste«, sagte das Mädchen mitleidig.
»Stimmt. Und deswegen will ich jetzt auch ein paar Wochen weg. Untertauchen, bis er sich beruhigt hat.«
Das Mädchen wandte sich dem Computer zu: »Dann wollen wir mal! – Doch, sechs Wochen sind kein Problem. Und Sie können auch vor Ort bequem verlängern, wenn Sie das wollen. Vollpension?«
Katharina bejahte.
»Also: Der Flug mit der Lufthansa geht morgen früh um sieben Uhr fünfunddreißig und –«
»Gibt es keinen früheren?«
»Oh je. Mal schauen.« Das Mädchen befragte wieder ihren Computer. »Also direkt nach Dar es Salam nicht … Oder, warten Sie, doch: Emirates Airlines mit einem Zwischenstopp in Dubai. Der Weiterflug ist aber die gleiche Maschine. Der geht um zehn nach neun, also in einer knappen Stunde. Das sollten Sie schaffen. Aber, Moment …«
»Ja?«
»Der Flieger ist fast ausgebucht. Da ist nur noch ein Platz in der ersten Klasse.«
»Was kostet das Ganze denn dann?«
Das Mädchen nannte ihr eine exorbitante Summe. Dennoch nicht mal ein Viertel dessen, was Katharina in ihrer Handtasche mit sich trug. Doch, das konnte sie sich leisten. »Den nehme ich!«
»Sehr schön.« Das Mädchen strahlte wieder. Kein Wunder, denn sie hatte vermutlich gerade eine fette Provision verdient. »Dann brauche ich Ihren Pass.«
Katharina gab ihn ihr und das Mädchen begann zu tippen.
»Gut, Frau Yamamoto …«
Frau Yama … Ach ja, richtig, ihr Tarnname. Katharina musste sich schnell daran gewöhnen, so genannt zu werden.
»Wie wollen Sie zahlen?«, fragte das Mädchen.
»Bar. Wenn Sie nichts dagegen haben.« Katharina öffnete ihre Handtasche, zog den Reißverschluss des Innenfachs auf und entnahm ein Bündel Geldscheine.
»Nein, nein. Das ist kein Problem«, das Mädchen wurde misstrauisch, »nur ungewöhnlich. Das ist doch kein …?«
Schnell, eine Ausrede! Katharina sagte das Erste, was ihr durch den Kopf schoss: »Nein, kein Falschgeld. Keine Sorge. Ich … nun ja, ich habe mich für das Veilchen gerächt und Carlos’ nagelneuen Porsche verkauft. Pech, wenn er ihn aus steuerlichen Gründen auf mich eintragen lässt.«
Das Mädchen stimmte mit einem verschwörerischen »Wir Frauen müssen zusammenhalten«-Grinsen zu: »Richtig. Pech.«
Katharina zählte den Betrag ab. Das Mädchen nahm das Geld und verschloss es in einer Kassette. Dann gab sie Katharina einen Umschlag mit ihren Reiseunterlagen. Katharina verstaute ihn in ihrer Handtasche und wollte aufstehen.
»Moment!« Das Mädchen durchsuchte die Regale, bis sie endlich drei Prospekte hervorzog, die sie Katharina reichte: »Damit Sie auch wissen, wohin Sie fliegen.« Tansania, Mafia Island … und ein Prospekt, der »Golden Rock. Das Paradies in der Brandung« betitelt war.
»Golden Rock ist das Resort. Sie werden einen echten Traumurlaub haben! Erholen Sie sich gut.«
Das Mädchen gab Katharina die Hand. Dann öffnete sie ihr die Tür. Katharina nahm ihr Gepäck und ging hinaus. Dann drehte sie sich noch einmal zu dem Mädchen um: »Ach ja, wenn jemand nach mir fragen sollte … vor allem ein mittelgroßer Südländer …«
»Jaja, die hitzigen Südländer. Ich kenne das. Keine Sorge, ich werde schweigen wie ein Grab.« Das Mädchen deutete an, wie sie einen Reißverschluss über ihrem Mund zuzog.
Grab. Dort konnte es für das Mädchen leicht enden. Ministro war bestimmt nicht besonders rücksichtsvoll bei der Informationsbeschaffung. Hoffentlich hatte er ihre Spur verloren.
***
Katharina ging mit zügigen Schritten los. Doch wohin musste sie eigentlich? Eine Anzeigetafel verriet es ihr: »Emirates Airlines Flug 2804. Dubai / Dar es Salam. Departure Time 21:10. Terminal 2. Gate 13.«
Terminal 2. Das bedeutete, das Gebäude zu wechseln. Frankfurt Airport, der Flughafen der kurzen Wege. Sie fuhr mit der Rolltreppe eine Etage nach oben zur Station der Skyline genannten Magnetbahn, die die beiden Terminals miteinander verband.
***
Am Bahnsteig stand bereits eine Bahn.
Ein Mann sah, wie Katharina ihre Schritte beschleunigte, und stellte den Fuß in die automatische Tür, damit sie noch einsteigen konnte. Er hob ihr auch die Reisetasche in die Kabine. Katharina bedankte sich. Der Mann winkte ab und wandte sich dann wieder seiner Begleitung zu, einer jungen Frau mit langen, blonden, gelockten Haaren. Hübsches, rundliches Gesicht. Auf der Nase das gleiche eckige Designer-Brillenmodell, das auch Katharina im Moment trug. Es passte eigentlich gar nicht zu dem Mädchen.
Das Blondlöckchen wuschelte ihrem Begleiter über die kurzen Haare: »Immer galant und hilfsbereit, Dirk-Marjan!«
Der Mann – schlank, Dreitagebart, dunkelblondes Haar, vielleicht ein bisschen zu bemüht, gut auszusehen – winkte ab: »Ach, du weißt ja, Kristina. Was du willst, dass man dir tut …«
Die Bahn setzte sich in Bewegung. Die Frau nutzte die Gelegenheit, die Balance zu verlieren und sich von ihrer Begleitung auffangen zu lassen.
»Hinein in deine starken Arme, mein Ritter!«, dachte Katharina und verkniff sich ein Lachen.
Der Mann stellte die Frau wieder aufrecht hin. Sie strahlte ihn an: »Danke. Und das mit dem Early Check-in ist eine prima Idee von dir. Dann brauchen wir uns morgen nicht so abzuhetzen und mit dem ganzen Gepäck abzuschleppen. Wusste gar nicht, dass das geht.«
»Na ja, ich mache das immer so, wenn es möglich ist.«
»Und du hättest wirklich keine zwei Einzelzimmer nehmen müssen. Wir sind doch gut genug befreundet.«
Wie? Die beiden waren kein Paar?
»Wir hätten uns wirklich ein Zimmer teilen können. Wo das Sheraton hier am Flughafen doch so teuer ist«, fuhr die Frau fort. Sie war einen kleinen Schritt an ihren Begleiter herangetreten, doch der reagierte nicht. Vielleicht schwul, dachte Katharina. Vom Aussehen her kam es hin.
»Ach, erstens kann ich mir das leisten. Und zweitens ist die Reise umsonst, wie du weißt«, antwortete er gönnerhaft.
»Und du hast wirklich noch immer keine Ahnung, wer dir die Tickets geschickt hat?«, fragte die Frau mit großen, staunenden, blauen Augen.
»Nein. War nicht mal ein Begleitschreiben dabei.«
»Das ist bestimmt ein Trick. Die sind bestimmt von einer schönen Frau, die dich auf eine einsame Insel locken will –«
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