»Der König der oberen und unteren Länder, der Sohn der Götter, der seine Väter liebt, der Vater der Götter, der seine Söhne liebt, der Auserwählte Ptahs, dem Râ Stärke verliehen hat und Ammun sein lebendiges Ebenbild, der Sohn des Râ, des Osiris-Psammetich, welcher heraustritt in seiner Güte, der Größte an Gewalt, der auf dem Thron erschienen ist und die Länder aufgerichtet hat, der Herr des Uräus- und Geierschmucks, der Besitzer Horus, des goldenen Siegelhalsbands, der den Menschen das Leben spendet und glücklich wendet ...« hier schöpfte der Ägypter notwendigerweise Atem und schloß: »... spricht also zu dir, König von Jehuda.«
Auch die folgenden sehr nüchternen Eröffnungen des Pharao an den König Josijah waren in die höfisch-liebliche, doch vertrackte Großartigkeit des Ägyptischen eingeschleiert, als begänne die feine und vieldeutige Sinnbilderschrift Mizraims selbst im Munde des Abgesandten zu tönen. Wie einfach und unbehauen klang dagegen die Sprache des Herrn. Nur Er konnte hinter diesen Wortblöcken sein Sinnen verbergen, nicht der Mensch. Es kostete den Landtag einige Mühe, aus den Übersetzungen des Dolmetschers den wahren Sachverhalt herauszuhören. Immer wieder erklang es von dem »Träger der Schönheit«, vom »Bewohner des Lichtglanzgemaches«, vom »Verharrenden in der ewigen Barke, die nimmer vermorscht«, von »Seiner Herrlichkeit, die lächelnd die Verbeugung der Götter entgegennimmt« und von dem »Erleuchteten, vor dem die Herzen der Menschen kriechen«. Sehr befremdend war es freilich, daß dieser unerschöpfliche Bilderprunk der Titel stets nur den botschaftsendenden Pharao verherrlichte, während der angeredete König von Jehuda und der Herr, sein Gott, als selbständige Persönlichkeiten gar nicht zur Kenntnis genommen wurden. Dies aber geschah offensichtlich nicht, um zu kränken oder herabzusetzen, sondern aus dem lächelnden Vollbewußtsein der allumfassenden Weltengröße, Weltenweisheit, Weltenschönheit Ägyptens, außerhalb deren nur trübes Schattenleben vorhanden sein konnte. In der Berührung durch Mizraim, in der Ansprache durch Pharao lag eine erlösende, totenerweckende Kraft für die armen Gespenster des Auslandes, darüber ließ Wort und Gebärde des Botschafters keinen Zweifel walten. Die Botschaft selbst sprach von den zahllosen Schiffen einer gewaltigen Flotte, die selbst die göttlichen Beherrscher des Meeres in Schrecken versetzte. Sie liege, zur Ausfahrt bereit, in einem Seitenarm des Vaters aller Stromgewässer, der durch die Freudentränen der obersten Götterneunheit alljährlich anschwillt und mittels solchen Wunders dem Tode Leben spendet. Diese mit niemals besiegten Kriegern bemannte Flotte werde am Tage des übernächsten Neumondes unter erhabener Voranfahrt des göttlichen Flaggschiffes auslaufen, sich, von unzähligen Streitwagen begleitet, nahe an die philistäische Flachküste halten und endlich in der großen Bucht nördlich des Karmelgebirges landen. Von dort wolle Seine Herrlichkeit, vor der die Götter sich lächelnd verbeugen, die Ebene Israels mit seinem Durchzug erleuchten. So weit die Botschaft an den König von Jehuda. Der Auftrag an ihn erheischte die Beistellung reichlicher Heeresverpflegung in den Städten und Dörfern der erwähnten Ebene, die Zusicherung vollkommener Friedlichkeit des eingeborenen Volkes den Quartierenden gegenüber, sowie den ergebenen Gehorsam des Königs. Dies alles wurde nicht wie eine besondere Forderung vorgetragen, sondern als eine leere Förmlichkeit, die der Sitte wegen Selbstverständliches zu Gehör brachte.
Der Rede des Gesandten folgte ein langes und böses Schweigen. Josijah, regungslos obenschwebend, zog es in die Länge bis an die Grenze des Erträglichen, so daß selbst der steife Ägypter unruhig zu werden begann. Dann erst hob er matt die Hand, seinen Geheimschreiber zu sich entbietend.
Die Worte, die er nun halb zu Ahikam, halb zu dem Botschafter redete, waren nicht die Worte eines Erbitterten, sondern mit vollendetem Gleichmut leise gesprochen:
»Sag' ihm, wenn er im Namen Pharaos die versäumten sieben Morgenopfer im Tempel dargebracht haben wird – dann werde ich dennoch nicht ihm, sondern Pharao den Bescheid selbst überbringen ...«
Der farbenstolze Ägypter verstand nicht recht, blickte unsicher herum, stutzte. Josijah achtete seiner nicht mehr. Er war entlassen. Der Gesandte, der sich eines solchen königlichen Gegengewichtes nicht versehen hatte, berührte, was ihm beim Eintritt nicht Ägyptens würdig erschienen war, mit den Fingerspitzen huldigend den Erdboden. Später wollten dann einige gesehen haben, daß der Verwirrte den Blick Eljakims gesucht habe. Ohnegleichen aber war das wilde Aufrauschen der Zustimmung, das den Thron umbrandete, als Pharaos Botschafter verlegen die Halle verlassen hatte. Nun aber schoß die blaue Flamme in der goldnen Lampe hoch, stand, erstickte den Lärm.
Und der König sprach zu Jerusalem und Jehuda die Worte, die Jirmijah kannte. Er sprach vom Reich des Gottes Jakobs, vom Reich des neuen David, vom Reich der triumphierenden Lehre, dessen Stunde gekommen sei, jetzt oder nie. Jehuda war erstarkt, Israel lag in Wiedergeburt, bereit zur Heimkehr. Pharaos Heer, von Heimat und Hilfsquellen abgeschnitten, würde dem richtenden Gewitter Zebaoths nicht widerstehen. Die Absicht des Herrn habe alles also unbegreiflich günstig gefügt. Josijahs Stimme klang selbst wie ein goldnes Gewitter Zebaoths. Sie versetzte den leicht entzündbaren Landtag in Raserei, als hätte der König seinem eigenen Volke zuerst vom Taumelbecher zu trinken gegeben. Die Versammlung löste sich auf und umwogte den Thron. Am tollsten von allen trieb es Jirmijah von Libna, der königliche Schwiegervater. Seine Augen waren blutunterlaufen wie mitten in einer Feldschlacht. Er stieß in gleichmäßigen Abständen die Arme in die Luft und brüllte ohrenzerreißend: »Davids Reich!«
Nur ganz wenige bewahrten ihre betrachtende Ruhe, darunter Eljakim und Jirmijah. Nicht ohne Grauen sah Jirmijah den tobenden Stadtfürsten von Libna. Eine schreckliche Frage begann in ihm zu arbeiten. Unterschied sich des Königs Bild vom göttlichen Wirken im wesentlichen von dem seines Schwiegervaters? Beide jauchzten dem Kriegshelden Zebaoth zu, der seine Feinde zu Paaren trieb. Jirmijah bedeckte sein Gesicht mit den Händen, um sich zu sammeln. Vielleicht hatte der Herr Einsehen und unterbrach sein Schweigen mitten in diesem Lärm, damit ein Auftrag da sei, den König zu warnen und Unheil abzuwenden. Nichts Göttliches unterbrach den Lärm dieses menschlichen Sturms, der sich in der Gerichtshalle unter den Geringeren noch verstärkte. Die Männer lagen einander in den Armen. Fassungslose Tränen wurden vergossen, grausame Gelübde beschworen, Bünde gestiftet, Blutsbrüderschaften geschlossen. Und immer von neuem ballte sich aus dem wirren Geheul das große Losungswort »Davids Reich« zusammen.
Im Thronsaal aber zerbröckelte der Tumult plötzlich. Rufe nach Ruhe ertönten. Man hatte endlich bemerkt, daß der alte Schaffan schon eine ganze Weile um Gehör kämpfte. Die Männer des Landtags wichen auf ihre Sitze zurück, um den Worten dieses Weisesten der Weisen zu lauschen. Schaffan aber schob während seiner Rede ungeduldig die Schriftrolle hin und her, als könne er es nicht abwarten, aus den rasch vorüberfliegenden Welthändeln zur vernunftscharfen Deutung des Ewigen Wortes heimzukehren und keine seiner letzten Lebensstunden dem Herrn zu entziehen.
»Auch ich stimme«, begann er stockendem Atems, »mit diesem lauten Volke in die Preisung des Königs ein ... Es war kein Besserer je in Israel und Jehuda und wird kein Besserer sein ... Wenige nur gedenken der grauen Zeit seiner Väter, Amons und Manasses, da der Greuel ungerächt herrschte und im Tale Ben-Hinom der Tophet geheizt wurde, damit die Erstgeburt durchs Feuer gehe ... Damals warst du ein Kind, Herrlichkeit meines Königs, nicht älter als dein jüngster Sohn Mathanjah, und Schaffan saß bei dir als dein Lehrer in Wort und Schrift ... Und Schaffan wich nicht von deiner Seite, als die grause Mordnacht an Amon dich plötzlich auf diesen Hochsitz hob, du mein königlicher Knabe ... Ach, mein Lehrerherz hing an dir, Josijah, unabbringbar ... Wie hast du doch die arme Schule gelohnt! ... Denn die Tat meines Königs wird nicht vergessen werden von dreißig und nicht von dreihundert Geschlechtern ...«
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