… bis ihn die beiden Polizisten aus der Dusche gezerrt hatten.
Er war nackt gewesen. Das heiße Wasser war wuchtig aus der Massage-Brause auf ihn herabgeprasselt. Dennoch hatte er gefroren. Das Badezimmer war neblig vom Wasserdampf. Seine Kleidung lag unordentlich auf den Fliesen vor der Wanne. Blutverschmiert. Deshalb hatten sie ihn in einen weißen Einweg-Overall aus Plastik gesteckt. Dann hatten sie ihm Handschellen angelegt und ihn auf dem Rücksitz eines Streifenwagens sich selbst überlassen.
Bis Polanski kam.
Dann erst hatte er erfahren, was passiert war.
Was er getan hatte.
Natürlich war er es gewesen. Wer denn sonst? Die Schizophrenie seiner Mutter hatte ihn endlich eingeholt. Auch sie war eines Tages durchgedreht. Hatte mit einem Messer auf seinen Vater eingestochen – und auch auf ihn: Die drei Narben auf seinem Brustkorb legten davon Zeugnis ab. Doch die Stiche hatten das Herz verfehlt.
Sein Vater hatte weniger Glück gehabt. Er war innerlich verblutet. Dann war seine Mutter ins Badezimmer gegangen und hatte sich selbst die Kehle durchgeschnitten.
***
Die Türklingel riss Andreas Amendt aus seinen Gedanken. Wer konnte das …? Wer wohl? Das konnte nur sie sein. Sie war gekommen, um ihn zur Rede zu stellen. Er hätte nach dem Kuss nicht einfach davonlaufen sollen. Er hätte bleiben sollen. Ihr die Wahrheit sagen.
Zu spät.
Er wollte aufstehen und zur Tür gehen. Doch er hatte einfach nicht die Kraft. Nicht heute. Nicht jetzt.
Er ließ sich wieder auf das Sofa zurücksinken.
Lauschte in die Dunkelheit.
Doch es klingelte kein zweites Mal.
***
»Bereit, jeden Tag im Kampf zu sterben, traten junge wie alte Samurai gepflegt auf, weil sonst ihr toter Körper auf dem Schlachtfeld vom Feind als schmierig erachtet worden wäre.«
So hieß es im Hagakure, dem Lehrbuch der Samurai.
Dieses Zitat raste in Katharinas Kopf herum, während sie zwischen ihrer Wäschekommode und der Reisetasche auf ihrem Bett hin und her hetzte, immer mehr Unterwäsche in die Tasche stapelnd. Endlich zwang sie sich innezuhalten.
Sie sah auf den seidenen Body in ihren Händen: Bereit im Kampf zu sterben? Ja. Aber nicht hinterrücks abgeknallt von einem Profikiller.
Sie hatte noch immer keinen Plan. Nur eine Reisetasche voller Unterwäsche. Und einen mit einem repräsentativen Querschnitt ihres Badezimmers gefüllten Kosmetikkoffer. Die drei Geräte mit den Geheimfächern für die Teile ihrer Waffe lagen obenauf. Doch ihre Pistole würde sie erst im letzten Moment verstauen.
Wo sollte sie hin? Was brauchte sie dazu?
***
In ihrer Wohnung angekommen, hatte sie als Erstes ihre große Keksdose genommen, in der sie ihre Pokergewinne aufbewahrte, und Kassensturz gemacht: etwas mehr als fünfzigtausend Euro.
Sie hatte das Geld – lauter gebrauchte Scheine – sortiert und in das Innenfach ihrer Handtasche gestopft. Ihr Notebook wanderte gleichfalls in ihre Handtasche: Sie würde es brauchen, um mit der Außenwelt in Kontakt zu bleiben.
Dann hatte sie die Akte aus ihrem Wohnzimmer-Safe geholt: die Fallakte zum Mord an ihrer Familie.
Sie hatte Lutz gebeten, ihre Reisetasche vom Schlafzimmerschrank zu fischen. Der große Leibwächter hatte ihr gerne den Gefallen getan. Dann war er zurück in die Küche gegangen, wo sein Partner Hans saß. Und vier missgelaunte BKA-Beamte, die Polanski zu Katharinas Schutz geschickt hatte, bis sie die Stadt verlassen konnte.
***
Die Reisetasche war zwar schon älter, aber wirklich benutzt worden war sie bisher nur zweimal: Katharina hatte ein halbes Jahr in den USA auf der FBI-Akademie in Quantico verbracht. Und dann damals, als sie als Austauschschülerin nach Südafrika geflogen und so dem Mörder ihrer Familie entgangen war. Aber vielleicht …
Vielleicht hätte sie damals das Schlimmste verhindern können. Ihrer Schwester den Mann ausreden. Die Verlobung. Die Schwangerschaft. Wenn Susanne etwas machte, dann richtig: verliebt, verlobt und schwanger in weniger als drei Monaten. Oder sie hätte sogar …
Unsinn! Was hätte ein sechzehnjähriges Mädchen gegen einen Wahnsinnigen mit einer Pistole schon ausrichten können?
Nicht grübeln! Nicht jetzt!
Katharina zwang sich, zu ihrer Wäschekommode zu gehen, um sie zu schließen. Doch dann entdeckte sie etwas: In der obersten Schublade, bisher gut unter ihrer Wäsche verborgen, lag ein Badeanzug, noch immer sauber mit Geschenkband verschnürt.
Sie nahm das Päckchen heraus und zog die Karte hervor, die unter dem Band steckte.
»Liebe Kaja! Viel Erfolg in Frankfurt. Mach auch irgendwann mal Urlaub! Und lern endlich schwimmen! Alles Liebe, Harry«
Harry. Harald Markert. Polizeihauptwachtmeister. Er war ihr Ausbilder gewesen. Mit ihm war sie in Kassel Streife gefahren. Obwohl erst in der zweiten Dreißiger-Hälfte, war er schon damals der nette Schutzmann von nebenan gewesen. Graue Strähnen in den Haaren. Vollbart. Bauchansatz. Stets gelassen: ein Fels in der Brandung.
Sie hatten sich angefreundet. Wohl auch, weil Harrys kleine Tochter Annika Katharina ins Herz geschlossen hatte. Das Mädchen hatte sie Kaja genannt. Harry hatte diesen Spitznamen übernommen.
Wie lange war das jetzt her? Mehr als zehn Jahre! Annika musste bald erwachsen sein.
Harry hatte Katharina immer mit ihrer großen Schwäche aufgezogen: Tiefes Wasser machte ihr Angst. Sie war sich sicher, dass irgendetwas sie packen, in die Tiefe ziehen und jämmerlich ertrinken lassen würde. Deshalb konnte sie nicht schwimmen.
Sie drehte den Badeanzug zwischen den Händen. Und vor ihrem inneren Auge formte sich der perfekte Plan: Sie wühlte ihre Sommergarderobe aus dem Schrank hervor und begann, sie in ihre Reisetasche zu stapeln. Auch den Badeanzug legte sie dazu. Man wusste ja nie.
***
Sie hatte gerade den großen Reißverschluss der Reisetasche zugezogen und mit einem kleinen Vorhängeschloss gesichert, als es klingelte:
Kurtz – zwei hübsche junge Asiatinnen im Schlepptau. Hundertprozentig ähnlich sahen sie Katharina nicht. Aber die Figuren und die Größen passten. In der winterlichen Dunkelheit würde es gehen.
Als die beiden Mädchen Katharina entdeckten, schnatterten sie erbost auf Kurtz ein.
Endlich sprach Kurtz ein Machtwort: »Nix Kollegin. Nix Konkurrenz.«
Die beiden Mädchen hielten überrascht inne.
»Ihr sollt … ihr mit was helfen«, versuchte Kurtz sich verständlich zu machen.
Nach einer kurzen Denkpause zwitscherte die eine, den Blick auf Katharina geheftet: »Ahhhh, Mädchen mit Mädchen!«
»Kostet extra!«, ergänzte die andere im gleichen Ton.
Das konnte ja heiter werden!
Doch Kurtz hatte sich schon an seinen großen Leibwächter gewandt: »Lutz, erklär es ihnen!«
Lutz neigte sich zu den beiden Mädchen und begann leise mit ihnen in ihrer Sprache zu reden. Sie hörten mit offenen Mündern zu.
Katharina war wider besseres Wissen erstaunt. »Lutz spricht … was eigentlich?«
»Mandarin.«
»Lutz spricht Mandarin?« Kaum zu glauben. Der bullige Mann war sehr einsilbig – wenn er überhaupt sprach.
»Lutz schweigt in acht Sprachen fließend. Englisch, Russisch, Spanisch, Französisch, Italienisch und … hab’ ich vergessen. Auf jeden Fall auch Mandarin.«
***
Was war das nur mit Frauen und Kleidern? Und mit Schuhen? Vor allem mit Schuhen?
Die beiden Mädchen hatten sich begeistert auf Katharinas Kleiderschrank gestürzt. Nur mit Mühe hatte Katharina ihnen ein schwarzes Samtkleid und ihr Leder-Outfit entreißen können. Auch um ihre hohen Stiefel hatte es ein kurzes Tauziehen gegeben. Jetzt standen die beiden vor ihr – tief enttäuscht, aber passend gekleidet: Jeans, Sweatshirt mit Kapuze, schwarze Halbschuhe.
Auch Katharina hatte sich umgezogen. Sie trug einen Anzug, Anthrazit mit Nadelstreifen, zu dem sie ihr Partner Thomas einmal überredet hatte, eine schlichte weiße Bluse, ein schmales Halstuch. Ihr Haar hatte sie zu einem Dutt hochgesteckt. Außerdem trug sie eine Brille mit eckigem, schwarzem Gestell. Nicht, dass sie eine Sehhilfe brauchte. Die Fassung enthielt nur Fensterglas. Doch die Brille leistete ihr gute Dienste, wenn sie besonders seriös auftreten musste. Wie zum Beispiel diesmal. Schließlich war sie laut ihren neuen Papieren »Zoë Yamamoto, Halbjapanerin, Geschäftsfrau«.
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