Katharina betrachte sich im großen Spiegel an der Tür ihres Schlafzimmerschrankes: Ja, so konnte sie gehen.
Die Flucht konnte beginnen.
***
Gemeinsam löschten sie alle Lichter. Dann setzte sich der erste Trupp in Bewegung. Die BKA-Beamten hatten sofort bessere Laune bekommen, als sie erfahren hatten, was sie tun sollten: Betont militärisch und auffällig stiegen die Beamten und eines der Mädchen in den vor dem Haus bereitstehenden SUV – schweifende Blicke, Hände an den Waffen, kryptische Handzeichen. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ein am Straßenrand geparktes Auto startete und fuhr ihnen nach.
Fünfzehn Minuten später verließen Kurtz, Hans und Lutz mit dem zweiten Mädchen die Wohnung. Leise huschten sie die Treppe hinunter, schlichen verstohlen zu Kurtz’ Maybach, stiegen unauffällig hinein und fuhren ebenfalls ab. Diesmal war es ein Motorrad, das aus einer Hauseinfahrt bog und ihnen folgte.
Katharina wartete noch eine halbe Stunde, die Straße von ihrem Schlafzimmer-Fenster aus im Blick. Ein Mann, der im Halbschatten zwischen zwei Straßenlaternen an einer Hauswand gelehnt und geraucht hatte, trat seine Zigarette aus und ging. Dann passierte nichts mehr.
Zeit zum Aufbruch.
Hans hatte bereits ihre Reisetasche und den Kosmetikkoffer zum auf dem Nachbarhof wartenden Fluchtauto gebracht. Katharina hängte sich ihre Handtasche über die Schulter. Ihre Pistole nahm sie in die Hand.
Sie schlich die Treppe hinunter, ohne das Licht anzuschalten, und glitt durch die Verbindungstür zum Keller des Nachbarhauses. Bevor sie auf den Hof trat, sah sie sich noch einmal um. Keine Menschenseele zu sehen.
***
Die Türen des alten, roten Golfs waren offen, der Schlüssel steckte in der Zündung. Katharina stieg ein und legte die Pistole griffbereit auf den Beifahrersitz. Langsam ließ sie den Wagen aus der Einfahrt auf die Straße rollen, als von links ein Auto kam. Der Fahrer bremste ab und blinkte höflich mit der Lichthupe: Sie möge doch fahren.
Der Wagen blieb eine ganze Weile hinter ihr. Ein Verfolger? Als sie auf die Friedrich-Ebert-Anlage einbog, verschwand der Wagen im Verkehr.
Dennoch: Sicher war sicher. Sie würde das Verkehrsmittel noch einmal wechseln. Anstatt in Richtung Stadtautobahn abzubiegen, fuhr sie weiter geradeaus zum Hauptbahnhof.
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Katharina steuerte den Wagen in die Tiefgarage an der Nordseite des Bahnhofs. Sie entschied sich, endlich einmal die Frauen-Bonuskarte auszuspielen – etwas, das ihr ansonsten zuwider war – und auf dem Frauenparkplatz in der Nähe des Ausgangs zu parken. Dort fand sich tatsächlich auch noch eine freie Parklücke: Sie zwängte den Golf zwischen zwei BMW X3, auf deren Rückscheiben Aufkleber verkündeten, sie hätten Xander-Olivier beziehungsweise Clarrisa-Franzi an Bord.
Sie nahm ihr Gepäck aus dem Kofferraum, ließ ihre Pistole in der Manteltasche verschwinden und legte den Autoschlüssel unter den Fahrersitz. Kurtz würde den Wagen schon finden.
Als aus dem Halbdunkel der Tiefgarage ein Mann auftauchte, ließ Katharina ängstlich die Hand in die Manteltasche gleiten. Doch der Mann ging an ihr vorüber. Offenbar wollte er nur zum Ausgang. Als er fast schon an ihr vorbei war, dreht er sich doch zu ihr um: ein Südländer. Mittelgroß. Verdammt!
Katharina wollte schon ihre Pistole ziehen, als der Mann freundlich fragte: »Brauchst du konkret Hilfe oder was?«
Er zeigte auf ihre Reisetasche.
Katharina zwang sich zu einem höflichen Lächeln, während sie den Griff ihrer Pistole fest umklammert hielt. Sie verneinte und deutete mit einem Kopfnicken auf die Tasche: »Hat Räder!«
»Sorry ey, hab’ ich dich erschreckt oder was?«
Katharina schüttelte den Kopf. Der Mann brummte etwas Unverständliches, drehte sich um und ging durch die Stahltür des Ausgangs.
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Auf den Bahnsteigen herrschte Trubel wie immer. Katharina tauchte in die Menge ein: eine Reisende unter vielen. Und unter lauter mittelgroßen Südländern. Wie sagte man doch? Es ist keine Paranoia, wenn wirklich jemand hinter dir her ist.
Scheinbar ziellos wanderte sie an den Geschäften vorbei, um etwaige Verfolger zu verwirren. An einem Stand kaufte sie einen Kaffee. Dann schlenderte sie langsam zum Eingang des Tiefbahnhofs. Sie fuhr die Rolltreppen hinab zu den S-Bahngleisen. Eine S8 fuhr eben ein. Katharina stieg ein, blieb aber mit ihrem Gepäck neben der Tür stehen. Ihr fiel ein, dass sie gar keinen gültigen Fahrschein hatte: Mit ihrem Polizeiausweis hatte sie sonst freie Fahrt. Doch der lag in ihrem Tresor – ebenso wie all ihre anderen echten Papiere. Hoffentlich kam keine Kontrolle.
***
Im Terminal 1 des Frankfurter Flughafens herrschte Hochbetrieb. Menschen mit Koffern eilten an Katharina vorbei, vor den Check-in-Schaltern warteten Reisende in langen Schlangen auf ihre Abfertigung. Das hieß, dass sie eine gute Chance hatte, an diesem Abend noch einen Flug zu ergattern. Wenigstens etwas.
Der Mann auf dem etwas erhöhten Infostand schaute genervt auf, als Katharina auf ihn zumarschierte. Deshalb setzte sie ihr freundlichstes Lächeln auf: »Sagen Sie, hier gibt es doch irgendwo ein Last-Minute-Reisebüro, oder?«
Erstaunlicherweise lächelte der Mann zurück. Vermutlich war er froh, sich nicht mit Beschwerden, verlorenen Kindern oder gestohlenem Gepäck rumärgern zu müssen.
»Da hammwa sogar zwei von. Das da ist ganz neu.« Er deutete zu einer Seite der Halle. Dort leuchtete ein rotes Neonschild: Last-Minute Tours. »Aber wennse ’nen Tipp wollen?«
Katharina nickte höflich.
»Dann gehnse am besten zum andern. Da machense wirklich ein Schnäppchen.« Er zog einen Plan des Terminals hervor und kreuzte mit seinem Kugelschreiber an, wo das Reisebüro lag. Katharina nahm den Plan und bedankte sich.
***
»Buchen bis zur letzten Minute. Und dann ganz schnell raus aus der Stadt!«, stand auf dem Schaufenster. Katharina betrat das kleine Ladengeschäft. In den Regalen stapelten sich die Reiseprospekte bis zur Decke.
Hinter einem verkramten Schreibtisch saß ein blondes Mädchen, vielleicht Anfang zwanzig. Sie strahlte, als sie Katharina hereinkommen sah, und deutete auf den Besucherstuhl.
»Was kann ich für Sie tun?«
»Ich, ich … brauche eine Reise.«
Das Mädchen war wohl an solch vage Angaben gewöhnt: »Hm, ich verstehe. Ganz schnell raus aus der Stadt, wie? Haben Sie ein bestimmtes Ziel im Kopf?«
Was sollte sie darauf antworten? Irgendwohin, wo mich kein Profikiller findet? »Vielleicht … irgendwohin, wo schönes Wetter ist? Sonne? Und Meer?«
Das Mädchen nickte verständig: »Das lässt sich machen. Und wann?« Dann entdeckte sie Katharinas Gepäck. »Möglichst bald, oder? – Na, dann wollen wir mal schauen!« Sie tippte auf der Tastatur ihres Computers. »Hm, Kenia. Aber erst in drei Tagen. Seychellen übermorgen. Kolumbien ginge heute noch.«
In die Höhle des Löwen? Direkt in das Land des Menschen, der ihr Rache geschworen hatte? Keine gute Idee. »Nein, nicht Südamerika.«
»Gut. Also nicht Südamerika … was haben wir denn noch?« Das Mädchen schaute wieder auf den Schirm. Plötzlich rief sie begeistert: »Mafia!«
Katharinas Gesicht wurde eiskalt. Zitternd tastete sie nach der Pistole in ihrer Manteltasche.
Doch das Mädchen fuhr fort: »Mafia Island! Absoluter Geheimtipp. Ein richtiges Tropenparadies!«
Katharina zwang sich zum Durchatmen. »Wo ist das denn?«
»Vor der Küste von Tansania. Eine knappe Flugstunde von Dar es Salam. Traumhaft schön. Und das Resort ist ganz neu. Hat erst im März aufgemacht. Fünf Sterne. Und dafür supergünstig.«
»Das klingt doch gut.«
»Und wie lange wollen Sie bleiben?«
Ja, wie lange? Wie lange würde der Mann mit den Eukalyptuspastillen brauchen, Felipe de Vega davon zu überzeugen, Ministro zurückzupfeifen? Sicher war sicher.
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