Die Beamtin sah auf den Inhalt, dann auf Katharina. Dann fing sie an, laut und derb zu lachen, winkte ihre Kollegen herbei und zeigte auf den gurkengroßen Vibrator.
Was hatte der Mann mit den Eukalyptuspastillen noch gesagt? »Drapieren Sie ihn ganz oben auf dem Gepäck. Das kürzt Zollkontrollen ab.« Dann hatte er noch hinzugefügt, Katharina solle beschämt dreinschauen.
Mission erfüllt! Sie wünschte sich, im Boden versinken zu können, während sie den Koffer hektisch wieder abschloss. Die Zollbeamten kicherten noch immer und deuteten mit ihren Händen die Größe des Vibrators an.
Katharina krallte sich ihr Gepäck und floh durch den Vorhang aus steifen PVC-Streifen.
»Have a nice stay in Tanzania!«, rief ihr die Zollbeamtin hinterher.
***
Sie hatte so viel Schwung, dass sie in ein Pappschild rannte. Katharina änderte die Richtung und ging mit schnellen Schritten auf den Ausgang zu. Dann erst registrierte sie, dass auf dem Pappschild etwas gestanden hatte, und drehte sich wieder um.
Der Schwarze, der das Pappschild vor seiner Brust hielt, hatte ihr erstaunt nachgeschaut. Deshalb konnte sie jetzt den Namen lesen, der auf dem Schild stand: »Zoë Yamamoto« – ihr Tarnname.
Sie ging zurück zu dem Mann. »Hi, my name is Zoë Yamamoto.«
Der Mann schaute unverwandt auf sie herab. Er war groß, bestimmt zwei Meter, und unglaublich dünn. Seine Haut war schwarz wie gebeiztes Ebenholz. Er trug eine Art weiten Kaftan aus roten und gelben Stoffen und an den Füßen nagelneue Turnschuhe.
Moment, sprach man in Tansania etwa Französisch? »Je suis …, je m’appelle …«, radebrechte Katharina, während der Mann sie regungslos ansah.
»Golden Rock?«, fragte er schließlich mit tiefer, voller Stimme.
»Yes, yes. Oui. Golden Rock. That’s my resort.«
»Supi! Na, dann wollen wir mal«, fuhr der Mann auf Deutsch mit rheinischem Einschlag fort.
Katharina war so verdattert, dass sie sich ihr Gepäck widerstandslos von ihm abnehmen ließ. »Sie sprechen Deutsch?«
»’türlich. Deutschsprachige Betreuung. Wie im Prospekt versprochen.« Der Mann lächelte und offenbarte zwei Reihen absolut gleichmäßiger, weißer Zähne. »Ich bin übrigens Mtanguluzi.«
Er setzte die Reisetasche noch einmal ab und reichte Katharina die Hand. Sein Händedruck war fest, seine Haut rau.
»Mtang …«, versuchte Katharina zu wiederholen. Es gelang ihr nicht.
»Die meisten Menschen nennen mich Augustin.«
»Augustin?«
»Ja, von dem Volkslied.« Er sang melodisch: »Ach du lieber Augustin, Augustin … Das Lied habe ich aus Deutschland mitgebracht.«
»Aus Deutschland?«
Wenn ihn Katharinas Verblüffung kränkte, ließ er es sich zumindest nicht anmerken. »Ja. Ich hab’ da studiert. In Aachen.«
Natürlich. Das gab es. Auch die Uni Frankfurt hatte eine ganze Reihe Studierende aus Afrika.
»In Deutschland hatte ich einen anderen Spitznamen«, fuhr Augustin fort.
»Nämlich?«
»Langer Samstag«, sagte er ausdruckslos.
Das war zu viel. Katharina musste so sehr lachen, dass es wehtat. Augustin blickte auf sie herab, ohne eine Miene zu verziehen.
»Entschuldigung«, sagte sie beschämt, als sie sich wieder beruhigt hatte.
»Null Problemo.« Mit einer Hand hob Augustin die schwere Reisetasche auf und balancierte sie auf seinem Kopf aus. »Du hast Humor. Das ist gut. Humor ist in Tansania immer gut.« Jetzt war es an ihm zu lachen. Er wandte sich zum Ausgang und ging los. Katharina konnte kaum Schritt halten.
Sie passierten die Glastür. Die Luft draußen war so heiß, dass es Katharina den Atem aus den Lungen presste. Sie wünschte sich, sie hätte ihr Jackett ausgezogen.
***
Augustin steuerte zielstrebig auf den Parkplatz zu; auf einen alten, verbeulten Pick-up. Ohne das Gepäck abzusetzen, sprang er so leichtfüßig wie ein Balletttänzer auf die Ladefläche. Dort verstaute er Katharinas Gepäck in einer großen, abschließbaren Metallbox. Dann hüpfte er elegant herab und hielt Katharina die Beifahrertür auf. Katharina wunderte sich kurz, dass sich der Beifahrersitz auf der falschen Seite befand. Aber in Tansania galt offensichtlich Linksverkehr.
»Ich dachte, wir fliegen weiter nach Mafia Island.«
Augustin startete den Motor, der nach ein paar Anläufen widerwillig ansprang. »Klar. Aber dazu müssen wir rüber zu Terminal 1 am anderen Ende des Flughafens. Außerdem geht unser Flug erst in drei Stunden. – Mittagessen?«, fragte er.
»Jetzt schon? Es ist doch erst …«
»Halb zwölf. Zeitverschiebung.«
Katharina erinnerte sich, dass der Kapitän im Flugzeug so etwas durchgesagt hatte. Außerdem hatte sie tatsächlich Hunger. Das Flugzeugfrühstück war auch in der ersten Klasse nicht zum Verzehr geeignet gewesen. »Okay, Mittagessen.«
»Gut. Dann fahren wir mal nach Dar Es Salam rein. – Ach ja, der Verkehr hier: Sagen wir mal, man muss sich daran gewöhnen.«
»Ich bin allerhand gewohnt.«
»Na dann ist ja alles prima.« Augustin trat aufs Gas. Der Pick-up tat einen Satz vorwärts.
***
Der Verkehr war wirklich selbst für Katharinas Verhältnisse gewöhnungsbedürftig. Theoretisch galt Linksverkehr, aber die Leute fuhren, wo Platz war. Mit Vollgas.
Augustin sprang von Spur zu Spur, überholte hier, wich dort einem Fußgänger, einem Karren oder einem Fahrrad aus; oft verfehlte er ein Hindernis nur um Millimeter. Die Hupe war das wichtigste Instrument seines Fahrstils. Gleich nach dem Gaspedal. Bremsen hingegen waren unnötig. Katharina fragte sich, ob der Wagen überhaupt welche hatte. Der Griff der Handbremse zumindest hing nur lose in seiner Halterung.
Katharina merkte rasch, dass Augustin das Fahrzeug von unter Kontrolle. Dennoch war sie froh, Sicherheitsgurte zu haben. Sie lehnte sich zurück und sah aus dem Fenster, während sie in das Zentrum von Dar Es Salam vorstießen.
So ein wildes Sammelsurium von Architektur hatte sie nicht einmal in Kapstadt gesehen. Minarette neben Kirchtürmen, viktorianische Gebäude neben deutschen Fachwerkhäusern und wuchtigen Gründerzeitvillen, Glas- und Stahl-Bauten, Mietskasernen, arabische Flachdachbauten – bunt und ohne jedes System durcheinandergewürfelt.
Lässig zurückgelehnt, nur eine Hand am Steuer, fand Augustin tatsächlich Zeit, auch noch Reiseführer zu spielen. »Das meiste ist aus der Kolonialzeit. Jeder, der herkam, musste der Stadt sein Gesicht aufdrücken. Hat gebaut, wie er es kannte. Engländer, Deutsche, Holländer, Araber, Inder … Heute gibt’s natürlich strenge Vorschriften. – Also, theoretisch. Hält sich aber keiner dran. Warum auch?«
Richtig. Warum auch? Irgendwie schaffte es das architektonische Chaos, rund und stimmig zu sein. Vielleicht, weil es sich gar nicht erst bemühte, so zu wirken, als folge es einem Bebauungsplan.
So bunt wie die Stadt war auch die Bevölkerung, die sich auf den Straßen tummelte: Schwarze, Inder, dazwischen ein paar Weiße; Männer und Frauen in Geschäftskleidung und traditionellen Gewändern. Einige Kinder trugen Schuluniformen, andere Jeans und bunte T-Shirts.
Modeboutiquen reihten sich an Gemüsehändler und die unvermeidlichen Telefonshops. Restaurants und Imbisse beanspruchten frech den Platz vor ihrem Geschäft, manchmal über den gesamten Gehsteig bis auf die Straße. Immer wieder stiegen Katharina exotische Gerüche in die Nase: scharfes Curry, der kräftig-fruchtige Geruch afrikanischer Küche, manchmal auch Fisch oder Bratfett.
Mit der Routine des Ortskundigen fand Augustin seinen Weg durch immer schmalere Straßen.
Schließlich fuhren sie durch ein Gewirr von Gassen, die so aussahen, wie sich Katharina Mumbai vorstellte. Oder Neu-Delhi. Geschwungene Ornamente verzierten die Häuser; der eine oder andere Bauherr hatte beim Bau des Hausdachs seinen Traum vom Taj Mahal ausgelebt. Vor vielen Läden standen Elefantenstatuen.
Читать дальше