Im Wohnzimmer polterten sie gegen die Tür. Der Kasten rührte sich kaum. Als wäre er fest mit dem Haus verwurzelt. „Haus! Bitte ich muss aus dem Dorf raus!“ Der Anzug wurde kurzärmelig. Die Stiefel schnürten sich fest, so konnte ich besser laufen. Dann krachte der Dielenboden. Während er aufbrach, nahm ich ein Feuerzeug und verbrannte die Zeitschrift in der ich meine ganzen Schriftsachen aufbewahrte. Besser so, als das sie es fanden. Ein Schwall eisiger Kälte empfing mich. Ein Loch war im Boden. Und darunter ein Tunnel. Der Kasten drohte umzukippen. „Hab ich alles?“ Der Tunnel seufzte schaurig schön „Ja.“ Als ich in das Loch sprang hörte ich die Tür splittern.
Ich rutschte pfeilschnell den Tunnel runter. Hinter mir schloss sich die Erde, damit ich nicht verfolgt werden konnte. Dennoch war ich mir sicher, dass jetzt sämtliche Wachen nach mir ausschwärmen würden. Ich war zu Fuß und sie mit Flügeln unterwegs. Wir wussten alle wer schneller war…
Ich merkte wie der Tunnel flacher wurde. Ich sah Licht und dann plumpste ich in den grünen Wald. Ich fasste es nicht. Ich war- war wirklich aus dem Dorf draußen! Oh Gott! Aber- wo musste ich hin? Überall waren fremde Geräusche, Gerüche. Ich war unsicher. Ich richtete mich auf und sah mich um. Irgendwo musste ich mich doch bitte orientieren können! Ich wusste das es ungefähr Zwölf war, aber die Sonne konnte ich nicht sehen. Ich musste nur genug Entfernung zwischen das Dorf und mich bringen. Ich rannte also querfeldein durch den Wald, in der Hoffnung, sie würden erst Mal wo anders suchen.
Aber ich hatte mich getäuscht. Ich hörte das Wispern der kräftigen Flügel. Sie mussten irgendwo hinter mir sein, es würde nicht mehr lange dauern, bis sie mich sahen. Ich rannte durch die Büsche, damit sie mich nicht allzu gut sahen. Doch es war zu spät „DA IST SIE!“ „Scheiße!“ entfuhr es mir.
„Treibt sie zum Wasserfall!“ hörte ich sie rufen. Ein Elf schnitt mir den Weg, den ich vorher gelaufen war, ab. Ich rannte scharf an ihm vorbei und versuchte wieder auf den alten Kurs zu kommen. Aber immer mehr Elfen halfen.
Ich hörte das Rauschen. Sah die Klippe und konnte gerade so vor dem Abgrund abbremsen. Direkt vor mir stürzte das Wasser 30 Meter oder sogar mehr in die Tiefe. Ich schluckte. Das Wispern hörte auf. Sie landeten hinter mir. Die Elfen standen im Halbkreis um mich herum. „So, jetzt ist’s vorbei mit der Verfolgungsjagd.“ lachte Serem. Sämtliche Elfen hatten die Flügel hoch aufgereckt. Ich sah Flügel selten, deshalb fesselten mich die verschiedenen Farben und Formen. Die spitzen Ohren waren nun auch da. Serem und die anderen schnaubten kräftig. „Schicke Sachen, woher hast du die?“ fragte eine Wache lässig. „Geschenkt.“ fauchte ich. „Oh mutig, mutig ist die Kleine jetzt!“ höhnte Titan. Jetzt wusste ich warum er Titan hieß und nicht mehr Lukar. Seine Flügel waren grau und sahen beinahe stählern aus. Serems Flügel waren kräftig blau, schmal und spitz, typische männliche Flügel. Die nichts mit Grazie zu tun hatten, sondern einfach nur mit Kraft. Die Farben waren wild gewählt, alles sah ich, dunkelrot, dunkelgrün. schwarz. Es waren nur dunkle Farben. „Und jetzt komm her Aliona, sei brav und lass dich ins Dorf zurückführen.“ sagte Serem zuckersüß und streckte die Hand aus. Ich blickte lieber hinter mich auf den Wasserfall. „Da geht’s 30 Meter runter.“ sagte Luv lässig. „Ich sehs.“ „Ach Luv, tu unserer kleinen Missgeburt doch den Gefallen und nenn ihr ihre Chancen wenn sie da runter springt.“ sagte Serem lässig. „Wenn du springst liegt die Chance bei 50% dass wir dich kriegen, im Flug oder im Wasser. 45% beträgt die Chance, dass du stirbst bei dem Sprung. 3%, dass du auf einen Stein aufschlägst an der Wand und 2%, dass du überlebst.“ Alle lachten auf. Sie fanden das also lustig ja?! „Also bei 2% würde ich nicht mehr springen! Da müsste ich vollkommen plemplem sein.“ sagte Titan. Wieder lachten sie alle. „Sie springt so oder so nicht, sie hat viel zu viel Angst!“ sagte Luv. Alle bogen dich vor Lachen. „Also komm!“ sagte Serem nun wieder ernst. „Ihr hättet mehr Zeit mit mir verbringen sollen. Mir zuhören sollen.“ sagte ich leise. „Dann hättet ihr gewusst, dass eine Chance von 2% immer noch eine Chance für mich ist, das Dorf lebend zu verlassen.“ Alle erbleichten. Ich drehte mich um, lief den letzten Meter und sprang.
Nach einer Schrecksekunde schossen die Elfen hinter mir her. Ich ballte Fäuste um mich vor dem Aufschlag ins Wasser zu schützen. Ich konnte mich nicht drehen. Ich musste so runter. Die Elfen holten auf. Titan griff nach mir, aber ich sauste durch seine Arme. Zwei Elfen schnitten mir den Weg ab, aber ich holte aus und schlug nach den Flügeln. Sie schrien erschrocken und trudelten beiseite. Dann atmete ich tief ein und aus. Mit einem lautem Knall durchstieß ich die betonartige Wasseroberfläche. Das Wasser war eiskalt. Ich schrie fast. Aber ich musste nach oben. Ich brauchte wieder Luft. Ich schwamm, aber durch die Strömung war es alles andere als leicht nach oben zu kommen. Das kalte Wasser brannte an meinen Gliedmaßen. Dann durchbrach ich endlich die Oberfläche. Wassertropfen spritzen hoch auf. „DA IST SIE!“ riefen die Elfen. Sie flogen mir hinter her. Ich hustete einige Male, atmete tief ein. Meine einzige Chance nicht gepackt zu werden, war unter Wasser zu bleiben. Kurz bevor Serem mich fassen konnte, tauchte ich unter.
Das machte ich ein paar Mal. Aber der Fluss, in dem ich schwamm, lähmte langsam meine Glieder. Es war immer schwerer wieder aufzutauchen. „Sie wird müde! Wir müssen sie aus dem Wasser fischen oder sie stirbt!“ rief Luv. Seine Seile kamen auf mich zu. Ich war angestrengt und atmete tief ein. Da drückte mich eine Welle unter Wasser. Sie drückte mich nah an den Boden, die Seile verfehlten mich. Aber eines wickelte sich um mein Bein. Er zog kräftig daran. Ich konnte das Triumphgeschrei fast hören. Alle zogen jetzt. Aber ich hatte das Messer. Ich riss es raus und schnitt einmal am Seil. Es riss und der Fluss drückte mich mit ungeheurer Wucht weiter. Ich steckte das Messer weg und versuchte rauf zu kommen. Aber meine Arme gehorchten mir nicht mehr. Sie waren taub und bewegten sich kaum. Verzweifelt versuchte ich die Oberfläche zu erreichen. Aber sie verschwand vor meinen Augen. Gut, dann geht es ebenso zu Ende. Ertrinken, wenn man nichts mehr spürt.
Serem und die anderen suchten verzweifelt nach mir. „Verdammt noch eins!“ Serem flog nah über das Wasser und versuchte mich auszumachen. Er sah nichts. „Die 2% waren eben doch zu wenig.“ sagte Luv. „Das darf nicht sein! Nein, nein, nein, nein!“ rief Serem. Er schraubte sich hoch. „Alavin wird uns köpfen! Er hat gesagt, wenn sie stirbt, lyncht er uns!“ sagte er verzweifelt. „Vielleicht hat sie einfach länger die Luft angehalten. Sie feixt vielleicht grade über unsere Dummheit.“ meinte Titan. „Nein, das sind jetzt beinahe zwei Minuten. Sie hat kein Training, sie ist tot, ertrunken. Und wir sind’s bald auch. Kommt, wir fliegen zurück.“
Ich fühlte Sand an meiner Wange. Warmen Sand. Ich öffnete die Augen. Mir war schlecht. Und eiskalt. Die Sonne stand niedrig. Ich drehte mich auf den Rücken und dann wieder auf den Bauch. Wasser war in meiner gesamten Kleidung, aber ich war zu schwach mich auszuziehen.
„SIE IST TOT?!“ Alavin tobte im Thronsaal. „Habt ihr eine Ahnung was ihr Vollidioten da getan habt?!“ schrie er sie an. „Wo ist ihre Leiche?“ sagte er bebend. Serem kniete verzweifelt vor Alavin. „Wir haben sie nicht gefunden. Der Fluss muss sie mitgerissen haben.“ jammerte er verzweifelt. Alavin schlug ihn. „Wie hoch war die Chance, dass sie stirbt?“ fragte er Luv. „48%“ sagte er stotternd. „Und das ihr sie fangt?“ „50%“ „Und die restlichen zwei?“ polterte Alavin. Sein Gesicht war zorngerötet. „2% war die Chance, dass sie es überlebt. Wir haben ihr gesagt, dass es albern wäre zu springen. Aber sie meinte, eine Chance ist eine Chance.“ sagte Luv vorsichtig. Alavin knirschte mit den Zähnen. „Doch nicht so dumm wie ich dachte.“ knurrte er. „Ihr geht sie suchen! Schwärmt überall hin aus!“ sagte er. „Aber sie ist wahrscheinlich tot-„ fing Serem an. Alavin riss ihn hoch. „SIE IST ERST TOT, WENN IHRE LEICHE VOR MIR LIEGT, KAPIERT?!“ schrie er ihn an. „2% ist eine Chance, da hat sie recht! Und dieses Luder hat schon Vieles überlebt! Und das mit Sicherheit auch! Geht nach Italien und sucht Leonardo! Da wird sie versuchen zuerst unterzukriechen und sich eine neue Maske kaufen!“ fauchte er. „Leonardo? Der Maskenmacher, der ihre alte Maske gefertigt hat?“ fragte Titan. „Genau der!“ „Aber es ist zu weit. Sie wird es niemals schaffen-„ „NIEMALS! Ja genau niemals! Wir haben auch gesagt, dass sie NIEMALS aus dem Dorf fliehen kann! Sie schafft es! Und wenn sie dafür ihren Fluch einsetzt, dass sich jeder Mensch in sie verliebt, sobald er ihr Gesicht sieht!“ schrie Alavin. Schert euch, ehe ich mich ganz vergesse!“
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