Aus der Nähe … Immer noch besser, als ein Scharfschütze, der sie aus mehreren hundert Metern Entfernung abknallte. Das gab ihr wenigstens eine faire Chance.
Kurtz räusperte sich: »Auf jeden Fall ist die Idee mit dem Untertauchen richtig. Weißt du schon, wohin?«
»Nun, ich –«
»Zu niemandem ein Wort, Katharina«, unterbrach Kurtz sie streng. »Zu Polanski nicht. Zu mir nicht. Und auch sonst zu niemandem. – Also? Weißt du schon wohin?«
»Nein«, antwortete Katharina fest.
»Richtige Antwort. Und du kannst nirgendwo hin, wo dich jemand erkennen könnte. – Ist dir das klar?«
Katharina nickte gehorsam.
»Das Schwierigste wird sein, dich aus Frankfurt herauszubringen, ohne dass dir jemand folgt.«
Darüber hatte Katharina auf der Fahrt zu Kurtz auch schon nachgedacht. Sie brauchte ein Ablenkungsmanöver. »Sag mal, Antonio, du hast doch bestimmt ein paar asiatische Pferdchen in deinem Stall?«
Kurtz wollte streng sein, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen: »Zu den Mieterinnen in meinen Etablissements gehören auch Damen asiatischer Herkunft, ja.«
Es war das vermutlich am schlechtesten gehütete Geheimnis Frankfurts, das Kurtz ein Reich aus Bordellen und Glückspiel kontrollierte. Deshalb nannte Polanski ihn Katharinas »Patenonkel bei der Mafia«.
»Sind darunter zwei, die mir halbwegs ähnlich sehen?«
»So schön wie meine Katharina ist sicher keine, aber das wird sich machen lassen, ja.«
»Okay, lass sie zu meiner Wohnung bringen. Ich habe da eine Idee.«
»Gut. Aber erst mal essen wir.«
***
Essen. Kurtz’ Allheilmittel.
Doch Katharina bekam keinen Bissen herunter.
Die Gedanken rasten in ihrem Kopf – und nicht nur solche zur bevorstehenden Flucht. Kurtz war doch ihr Patenonkel und der beste Freund ihres Vaters. Er musste doch …
Verdammt! Warum war sie nicht gleich drauf gekommen?
»Sag mal, Antonio, kanntest du den Amendt eigentlich schon vorher?«, fragte sie betont harmlos.
Kurtz ließ sein Besteck sinken. »Hat er es dir endlich gesagt, ja?«
»Wer? Was?«
»Der Amendt! Hat er dir gesagt, wer er ist?«
»Nein, das habe ich von Polanski erfahren.«
»Madonna ragazzi!« Kurtz schlug mit der Faust auf den Tisch. »Er hatte es mir doch felsenfest versprochen.«
»Wer hat was versprochen?«
»Na, der Amendt. Dass er es dir selbst sagt. Wer er ist. Wer er war.«
»Du hast ihn also gekannt?«
»Natürlich. Susanne und er haben ihre Verlobung hier gefeiert.«
»Im Puccini?«
»Hier in dieser Küche. Zusammen mit deinen Eltern. Professor Leydth und seine Frau waren auch da. Und diese Jazz-Sängerin. Marianne Aschhoff.«
Amendts Quasi-Adoptiv-Eltern und seine mütterliche Freundin. Katharina hatte schon ihre Bekanntschaft gemacht. Jetzt verstand sie auch, weshalb Marianne Aschhoff bei ihrem Anblick ein Tablett mit Gläsern hatte fallen lassen. Katharina hatte ihrer Schwester Susanne immer ziemlich ähnlich gesehen.
Tja, die Einzige, die nichts gewusst hatte, war sie. Katharina war damals als Austauschschülerin in Südafrika gewesen. Susanne hatte ihr zwar begeistert von der Verlobung geschrieben; leider hatte sie einen verflixten Hang zu Spitznamen gehabt. Der »Schatz«, das »Bärchen«, das »Hasenkind«: Das war also Andreas Amendt gewesen.
»Und warum hast du mir nichts gesagt?«, fragte Katharina vorwurfsvoll.
»Er hat mich darum gebeten. Und mir hoch und heilig versprochen, es dir selbst zu sagen.«
»Und darauf lässt du dich –?«
»Unschuldig bis zum Beweis des Gegenteils, du erinnerst dich?«
»Du glaubst also nicht, dass er es war?«
»Ich glaube zumindest nicht, dass es so passiert ist, wie Polanski behauptet. Dass der Amendt einfach durchgedreht ist und deine Familie abgeschlachtet hat.«
»Warum nicht?«
Kurtz dachte einen Moment nach. »Du bist die Kriminalistin von uns beiden. Lies die Akte. Wenn noch jemand Licht in die Angelegenheit bringen kann, dann du.«
***
Kurtz hatte gerade Espresso gemacht, als Hans mit der guten Nachricht kam, er habe zwei passende Mädchen gefunden. Es war Zeit aufzubrechen.
Als Katharina, Hans und Lutz wieder in den Maybach stiegen, fragte Kurtz: »Brauchst du sonst noch irgendetwas? Geld?«
Katharina schüttelte den Kopf. Dann fiel ihr doch noch etwas ein: »Ein Auto. Einen alten Golf oder so. – Und, ach ja, du kennst den Hintereingang zu meinem Haus?«
Katharina hatte schon vor einiger Zeit entdeckt, dass man ihr Haus auch über die Parallelstraße erreichen konnte. Man ging in eine bestimmte Hofeinfahrt. Von dort kam man in Katharinas Nachbarhaus. Die Keller beider Häuser waren über eine Tür verbunden.
»Komm bitte mit den Mädchen dort rein. Und stell den Wagen auf dem Hof ab.«
***
Der schwere Wagen rollte wieder aus der unscheinbaren Einfahrt. Hans fädelte den Maybach in den Verkehr ein.
Katharina legte ihm die Hand auf die Schulter. Da war noch etwas, das sie gleich erledigen konnte.
»Hans, fahr doch bitte mal in die Fichardstraße. Zweite Querstraße rechts.«
***
»A. Amendt« stand neben der obersten Klingel. Katharina drückte auf den Knopf. Keine Reaktion. Sie trat einen Schritt zurück und schaute nach oben. Die obersten Stockwerke waren dunkel. Vermutlich saß Amendt Gitarre spielend im »Blauen Café«, dem Laden seiner mütterlichen Freundin. Sollte sie dorthin fahren? Ihn konfrontieren?
Nein! Sie hatte wirklich wichtigere Probleme.
***
Andreas Amendt hatte das Licht nicht angeschaltet. Er saß im Dunkeln auf seinem Wohnzimmersofa. Auf seinen Lippen spürte er noch immer den verdammten Kuss. Er hätte es nie so weit kommen lassen dürfen. Er hätte es ihr schon längst sagen sollen. Aber wie?
»Ach übrigens, Frau Klein: Ich war der Verlobte Ihrer Schwester. Der Vater ihres ungeborenen Kindes. Und ich habe wahrscheinlich in einem Wahnanfall Ihre Familie abgeschlachtet.«
Alles wäre sehr viel einfacher, wenn er wirklich wüsste, was damals passiert war. Doch er hatte nur ein paar unscharfe Erinnerungen. Susannes letzter Kuss. Der letzte Kuss, den er überhaupt von einer Frau bekommen hatte, bis ihn Katharina geküsst hatte. Vorhin. Auf dem Flur des Präsidiums.
Sie küsste genauso wie ihre Schwester. Der sie so zum Verwechseln ähnlich sah. Und mit der sie doch so wenig gemeinsam hatte: Sie war tough, wo Susanne sanft war. Aggressiv und streitlustig, wo Susanne ausgleichend war. Mit dem Kopf durch die Wand, wo Susanne behutsam und zurückhaltend gewesen war. Nur eines hatten sie gemeinsam: Wenn sie jemanden in Not sahen, mussten sie helfen. Und natürlich ihre Art zu küssen.
Andreas Amendt schloss die Augen. Wieder sah er die Bilder vor sich, die ihn bis in seine Träume hinein verfolgten: Bilder von 3. Dezember 1991.
Er war an diesem Tag direkt aus dem Krankenhaus zu seiner Verlobten gefahren. Nach einer Sechsunddreißig-Stunden-Schicht. Einer seiner Patienten hatte einen Krampfanfall erlitten. Einen Grand Mal. Seinen letzten. Er hatte sich die Zunge abgebissen und war daran erstickt. Sie hatten ihn nicht mehr retten können.
Susanne hatte sofort gesehen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Dass er fertig war. Sterbensmüde. Sie hatte ihm angeboten, sich hinzulegen. Sie war mit ihm nach oben gegangen. In ihr Zimmer, in dem immer ein unbeschreibliches, aber irgendwie sehr sympathisches Chaos herrschte – auch etwas, das sie von ihrer Schwester unterschied, die sogar ihre Bücher nach Farben sortierte.
Er hatte die Schuhe abgestreift und sich auf das Bett fallen lassen, noch immer in seinen Krankenhausklamotten. Susanne hatte ihn zugedeckt. Versprochen, ihn eine Stunde später zu wecken. Und dann hatte sie ihn geküsst. Das war das Letzte, woran er sich erinnerte, bis …
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