Ich erbrach mehrere Liter Flusswasser. Mir war eisig kalt. Sachte knöpfte ich im liegen die Jacke und das Hemd auf, legte sie beiseite. Ich konnte nur hoffen, dass die Sonne die Sachen trocknen würde. Aus meinen Stiefeln floss literweise das Flusswasser. Ich legte mich hin und zog die Hose aus. Da blitzte die Sonne hervor. Schnell krabbelte ich zurück in die kleine Höhle hier. Die Sachen waren beige. Besonders gut konnte man sie nicht sehen. Ich rollte mich klein zusammen. Die Sonne wärmte die Höhle auf. Es wurde heiß und stickig. Aber es würde mich wieder aufwärmen.
Es dämmerte der Abend, als ich das Wispern hörte. Ich riss meine Sachen zu mir in die Höhle und verhielt mich Mucksmäuschen still. Die Wellen des Ufers und der aufkommende Wind waren gnädig. Von oben durfte man die Spuren nicht mehr sehen. „Immer noch nichts?“ Serem. „Nein Serem, hier ist zwar eine kleine Bucht, aber es sieht nicht danach aus, als ob hier jemand gewesen wäre!“ Titan. „Geh runter und schau nach!“ Starr vor Schreck hörte ich das eine Wispern näher kommen. Allerdings wisperten Titans Flügel nicht wirklich. Sie klirrten mehr. Ich raffte die Sachen zusammen und verzog mich tiefer in die Höhle. Titan landete leichtfüßig am Strand. Ich konnte ihn sehen. „Sind da Spuren?“ fragte Serem. „Ja!“ „Und sind die menschlich!?“ Alle waren anscheinend in heller Aufregung. „Könnte sein, könnten aber auch genauso gut Wolfsspuren sein! Die sind so klein!“ Gut, dass er so strohdoof war. „Warte, ich komme runter.“ sagte Serem. „Denkst du, ich wäre zu blöd Wolfsspuren von Frauenspuren zu unterscheiden?!“ giftete Titan hinauf. „Ich mein ja nur.“ „Pff.“ Schnaubte Titan. „Wo gehen denn die Spuren lang?“ fragte Luv. Titan bückte sich erneut. Er ging den Spuren nach, die immer deutlicher wurden. Mein Herz begann wie wild zu klopfen. Als wollte es aus meiner Brust raus. Ich hielt mir den Mund zu, mein Atem war laut zu hören. Er trat noch einen Schritt näher. Dann sah er zur Seite. „War nur ein Tier, es ist die Böschung wieder rauf!“ Ich wurde fast ohnmächtig vor Erleichterung. Er war wirklich sau dumm. Er ging zurück, trat dabei aus Versehen auf meine Spuren und erhob sich wieder. „Wir müssen weiter Flussabwärts.“ sagte Luv. „Oh ja, wenn wir sie nicht finden. Oh Gott.“ sagte Serem. Das Wispern entfernte sich und verschwand. Ich stand zitternd auf und ging wieder raus. Die Sonne war nun weg. Ich legte die Sachen auf den Sand und wusch mir den Schmutz und das Blut ab. Vorsichtig betastete ich meine Wunden. An meinem Oberschenkel klaffte ein 15 Zentimeter langer Schnitt. Er war bereits verkrustet. Zu tief war er nicht gewesen. Eine Platzwunde war an meinem Kopf. Und Beulen am ganzen Körper. Ich musste niesen. Hoffentlich handelte ich mir keine Erkältung ein.
Ich übernachtete in der Höhle. Es schien mir das Beste. Denn jetzt im Dunkeln einen Unterschlupf zu suchen grenzte an Wahnsinn.
Ich hörte das sanfte Rauschen der Wellen als ich erwachte. Zu allererst dachte ich, es wäre ein Traum. Ich würde nur auf meinem Boden liegen, weil sie mich wieder betäubt hatten und das ich immer noch im Dorf war. Da es hell war musste meine Maske auf meinem Gesicht sein. Aber bald dämmerte es mir. Ich fuhr an mein Gesicht. Die Lippen waren aufgesprungen, meine Haut stark gespannt und trocken – aber ich hatte keine Maske auf. Die Maske ist zerstört rief ich mir ins Gedächtnis Du bist geflohen! Und sie haben dich immer noch nicht gefunden! DU BIST FREI! Wirklich fassen konnte ich es immer noch nicht. Aber es fühlte sich gut an. Keiner schrie mich an, keiner hatte vor mir Leid anzutun, keiner konnte es. Weil ich allein war. Ich fühlte Freiheit!
Die kühle Morgenluft streichelte meine Haut. Ich legte mich in den Sand. Er war warm und weich. Meine Kleidung war trocken. Ich hatte sie geschwind wieder angezogen. Dann nahm ich ein Lederband und bändigte meine Haare.
Die Sonne war mein einziger Feind. Momentan hielt sie sich mir fern, da ich im Wald lief. Aber ich fand noch allerlei in meinen Jackentaschen. Ein Paar weiße Handschuhe. Sie waren robust und fest, aber von innen weich wie Daunen. Dann eine Kapuze. Ich würde sie erst aufsetzen, wenn es nötig würde.
So wanderte ich erst einmal durch den Wald. Immer auf der Suche nach Siedlungen, einer Straße oder etwas dergleichen.
Ich wanderte Richtung Süden. Ich wusste, dass Venedig im Süden lag und ich hoch im Norden war.
Und endlich! HEUREKA! Eine Stadt tauchte vor mir auf. Eine Großstadt musste das sein, zu mindestens waren hier Häuser die 10 Mal so hoch waren, wie ein normales Haus. Es war später Nachmittag. Nur stand ich oben auf einem Plateau und die Stadt war unten. Hätte ich Flügel. würde ich einfach hinunter gleiten. Aber so ging ich erst mal nach rechts weiter auf der Suche nach einem Abhang.
Erst etliche Kilometer und Stunden später, stand ich an einer Kiesgrube. Ein Berg war aufgeschüttet worden, und ging mit 45° steil nach unten. Aber ich musste zur Stadt hin! Ich sprang und rutschte prompt auf dem Kies aus. Ich schlug hin und rutschte und kullerte den ganzen Berg hinunter. Staub wurde aufgewirbelt, wie beim Straßenputz im Dorf. Ich hustete und massierte eine Weile meine Beine, die jetzt schmerzten.
Ich sah mich um. Da hinten stand so etwas wie ein Auto. Ich kannte die Dinger, im Dorf waren einige, falls jemand in die nächste Stadt musste – Moment! DAS HIER musste die nächste Stadt sein. Oder naja, zu mindestens die Kiesgrube der Stadt, die viele Kilometer weiter links lag.
Ich ging zu dem Auto. Schien ein altes Model zu sein. Ich hatte zugesehen wie den neuen Elfen das Autofahren beigebracht wurde. Ich kannte soweit alles, weil Annika es mir auch ein paar Mal gezeigt hatte. Damals saß ich mit 15 in ihrem Auto und gurkte auf dem Marktplatz herum, bis sie sagte, dass es genug wäre und ich ganz passabel fahren würde. Ich schluckte und griff an die Türklinke.
Der Wagen öffnete sich sofort. Ich stieg auf den Fahrersitz. Zuerst tastete ich im Dunkel das Armaturenbrett ab, kein Schlüssel. Weder im Aschenbecher, noch Mülleimer, noch Fußraum – kein Schlüssel. Mich verließ schon der Mut und ich blickte hoch. Da waren die Sonnenblenden. Ich griff sofort hin und klappte diese auf. Der Schlüssel fiel herunter. „Gelobt sei der Besitzer dieses Autos!“ jauchzte ich. Hörte mich ja sowieso keiner. Ich suchte nach der Kupplung, keine Kupplung? Hä, was sollte denn der Mist? Ich griff an den Schaltknüppel. Ich musste nicht in die Kästchen schalten, sondern rauf und runter ziehen. Sollte mir recht sein. Moment, davon hatte ich gehört, Automatik Schaltung. Ich musste nicht mehr kuppeln. Der Schlüssel fand den Weg zum Zündschloss, ich drehte ihn einmal herum und schon brummte der Motor auf. Ich atmete erleichtert aus. Gaspedal treten. Der Motor heulte auf, der Wagen bewegte sich nicht. Blick auf den Schalthebel. Was stand da? Der Schalthebel steht auf P. Darunter stand ein R, dann ein N, gefolgt von einem D, dann ein S und ganz unten ein L. Also Schalthebel anfassen und auf R. Ich war ganz vorsichtig, kein Gas, der Wagen ruckelte langsam rückwärts. AH! Der Rückwärts Gang. Weiter auf N, kein Gas, der Wagen blieb stehen. Nun auf D. Der Wagen rollte langsam an. Ein bisschen Gas geben, der Motor wurde lauter, der Wagen beschleunigte „Juhu! Ich fahre!“ jubelte ich. Ich bremste wieder, schnallte mich zu meiner Sicherheit an und fuhr endlich los. Vorsichtig drehte ich ein paar Runden. Dann suchte ich die Ausfahrt. Da war sie, die Schranke war offen. Anscheinend war das ein verlassener Kiestagebau. So weit so gut.
Ich fuhr die Straßen entlang. Ging doch ganz gut. Die Bremsen griffen hervorragend. Ich machte mir nur um den Besitzer Sorgen. Der hockte da oben jetzt wahrscheinlich und fragte sich nachher wo sein Auto wohl ist. Der Tank war dreiviertel voll. Ich griff ins Handschuhfach und beförderte eine Rock n Roll CD zutage und legte sie ein. Hatte guten Beat, also lief sie weiter. Dann eine Zeitschrift. Prompt fiel mein Blick auf die halbnackte Frau. „Playboy“ stand drüber. Ich zuckte mit den Schultern und warf sie nach hinten. Eine Packung Zigaretten samt Feuerzeug. Die Packung war noch warm. „Oh Scheiße!“ Ich blickte nach hinten. Gott sei Dank, da war niemand. Dann nahm ich die letzte Schachtel raus. Eine geöffnete Kondompackung kam zum Vorschein. Da hatte ich wohl einem jungen Paar das Auto geklaut. Naja, wer schon zu ner Kiesgrube fahren muss, um mal ganz ungestört zu sein… konnte auch wieder runter gehen.
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