Der Mensch im weißen nahtlosen Gewande, der dreizehnte dieses Völkergelages, hob wiederum den Becher und hielt ihn unter sein Auge. Und siehe, es war kein Tropfen des blutroten Opferweines übriggeblieben, daß er hätte von ihm trinken und an dem Gelage teilnehmen können. Über die Gäste des Hohenpriesters Israels aber kam der Rausch des Taumelbechers. Sie erhoben sich von ihren Sitzen auf der Schwelle des Heiligtums, sie schwankten die zehn Stufen zum Vorhof hinab, sie faßten einander an den Händen, die auch Krallen, Pfoten und Klauen waren, und begannen einen feierlich-stummen Reigen. Mit der Zeit aber wuchs die Macht des Taumelweines, den der Herr für sie gekeltert. Die Kette der Tanzenden zerriß. Jeder einzelne schien von einem unermeßlichen Schmerze gepackt zu werden, stürzte zu Boden und wand sich in Feuerqual. Das Schrecklichste aber war, daß die zwölf Abgesandten keine Sprache hatten und in die Leere des Zeitenzwielichts nur dumpfe, bellende, jaulende, krächzende oder knirschende Wehlaute auszustoßen vermochten. Hatte Zebaoths Wein ihr Inneres verbrannt? Da erkannte Jirmijah den Grund ihrer unnennbaren Qualen. Der Rausch bewirkte in den Gestalten der Gäste eine krampfhafte Verwandlung. Das Sinntier, das Ur- und Eigenwesen in ihnen, das sich in der scharf unterschiedenen Tierheit ausdrückte, nahm durch die Gewalt des göttlichen Weines ab, schien einzugehen, zu verschwimmen, zu welken, – die Menschheit aber drang in unsäglichen Wehen vor. Immer schwächer und seltener entwickelte sich der Löwenrachen und das Stierhorn. Immer weniger krallenhaft wurden die Hände. Der unter dieser Verwandlung am verzerrtesten litt, war der Adlermensch des unbekannten Volkes. Mit gellendem Schrei hob er sich ein Stück in die Lüfte, immer wieder, und fiel immer wieder herab, das braune Gefieder seiner Schwingen rings verstreuend. Alle Gäste aber erhoben die Arme und streckten sie gegen Jirmijah. Wollten sie sich auf ihn stürzen und ihn vernichten zur Rache für den kredenzten Blutwein, der ihr Innerstes und Eigenstes wegfraß? Suchten sie seinen Beistand oder fluchten sie ihm mit dem Gellen, Bellen, Brüllen und Zischen ihrer Stimmen? Im Erwachen wußte er nicht, ob das Gelage Segen oder Verdammnis bedeutete, ob der Herr durch Israel den Völkern einen Zorn- oder Heiltrank gereicht habe. Wieder war Adonai undeutlich geblieben.
Der König deutete Jirmijahs Traum von Taumelbecher mit leuchtenden Augen. Indem er aber den Traum deutete, entschleierte er dem Träumer zum erstenmal sein gewaltiges Vorhaben. Siehe, der den Völkern kredenzte Taumelbecher war ein Zornbecher des Herrn und sein berauschender Blutwein war nicht etwa Israels eigenes Opferblut, wie der allzu skrupelhaft grübelnde Jirmijah vielleicht vermuten mochte. Der grauenhafte Tanz und die krampfgeschüttelte Selbstverwandlung der zum Gelage geladenen Völker bedeutete die endgültige Niederlage ihrer tiergestaltigen Abgötter und ihres schlimmen, gierigen Eigenwesens. Wahrlich, der Herr Zebaoth mochte vor dem jugendlichen Kündergeist, dem er sich zu erkennen gab, in Undeutlichkeit gehüllt sein; der Königsgeist, dem er sich nicht zu erkennen gab, sah seine Absicht hüllenlos. Die Zeit hatte sich erfüllt – bei diesen Worten senkte der König seine volle Stimme zum Flüsterton – und an ihn, Josijah, erfloß nun der große Auftrag, »das Reich des neuen David« zu gründen, von dem die Wahrheit ausgehen sollte. Ja, er war der neue David, von welchem die Propheten seit undenklichen Zeiten gekündet hatten, darüber trug er nicht den mindesten Zweifel in der Brust. Hatte er nicht Gnadenbeweise dessen in Fülle? Der höchste Gnadenbeweis: Der Herr hatte kein andres Zeitalter und kein andres Königtum ausgewählt als das seine, um sich in der verlorenen Lehre wiederfinden zu lassen und einen neuen Bund anzubieten. Wenn Josijah seines Ahnherrn David gedachte, so fühlte er sich vollwürdig solcher Auszeichnung, denn sein Leben war im Gegensatz zum Vorvater mit keiner großen Sünde belastet. Und hatte er nicht von der ersten Stunde des neuen Bundes für die Vollstreckung der Lehre gewirkt, mit dem Blitz seines Schwertes und Richtspruchs? Ritt er nicht als ein Besessener durchs Land, und nicht nur durch Jehuda und Benjamin, sein Erbteil, sondern durch all die darniederliegenden Stämme Israel bis Dan hinauf, um die Gleichgültigen und Geschwächten zurückzuführen? Gewiß, es war nicht genug, Greuelaltäre zu entweihen, die grünen Bäume der Hurengötter umzuhauen, Weihwinkel der Aschera auszuräuchern, dadurch allein wurde der große Trotz nicht gebrochen, der lauernde Rückfall nicht ausgerottet. Es war auch nicht genug, die Männer der Ortschaften zusammenzurufen, ihnen aus der Lehre vorzulesen und sie zu beschwören, dem Übel Einhalt zu tun und dem augen- und ohrenfälligen Heil zu gehorchen. Der Mensch war so langsam, so träge. Zebaoth aber und Josijah brauchten mehr als Ausräucherung und Beschwörung, sie brauchten einen Sieg. Möchte er doch gnädig erkennen, was sein Knecht Josijah tun will für ihn! Wenn Josijah seine eigene Macht vermehrt und verherrlicht hat, wenn er nicht mehr ein kleiner, sondern ein großer König ist, dann soll die ganze Erde von Adonais Lehrwort und Ruhm erschallen. Dann sind die trauernden Brüder wieder vereint, Israel und Jehuda, vom Hermon hinab bis zum Bache Ägyptens.
Wie bestärkend, wie bestätigend wirkt doch Jirmijahs Traumgesicht auf des Königs Entwürfe! Wann, wenn nicht jetzt, wäre die Stunde gekommen, den Taumel- und Zornbecher umgehen zu lassen? Die Großen schwächen einander bis zum Tod. Sie alle und mit ihnen die Kleinen, die Feinde von Anfang an, sie werden vom Becher trinken, trunken werden und dem Herrn gehören zuletzt.
Der König zieht den Träumer an sich und herzt ihn, denn er selbst ist trunken von der unendlichen Aussicht, die der Traum vor ihm aufreißt. Der menschliche Verstand allein genügt, die unwiederbringliche Gunst der Stunde zu ermessen. Ineinander verbissen Löwe und Flügelstier! Die Welt herrenlos! Mehr aber noch berauschen den König jene heiligen Sicherheiten, die er mit schalkhaftem Behagen in seinem Herzen streichelt. Da ist Huldas Orakelspruch, immer und immer wieder im Geiste wiederholt: »Siehe, ich will dich sammeln zu deinen Vätern, daß du in Frieden in's Grab eingehst und kein Unglück siehst!« Kostbares Unterpfand, doppelt kostbar, weil der Herr den Mund, der diese herrliche Wahrheit vermittelte, nun selbst versiegelt hat zum Zeichen, daß kein Wort davon zurückgenommen wird. Welche Kraft gewinnt Josijah aus der Überzeugung, daß er unverwundbar ist, daß ihn durch die ausdrückliche Zusage Adonais im Kriege kein Unglück ereilen kann, daß er in einem Reiche des Friedens dahinfahren wird. Und dann: Der siedende Kessel des Gerichtstags hat sich von Norden nach Süden geneigt. Der König denkt nicht daran, gegen die Mächte des Nordens und Nordostens zu kriegen. Den Sieger im Stromland wird er sich schlau verpflichten und unter seinen Augen das Reich des Ewigen errichten. Die Tat aber, die ihn befreien und verherrlichen soll, ist gegen den alten Erbfeind Gottes gerichtet, gegen das Haus der Knechtschaft am Nil. Seit vielen Monden schon rüstet Necho, Psammetichs Sohn, der neue Pharao und gute Gott, wie er genannt wird, eine Flotte von vierhundert Dreiruderern, die in der Bucht am Karmelberge landen soll. Das Heer, das die Schiffsbäuche bergen, gedenkt Necho durch Israels Gebiet wider Assur zu führen, damit nicht Babels Sternkönige, sondern er, der einverkörperte Sonnengott, die Herrschaft der Welt an sich reiße. Schon hat Pharao Botschaft an den König von Jehuda gesandt. Der König von Jehuda aber wird Necho am Engpaß bei Meggiddo nicht nur den Weg vertreten, sondern den guten Gott samt seinen angeworbenen Söldnern ins Meer werfen. Zu diesem Ende hat er ja in atem- und schlafloser Arbeit und großer Heimlichkeit aus allen Städten und Dörfern Jehudas, aus den traurigen Märkten und Weilern des Nordlandes Jungmannschaft gezogen, sie bewaffnet und gedrillt, Oberste, Hauptleute, Heervögte, Rottmeister bestellt, den Ruftag und die Versammlungsorte vorbestimmt, die Scharen eingeteilt und den ganzen Heerzug bis ins Kleinste berechnet. Blutrauschende Freude erfüllt Josijah, denn der Plan ist vollendet und er selbst in hoher Bereitschaft. Der Vorteil seiner Stellungen gegen eine landende Streitmacht, und wäre sie zehnfach größer als die seine, erscheint nicht nur ihm, sondern allen erfahrenen Heerfürsten unendlich. Doch nicht der grelle Vorteil bewegt ihn jetzt, sondern das neue Zeichen, das der Herr ihm durch dieses Mannes Traumgesicht gesandt hat. Er fährt ihm väterlich streichelnd über die Wange:
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