»Wenn das siebente Jahr wieder kommt, das Sabbathjahr des Freilasses, werden da meine Brüder der Lehre gemäß auf ihrem Grunde handeln, alle Darlehen tilgen und die hörigen Knechte und Mägde mit Anteil ziehen lassen?«
Ehe Obadjah den brenzligen Sinn dieser Frage noch begriffen hatte, fiel Joel scharf ein:
»Deine Brüder werden im Sabbathjahr des Freilasses handeln, wie ganz Jehuda und Benjamin handelt, vom König angefangen in seinen Palästen bis zum kleinsten Landmann. Nicht mehr, nicht weniger werden sie tun ...«
Jirmijah stand auf, zum Zeichen, daß er die Unterredung für beendigt erachte:
»So möge das Wort unsres Vaters in Kraft bleiben und kein Bund zwischen uns gestiftet werden ...«
Die Brüder fanden keine Zeit mehr, ihren Gefühlen Ausdruck zu geben, denn etwas ganz und gar Unvorhergesehenes und Glanzvolles ereignete sich jetzt. Pferdegetrappel wurde vernehmbar, ein unfehlbarer Beweis dafür, daß Großes vorging. Denn im Lande Jehuda war der Gebrauch von Reitpferden einzig und allein dem König, den Prinzen, den Hoffürsten und der Streitmacht vorbehalten. So erregend drang der klirrende Lärm in Ebijathars Saal, daß alle mit großen Augen vom Tisch aufsprangen. Des Erzbettlers leuchtende Fratze zeigte sich in der Tür. Er fuchtelte mit den Händen und rief Obadjah vor Begeisterung unverständliche Worte zu. Dann aber traten vier Bewaffnete ein, die alle die himmelblaue Schimla der Davidskrieger und die goldenen Rundschilde der königlichen Leibwache trugen. Die Krieger jedoch hielten sich im Hintergrund, denn sie waren nur als Begleiter einer hochgewachsenen und weißgekleideten Gestalt erschienen, die jetzt mit dem gleichmütigen Blick eines Hoffürsten die Männer dieses Vaterhauses musterte. Nach einer längeren Betrachtung erst öffnete der Hochgewachsene den schmalen Mund, dessen zartgeschwungene Oberlippe keinen Bart trug:
»Ahikam bin ich, Schaffans Sohn.«
Der Wert dieses Namens durchblitzte die Versammelten. Joel errötete, denn vor Macht und Rang wurde der Weltfahrer schwach. Der königliche Geheimschreiber aber trat einen Schritt vor und neigte sein Haupt:
»Ich stehe hier in Hilkijahs Haus, dem Vaterhause Ebijathars und Elis, des Priesters zu Silo ...«
Auf Obadjahs und Joels Antlitz blühte ein Strahl geschmeichelter Wonne auf, der sich zu einem Sonnenaufgang entfaltete, als Ahikam die Stimme hob:
»Eine Gesandtschaft Josijahs, des Amonsohns und Königes in Jehuda ...«
Die älteren Brüder zweifelten nicht, daß für Hilkijahs Haus die langentbehrte Stunde der Ehre gekommen war. Ahikam überbrachte ihnen vom Könige eine Erhöhung, ein Gnadenzeichen oder zumindest ein Trauerwort zum Tode ihres Vaters. Da Obadjah mit hängenden Armen dastand und nichts zu sagen wußte, wies Joel geziert auf den Ältesten:
»Dies hier ist Obadjah, nach Hilkijahs Tod der Vater des Geschlechtes ...«
Doch wehe, Ahikam, der königliche Geheimschreiber, schien weder eine Erhöhung, noch ein Gnadenzeichen und nicht einmal ein hohes Trauerwort bei sich zu bergen. Langsam ging er auf Jirmijah zu, der an seinem Platz verharrte. Die beiden Älteren sahen einander scharf an. Sollte statt der erwarteten Ehrung eine entehrende Verhaftung auf Befehl des Königs sich jetzt ereignen? Kam die Sühne für die freche Tempelrede? Ahikam aber erkannte, den zu suchen er gesandt war, und berührte mit freundlicher Hand die goldene Spange auf Jirmijahs Arm, das Geschenk des Königs, dessen Anblick stets die Galle der Brüder reizte.
»Jirmejahu! Der König begehrt dein Wort«, meldete der Geheimschreiber. »Mache dich auf, mit mir zu gehn ... Denn du wirst gewürdigt sein, das Antlitz des Königs zu schauen ...«
Erschrocken wandte sich Jirmijah nach seinen Brüdern hin. Sie hielten die Köpfe gesenkt, als hätte man sie ins Gesicht geschlagen. Der Sohn Schaffans aber faßte ihn um die Schulter und führte ihn hinaus wie man einen jüngeren Freund führt. Im Hof hatte Jirmijah kaum Zeit mehr, von der Mutter Abschied zu nehmen.
»Das hat der Herr getan«, raunte sie ihm ins Ohr, »drum hab keine Sorge, Jüngster, und denke meiner nicht, denn ich werde deiner denken ...«
Abis Augen funkelten von Glauben und Hoffnung, als sich Jirmijah leicht auf eines der königlichen Pferde schwang, als sei er's von jeher gewohnt.
»Lampen«, befahl eine Stimme in dem völlig finstern Gemach. Mit zaubrischer Geschwindigkeit, wie von lautlosen Schatten zugebracht, tauchten zwei Leuchter mit schwach glimmenden Lichtern auf, die allmählich wuchsen und den Raum enthüllten. Da sah Jirmijah, daß er mit dem König allein war. Ahikam hatte ihn schon im zweiten Wachthof verlassen, der zwischen den Amtspalästen und dem »Wohnhaus Salomos« lag. Der unförmige Verschnittene aber, der dann sein Führer gewesen, war nach einem sonderbaren Irrgang durch finstere Gänge und Säle, durch die er ihn an der Hand geleitet, plötzlich von seiner Seite gewichen. Jirmijahs Stirn berührte einen Augenblick lang den mit Sandelholz getäfelten Estrich, der wie Räucherwerk duftete. Dabei murmelte er den Königsspruch der Untertanen. Josijah umkreiste mehrmals den Hinabgebeugten, indem er seinen Namen leise vor sich hinsprach:
»Jirmijah, Hilkijahs Sohn aus Anathot ...«
Nach einer langen Dauer erst, die dem vom Königsschritt Umkreisten endlos schien, rief Josijah überaus laut:
»Auf, auf, Jirmijah! Warum stehst du gebeugt?«
Er nahm eine der Lampen vom Leuchter und hielt sie dicht vor Jirmijahs Antlitz, als wolle er es auswendig lernen wie eine Schriftstelle. In der Mitte des Gemaches stand eine breite Mittah, die mit einem herrlichen Teppich aus purpurnem, golddurchwirktem Byssusgewebe bedeckt war. Die Kissen auf diesem Ruhebett lagen unordentlich durcheinander. Wahrscheinlich hatte der König vor Eintritt des Berufenen hier geruht und geträumt. Jirmijahs aufgewühlte Sinne glaubten den Schwarm der königlichen Träume und Planungen wie schwebende Raubvögel in der dunklen Höhe des Raumes zu fühlen. Josijah hatte sich auf das Lager gesetzt. Der Siebenarm daneben beleuchtete ihn scharf. Nun war es an Jirmijah, das Antlitz des größten Königs seit Davids und Salomos Tagen auswendig zu lernen. Doch er scheiterte schon an den Augen, deren atmende Strahlung jedes prüfende Betrachten niederblendete. Hier gab es nur ein Ja oder Nein und keine Entscheidung dazwischen. Diesen Mann mußte man lieben oder hassen. Jirmijah mußte ihn lieben. Und diese Liebe wuchs noch durch die wehe Erkenntnis, daß Josijahs Strahlen durch ganz leise Zeichen des Verfalls und der Selbstverzehrung bedroht war. Unter den so jugendlichen Augen lagen schon späte Schatten, und der kurze salbenglänzende Bart war mit vielen weißen Fäden durchzogen. Des Königs Körper aber, mittelgroß, stämmig, atembreit, zeigte noch nicht die geringste Spur von Fett und Erschlaffung. Die Muskelstränge und Sehnen spielten am Halse und an den nackten Armen. Wenn Eisen hätte Fleisch sein können, dies war eisernes Fleisch.
»Ich habe dich nicht vergessen, Jirmejahu aus Anathot«, begann Jehudas Gebieter, »seit jenem Passah lag deine Stimme dem König im Ohr ...«
Gegen seine hastige Art sprach Josijah die nächsten Worte langsam und nachdenklich:
»Deine Stimme in der Verlesung hat mich aufmerken lassen und mir verraten, was sie den anderen nicht verriet, daß der Herr deinen Umgang sucht ... Nichts sei zwischen ihm und mir ... Nun aber hast du am Sabbath im Tempel gekündet ... Böse und bittere Worte des Herrn ... Man hat sie vor den König gebracht ... Man hat sich empört ... Man hat gefordert, daß solches nicht wieder geschehe ...«
Josijah brach bei diesen Worten ab und schwieg vor sich hin. Eine furchtbare Enttäuschung legte sich auf Jirmijahs Brust. Er meinte, der König habe ihn nur einer Verwarnung wegen vor sein Antlitz gerufen. Dieser jedoch schnellte plötzlich von der Mittah hoch. Seine Gestalt wölbte und straffte sich wie die eines Faustkämpfers.
Читать дальше