Ich stand an einer Abzweigung. Eine zeigte nach links, eine nach rechts. Rechts stand: „Wilnsdorf 50km“ und das daneben war unleserlich. Da ich a: von links gekommen war und b: keine 50 Kilometer gelaufen war, nahm ich die linke Abfahrt.
Doch bald kam ich in einen Kreisverkehr. Hier waren auch weitere Autofahrer zu so später Stunde. Die Auto Uhr zeigte 10:21 an. Ich fuhr einem Gold lackierten Ford hinter. Und der fuhr auf die Autobahn.
Ich sah wie er beschleunigte. Der Motor heulte trotzdem. Ich wartete solange bis das Auto anfing zu schalten damit es wieder in den normalen Bereich kam. Dann sah ich auf den Tacho: 80 km/h, 90 km/h, 100, 110, 120. Ich fing an zu zittern. Bei 130 hörte der Wagen vor mir auf zu beschleunigen und zog in die linke Spur. Ich machte es sofort nach und setzte den Blinker.
Nach einiger Zeit hatte ich mich beruhigt. Es ging ganz passabel. Ich fuhr jetzt auf der rechten Spur mit 125 dahin. Eine Ausfahrt nach der anderen schoss an mir vorbei. Dann sah ich das Schild für einen Flughafen. Mutig drosselte ich langsam die Geschwindigkeit und fuhr ab.
Der Flughafen war nicht schwer zu finden. Aber das Geld für die Reise nach Venedig schon. Ich ließ den Wagen einfach stehen und schloss nicht mal ab. Jeder durfte ihn sich nehmen.
Ich ging in den hellerleuchteten Flughafen. Mit meiner eigentümlichen Kleidung fiel ich sofort auf. Ich zog die Kapuze eng um meinen Kopf und sah auf die Abflugliste: „23:00 Abflug London, 23:15 Abflug Berlin“ so ging es weiter bis ich dann das fand was ich suchte: „00:00 Abflug Venedig“ Gut, das Geld und der Pass etc. fehlten aber.
Ich verzweifelte. Der Flughafen leerte sich und die Putzkolonen machten ihre Arbeit. Ich musste so dringend nach Venedig. Aber wie sollte ich das schaffen?! Eine Gruppe Männer kam auf mich zu. „He Püppchen. Lust mit uns einen Trinken zu gehen?!“ grölten sie. „Nein danke, ich trinke nicht.“ sagte ich. „Nein? Na dann vielleicht was anderes?“ Ich wurde hochgezogen und mir wurde grob an den Hintern gefasst. Ich verpasste demjenigen eine schallende Ohrfeige. Dann wurde ich von ihm grob am Kragen hergezogen. „Ich würde mir eher keine Ohrfeige verpassen.“ „Wieso?“ „Nun, sagen wir mal so, die Gefallen, die ich anbiete, sollte man lieber nicht ablehnen. Ich habe viel Einfluss.“ Irgendwie wirkte der Typ gruselig. Währenddessen war meine Kapuze heruntergefallen und der Typ sah mir direkt ins Gesicht. Ein rosaner Schimmer lief ihm über die Augen. „Bist du schön!“ flüsterte er. Ich erstarrte. Der Fluch! Oh Gott und in drei Tagen ist dieser Mann tot! „He Boss, was ist denn?“ fragte sein Kumpel ihn. „Sie ist schön! Wie kann ich dir helfen?“ fragte er mich. Ich schluckte und setzte die Kapuze wieder auf. Meine Gedanken tanzten Tango. Abenteuerliche Gedanken kamen. Ich überlegte kurz. Was hatte der Typ gesagt? „Ich habe viel Einfluss.“ war der einzige Satz der meine Gedanken beherrschte. Spontan sagte ich „Ich muss nach Venedig.“ „Nach Venedig, um die Uhrzeit?“ fragte er und lächelte galant. „Boss? Alles ok?“ „Geht!“ fauchte er seine Leute an. Die Männer gingen. „Wie kann ich da helfen?“ fragte er. „Ich habe weder den Pass noch das Geld.“ sagte ich. „Nicht gut.“ sagte er lächelnd. „Kannst du mir helfen?“ „Es wäre mir eine Ehre Madam!“ Er machte einen tiefen Diener. Der Fluch war furchtbar, ich hasste ihn, aber ich musste einfach nach Venedig. Außerdem konnte ich es nicht mehr rückgängig machen. Er nahm mich mit zum Schalter. Die Frau dahinter verkrampfte sich. „Dieses Mädchen braucht ein Ticket nach Venedig.“ sagte er zu ihr. Sie schluckte. „Klar doch, ihren Pass bitte.“ „Kein Pass.“ sagte er scharf. Sie zittere. „Ist gut, Sie heißen wie?“ fragte sie vorsichtig. „Jennifer Smith.“ sagte der Mann barsch. Die Frau tippte es ein.
Eine viertel Stunde später hatte ich das Flugticket. Ich hielt es in der Hand wie einen Schatz. Und das war es auch. „Musst du wirklich gehen?“ fragte er mich. „Ja, es tut mir leid. Ich kann nicht anders.“ Wie ich diese Dramen verabscheue. „Kann ich mitkommen?“ „Nein, das geht bei besten Willen nicht.“ sagte ich. Er nickte, dann küsste er mich auf die Wange, er roch ekelhaft nach Alkohol, Zigaretten und Schweiß. Seine Bartstoppeln kratzen mich und seine breiten Hände taten fast weh auf meiner zarten Haut. Dagegen waren Serems Hände ja wie Seide. „Ich werde dich vermissen.“ Damit drehte er sich um und ging.
„Letzter Aufruf für den Flug nach Venedig“ hallte die Stimme aus dem Lautsprecher. Ich hatte mich hoffnungslos verlaufen. Da stand ein Flugbegleiter. Meine Schritte lenkten sich von allein. „Entschuldigen Sie, könnten Sie mich bitte zu meinem Flug bringen?“ fragte ich mit piepsiger Stimme. Die Frau drehte sich um. Ich zeigte ihr das Ticket. Sie sah es kurz an und nickte dann. „Folgen sie mir.“ Ich rannte hinter ihr her, sie war groß und ging schnell. „Hier hinein.“ sagte sie freundlich und wies in den Tunnel. Die letzten Nachzügler kamen hinter mir an. Alle in Sommerhemden und Sandalen. Ich ging schnell den Flur entlang. Da kamen Fenster in den Flur. Ich konnte auf den dunklen Flugplatz sehen. Ich war schon wieder so hoch oben, aber ich ging weiter.
An einer Tür standen die Flugbegleiterinnen. „Könnten Sie mir sagen wo ich sitze? Ich fliege das erste Mal.“ sagte ich. Nicht gelogen und dieser riesige Metallvogel sollte fliegen können? Die Frau sah sich das Ticket an. „Sehr wohl Frau Smith, folgen Sie mir.“ Wir gingen durch einen engen Gang. Ein Raumteiler aus Metall kam, darin war ein kleines WC. Dann gingen wir durch einen weiteren Gang. Und schließlich über eine Treppe in den dritten Teil, hier waren nur wenige Sitze. „First Class Madam, hier ist Ihr Sitz!“ Ich setzte mich. Sie schnallte mich an. „Wir starten in Kürze. Sie sollten am besten die ganze Zeit lang angeschnallt bleiben.“ sagte sie förmlich aber freundlich. Ich hielt den Kopf gesenkt und nickte. Sie ging. Um mich herum waren keine großen Gespräche, nur hinten telefonierte jemand. Vor mir hing ein Fernseher. Die Fernbedienung war in meine Sitzlehne eingelassen. Ich konnte durch ein kleines Fenster hinaus schauen.
Eine viertel Stunde später setzte sich das Flugzeug in Bewegung. Es rollte auf die Startbahn. Mir wurde verdammt mulmig. Eine Elfe, die Angst vorm Fliegen hat, na toll.
Erst nach weiteren Minuten beschleunigte der Flieger, wir hoben ab. Ich konnte das sanfte Vibrieren spüren, hörte aber sonst absolut nichts. Das Flugzeug ging in Schräglage, ich spürte es in meinem Magen und an den Getränken, die hier neben mir festgeschnallt standen.
Kurz darauf war alles vorbei. Das Licht wurde jetzt gedimmt. Fahrig schaltete ich das Licht bei mir wieder an und suchte nach etwas um meine Augen abzudecken. Ich fand eine Augenklappe oder sowas ähnliches. Die Stewardess (das Wort hatte ich gerade eben aufgeschnappt) quatschte irgendein Zeug. „Sie dürfen sich, wenn Sie wollen, jetzt abschnallen.“
„Frau Smith?“ Ich wurde geschüttelt. Eine Stewardess machte mich wach. „Wir sind gelandet, Sie dürfen jetzt aussteigen.“ „Danke Ihnen.“ sagte ich und war sofort hellwach. VENEDIG! „Wir sind in Venedig oder?“ Sie schüttelte den Kopf, „Wir sind auf dem Flugplatz Marko Polo, sie können gern einen Shuttlebus nach Venedig nehmen, wie in ihrem Ticket bereits inkludiert ist.“ „Gut, wo find ich denn den?“ „Er steht draußen vor dem Flughafen, man kann Sie hinführen.“ „Danke, das wär toll.“
Mir war furchtbar heiß. Mittlerweile war es fast eine Schnapsidee hierher zu kommen. Es war einfach unerträglich in diesem Bus. Überall die schwatzenden, schwitzenden Menschen um einen herum, der Geruch von Schweiß und zu viel Parfüm drückte meine Stimmung furchtbar.
Ich versteckte mich erst mal vor der sengenden Nachmittagssonne. Der Flug hatte entweder länger gedauert als ich gedacht hatte oder wir waren irgendwo zwischengelandet – natürlich ohne, dass ich es gemerkt hatte. Ich lief zur Innenstadt, einfach immer den italienischen Schildern nach. Ich hoffte zu mindestens, dass „Centro“ Zentrum hieß.
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