Hier fiel dem Alten der Kopf auf die Brust herab. Manche glaubten schon, er sei eingeschlafen, habe den Faden verloren oder seine Rede beendet. Er aber hing nur schwermütigen Gedanken nach, denen er inmitten des großen Landtags jetzt sinnenden Ausdruck gab, als sei er allein mit dem König:
»Schaffan hat niemals mit eigenen Ohren die Raunung des Herrn vernommen ... Er ist kein Ausgesonderter, kein Künder, sondern nur ein Mann harter Bemühung ... Er liest und denkt und folgert und vergleicht und verknüpft und nimmt auf und stößt aus ... Er kann nur sagen, was sein eigener Kopf ihm erworben hat, nicht aber: Also spricht der Herr ... Was die Lehre lehrt, kann auch er lehren ... Doch wie vermöchte ein sehr alter Mann, der eurem Treiben fern ist, zu raten: Dies ist gut, dies tuet! Dies ist schlecht, dies tuet nicht! ... Und rede ich dennoch solche Worte, so wird man mir ehrerbietig das Ohr neigen, doch nicht den Willen ... Herrlichkeit des Königs, neige mir dein Ohr, du Knabe mein, den ich noch sehe mit seinen spielroten Wangen, großer König, höre doch: Du hast Frieden und Zeit! Warum willst du ohne Not deinen eigenen Frieden brechen, deine eigene Zeit verkürzen? ...«
Schaffan hatte in der Bewegung seines Gemütes die letzten Worte so undeutlich gemurmelt, daß sie die wenigsten nur verstehen konnten. Wie viele Greise brach er leicht in Tränen aus, und eine dieser Tränen fiel auf die entfaltete Schriftrolle und verwischte die Tinte eines Buchstabens. Bestürzt vergaß der große Schriftmeister alles andre und versuchte zärtlich mit der Fingerspitze den Schaden zu vermindern.
Die Rede Schaffans war wegen ihres Murmeltones ohne Wirkung geblieben. Nur über den König schien sie eine gewisse Macht gewonnen zu haben, denn er saß verträumt da, eine tiefe Runzelschrift auf der Stirne, die freilich kein Schriftmeister hätte entziffern können. Neue Rufe erhoben sich schon. Die Männer erwarteten ein letztes Wort des Königs. Dieser aber winkte heftig ab und deutete mit ausgestrecktem Arm auf die Bank der Künder:
»Ist ein Wort vom Herrn da? ... Ein Traum, ein Gesicht? ...«
Jirmijahs Seele lag im stürmischen Gebetskampf mit Adonai. Sei du deutlicher oder mache du mich deutlicher, stöhnte es in ihm. Soll wirklich das Reich des neuen David durch diesen König errichtet werden? Oder ist diese Planung nur eine Falle, ein Abgrund, daß wir darin versinken?! Ich habe dein Land durchwandert und erkannt. Wie das verschmachtende Grün auf einer Wüste liegt dein Gebot darauf, darunter aber ist Tod. Furchtbare Worte hast du mir im Tempel zu sprechen gegeben. Und jetzt soll alles vergessen sein und du hast dich eines Besseren besonnen, warum? Bist du plötzlich bereit, dieses Geschlecht der Menschenblender und brünstigen Hengste mit deinem Siege zu krönen, warum?! Ach ja, es ist immerdar möglich, daß du deinen Wagen unversehens herumwirfst, ich weiß es. Ich weiß auch, daß all diese Gedanken vor dir Ungedanken sind und diese Schlüsse Trugschlüsse. Was aber soll ich tun, Herr? An meinem Munde hängt der König, und ich kann fördern oder hindern. Hilf mir doch, der du mich schon ansahst, ehedenn ich war, damit ich dem König und diesem Volke helfe. In mir ist gleicherweise Ja und Nein, Dies und Das, Furcht und Zuversicht zusammengewirrt. Jetzt bilde du mir ein Ja oder ein Nein im Hirn wie Wasser, damit ich's verströme wie damals im Tempel, als es noch keinen offenbaren Grund gab dafür ...
»Es ist kein Wort vom Herrn da ... Kein Traum, kein Gesicht ...«
Der diese traurigen Worte, drei Schritte vortretend, gesprochen hatte, war Urijah, der Älteste auf der Künderbank. Seine hagere Gestalt stand gebeugt. Mit dieser schuldbewußten Haltung schien er den König um Vergebung zu bitten, sowohl wegen der Schweigsamkeit des Herrn als auch wegen der Taubheit seiner Propheten, die an diesem großen Tage keine einzige Einraunung zu vermelden hatten. Doch während Urijah also unselig noch dastand, erschallte plötzlich eine frische, kräftige Stimme:
»Es ist ein Wort da ... Und ein Gesicht ...«
Jirmijah fuhr herum. Von den Männern, die an die Saalwand gedrängt standen, löste sich einer los und ging mit Anstand durch die lange Halle auf den Thron zu. Dieser Mann hatte den lästigen Prophetenmantel abgetan und trug ihn überm Arm, wodurch er das ausgesucht feine und kostbare Gewebe seiner eigentlichen Kleidung entblößte. Auch Haar und Bart dieses göttlichen Umgängers waren auf das sorgsamste gesalbt und gekräuselt. Jirmijah sah mit Staunen, daß die Jahre seit dem gemeinsamen Passah dem Wesen Chananjahs überzeugende Gemessenheit hinzugefügt hatten. Der Herr achtete wohl auf die Verschiedenheit derer, denen er sich offenbarte, und er schien durchaus nicht auf ein und derselben Art zu beharren. Chananjah aber bückte sich vor dem König und kündete mit hellem Ton:
»Ich sah im Gesicht des Herrn den Nil heranschwellen durch die Wüste und seine Fluten gruben sich ein neues Bett ... Der Herr aber öffnete meine Augen und sprach: Siehe die Wellen des Nil! Und ich sah die Wellen. Sie waren Krieger, und die Rosse bäumten sich im Gewühl ... Da öffnete der Herr noch einmal meine Augen und sprach: Siehe die Wellen des Nil! Und ich sah Schlamm und Fäulnis und Scherben. Versiegt in der Wüste war der Vater der Stromgewässer und seine gewappneten Wellen schwanden dahin ...«
Beifälliges Rauschen folgte dieser Kündung Chananjahs, die dem Herzen der Männer freudig entsprach und den erwarteten Sieg bestätigte. Josijah selbst nahm sie ohne Bewegung hin, merkwürdigerweise. Von Jirmijahs Seele aber fiel eine Last. Der Herr hatte gesprochen, wenn auch nicht durch ihn. Mitten im Aufbruch des Landtags stand er gesenkten Hauptes und dachte über Chananjahs Gesicht nach. War das die wahre Art des Herrn? Sie war's und war's doch wiederum nicht. Aber wie sollte er's entscheiden, da er doch nur die eine Art kannte, in der Adonai mit ihm umging. Zu Chananjah verhielt Er sich vielleicht freundlicher, deutlicher. Und doch, die Last begann sich wieder auf Jirmijah herabzusenken. Da stand plötzlich der König vor ihm und lächelte:
»Wer immer auch kündet, du allein bist das Seil zwischen ihm und mir ...«
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