Außer den Eltern, den Söhnen, den Schwiegertöchtern, den halbwüchsigen Enkeln waren noch zwei eingeladene Fremde erschienen.
Das Mahl ging unter tiefem Schweigen vor sich. Vater Hilkijah geruhte nicht, eine Unterhaltung zu eröffnen. Nicht einmal seine Enkelkinder bedachte er mit einem launigen Scheltwort oder einer scherzhaften Belehrung, wie es der Jugend gegenüber an einem festlichen Tage des Herrn angemessen ist. Obadjahs und Joels Kinder spürten deutlich den Druck, der heute auf den Erwachsenen lastete. Mit eingeschüchterten Mienen saßen sie da, während sie sich unter dem Tisch erregt anstießen. Großvater hatte Kummer. »Kummer haben« nannte man in Hilkijahs Geschlecht jegliche Art von Verdüsterung, die sich auf dem Antlitz seines Oberhauptes zeigte. Wenn ihm auch der Grund für handgreifliche Kümmernisse fehlte, so versäumte es der alte Mann doch nicht, mit den Jahren immer reizbarer das Schicksal seines Hauses zu beargwöhnen. Sollte er sich als Letzter vom Geschlecht Elis, der die Würde des Herkommens bewahrt hatte, zu den Vätern versammeln? Wußten diese Söhne überhaupt noch von der Weihe, die auf einer Priestersippe lag? Da saß Obadjah, sein Ältester. Ein trefflicher Landmann und Wirtschafter, wer leugnete es! Er ließ die Erde prüfend zwischen den Fingern gleiten, er stapfte breitbeinig feldüber, er füllte die Scheuern. War dieses aber die angemessene Tätigkeit eines Priestersohnes? Konnte vielmehr ein Meier oder Verwalter dasselbe nicht ebensogut und jedenfalls unauffälliger leisten? Waren in den Tagen seiner Kraft Hilkijahs Scheuern etwa weniger gefüllt gewesen, obgleich ein Meier ihnen vorstand und er selbst seine fürstliche Muße und seine priesterliche Betrachtung durch niedres Berühren und erwerbliches Sinnen nicht einschränkte? Warum hatte Obadjah, der sich in den Erfordernissen des Lebens so tüchtig umtat, kein königliches Amt angestrebt, um das Ansehen seines Hauses zu erneuern? Obgleich Hilkijah selbst dergleichen niemals angestrebt hatte (wofür er freilich edle Gründe anzuführen wußte), nahm er jetzt Obadjah diesen Mangel an höherem Ehrgeiz bitter übel. Und Joel, sein Zweiter? Dieses handelsmännische Umherreisen, wenn es auch goldne Früchte trug, nötigte dem alten Vater durchaus keine Achtung ab. Zu all dem war Joel, seines Vaters Meinung nach, auch noch ein Flunkerer, der sich vermittels seiner Reisemären und Wunderfabeln daheim wichtig machte. Doch wären Joel und Obadjah auch ganz andre Männer gewesen als sie waren, sie hätten des Vaters Einverstandensein dennoch schwerlich errungen. Dieser alte Mann aus einem andern Geschlechte ersehnte mit Bitterkeit das, was nicht war, während ihn das Seiende in all seinen Möglichkeiten ungehalten machte.
Was aber nun gar Jirmijah, seinen Dritten, anbetraf, so ging diese Geschichte, die Abi ihm weinend anvertraut hatte, über alles Faßbare. Sie war der tiefste Grund seines heutigen Kummers, hatte er doch in dem jüngsten Sohne die Gewähr zu besitzen geglaubt, daß die Hilkijah-Art, das überkommene ruhevolle Priesterwesen, nicht gänzlich aus der Welt verschwinden werde.
Das Mahl war zu Ende. Hilkijah entließ die Kinder und, was die Empfindlichkeit des zu beratenden Gegenstandes verriet, auch die Sohnesfrauen. Nur die Mutter blieb unter den Männern. Der Alte hob die Lampe hoch, um alle zu mustern, ehe er das Wort nahm:
»Jirmejahu, jüngster Sohn, deine Mutter hat mir berichtet, was du ihr heute berichtet hast. Und ich habe wiederum deinen Brüdern davon gesprochen ... Der jüngste Sohn möge uns nun eingestehn, wie ich es von ihm hoffe, daß er noch nicht völlig wach war, als er am Morgen zu seiner Mutter sprach ... und daß er nun selbst einsieht, ein sehr lebhafter Traum sei zu ihm gekommen ...«
»Es war kein Traum, der zu mir kam ...«
»Auch Träume sollen nicht leichtgenommen, sondern mit Scharfsinn erwogen werden ...«
»Ich war wach, wie ich jetzt wach bin ... Möge es mir mein Vater doch glauben ...«
»Willst du damit sagen, daß es so wirklich gewesen ist, wie wir alle um diesen Tisch hier wirklich sind, Jüngster?«
»Wie wir alle um diesen Tisch hier wirklich sind, so wirklich ist es gewesen ...«
Auf dieses kurze Verhör folgte lastende Stille. Jirmijah aber spürte eine gänzlich neue und grundlose Erbitterung, ja einen fremdartigen Haß, der ihm entgegenströmte. Zwischen ihm. und den älteren Brüdern hatte es niemals Freundschaft, doch auch niemals Zwist gegeben. Jetzt aber starrte ihn Obadjah wie ein Mörder an. War dieser Blick schon die Folge der Berührung durch den Herrn? Der Vater aber beherrschte um der Würde willen seinen Unmut, denn er sprach leise:
»Es gibt auch heute noch solche, zu denen der Herr mit seiner Stimme kommt und sie aufsucht, wer leugnet es ... Man begegnet so manchem, der dieses von sich selbst behauptet ... Jüngster Sohn, wer könnte da nachprüfen und Täuschung von Wahrheit unterscheiden? ... Die Tage des Altertums sind vorüber, und in diesem naseweisen Geschlecht wird kein Mose, kein Samuel, kein Elijah aufstehn ... Warum sollte seine Stimme zu unsresgleichen kommen, Jirmejahu, warum gerade zu dir?«
»Warum gerade zu ihm«, brauste Obadjah auf, »das will ich offen heraussagen, Vater und Mutter. Weil ihn die Mutter verzärtelt hat, weil ihn der Vater die Strenge seiner Kraftjahre nicht mehr fühlen ließ, die ich zu meinem Nutzen in Fülle genossen habe. Keiner sprach zum Jüngsten. Die einzig wahre Arbeit, die Arbeit mit den Händen, hat ihn niemand gelehrt. Die leistet ein andrer, ein Grober, ohne Unterstützung und Dank. Wozu führt es, kann einer den Spaten nicht halten, dafür aber Geschriebenes drehen und wenden!? Zum Traumwahn führt es, zu Narrheit und Aberwitz, wie wir es nun sehn ...«
Einen solchen Ausbruch hatte Hilkijahs strenger Vatertisch noch niemals erlebt. Angesichts der Eltern befleißigte man sich sonst eines gesetzten Tones und verbarg kunstreich die bitteren Empfindungen, die jede Familienrunde beherrschten. Abi hob erschrocken die Hände wider die verletzenden Worte. Hilkijah blickte finster ins Licht. Schamarjah, der Erzbettler, nickte zustimmend, wofür er seine guten Gründe hatte, denn Obadjah war der künftige Hausvater, dem er die Wohltat, sich von ihm bewirten zu lassen, erhalten mußte. Der Blinde, der nichts zu verstehen schien, lächelte wehleidig in die Luft. Jirmijah selbst dachte daran, wie dreist Obadjah lüge, wenn er von seiner Hände Arbeit prahlte. Denn nicht Obadjah stieß den Spaten in die Erde und schnitt die Pflugschar in die Furche, sondern dies taten die Leibeigenen und Hörigen auf den weiten Gütern des Geschlechtes. Dafür aber wurden diese Armen jedes siebente Jahr um den Freilaß und die rechtmäßige Auszahlung geprellt, die ihnen das Gesetz Gottes zubilligte. Der Gedanke daran bedrängte Jirmijah heftig wie eine eigene schwere Verfehlung. Joel indessen, der geschmeidige Handels- und Weltmann, versuchte die Wirkung der Worte Obadjahs zu mildern:
»Der älteste Bruder hat Kräftiges über die Arbeit gesprochen ... Auch ein Vielreisender wird ihm darin zustimmen, daß sie gesund erhält, während die Versenkung in Wort und Schrift gar leicht zu Krankheit führt ... Den Unberufenen reißen die Bilder der Schrift in die Unterwelt, so sagen die Weisen in Taphanches ... Mancher nimmt sich den Kopf ein und verliert ihn zuletzt, was aber, will's Gott, auf den Jüngsten noch nicht zutrifft ... Möge Obadjah, mein Bruder, einen Widerspruch entgegennehmen: Es gibt auch andre Arbeit als mit Pflug und Egge und im Rinderstall ... Der Mensch soll sich von der Erde nähren, nicht die Erde vom Menschen, ein Spruch Babels ... Nicht jeder ist für den Acker und die Hürde geboren ... Die Welt zu erproben in all ihren Völkern und Ländern, ihr Rede zu stehn in allen Sprachen und mit flüssigem Wort das Eigene abzusetzen wider das Fremde, auch das ist harte, aber fördernde Arbeit ...«
Читать дальше