Eden scrollt die Akte weiter durch, arbeitet sich durch die Reiter und kommt zu den Verbindungen, die jede Person im Leben hatte und für spätere Fälle oder Akten gespeichert werden.
»Five Dogs?«, flüstert sie murmelnd und lehnt sich weit zum Bildschirm vor. Nach und nach nimmt ihr Gehirn mehrere Informationen auf. Tätowierung, Matt, Laura, Bewährung, Dead Rabbits! Dead Rabbits? Dead Rabbits?? Sofort wandert ihre Hand über ihren Arsch. Sie fühlt die Tätowierung nicht, weiß aber, dass sie da ist. Dort prangt ein zuckersüßes Kaninchen. Dead Rabbits! Sie war (nach Ryans Aussage) selber zwei Jahre ein Kaninchen. Nur warum? Warum wurde sie in diese Gang geschleust? Und was haben die Dead Rabbits mit den Five Dogs zu tun? Wo steckt da die Verbindung?
Eden klickt wieder auf den ersten Reiter zurück und betrachtet das Foto dieser Rodriguez erneut.
»Ich liebe dich Neve!! Ich habe dich von der ersten Sekunde an geliebt und ich werde dich bis in die Ewigkeit lieben!«
Erschrocken dreht sich Eden um, als sie eine weibliche Stimme dicht hinter sich hört. So dicht, als wenn jemand ihr im Nacken sitzen würde. Hektisch blickt sie sich im dunklen Zimmer um, sieht aber nichts. Keinen Menschen, keinen Geist, nichts.
»Hallo?«, flüstert sie leise, aber keineswegs verängstigt. Eher angespannt! Sie steht vom Stuhl auf und geht zur Tür.
»Ryan?«, ruft sie gedämpft durch den Flur, hört als Antwort aber lediglich ein regelmäßiges Schnarchen. Mit einem Ruck dreht sie sich um, tritt an das Fenster und durchsucht erneut die dunkle Nacht. Dieses Mal aber auf der Suche nach einer Person. Nichts! Sie hört und sieht rein gar nichts. Es herrscht Totenstille.
»Was zur Hölle…?«. Murmelnd zieht sie den Kopf vom Fenster weg und tritt wieder an den Computer. Sie blickt wieder in das Gesicht dieser Rodriguez und versucht sich die Worte ins Gedächtnis zu rufen, die auf unheimliche Art und Weise, durch das Zimmer getragen wurden. Irgendwie kam es ihr auch vor, als wenn die Stimme in ihrem Kopf gewesen wäre. Das kann aber nicht sein, weil es eine völlig fremde Stimme war. Zugegeben, sie kennt sich selbst noch nicht. Aber ihre eigene Stimme kann sie schon erkennen. So bescheuert ist sie dann doch nicht geworden.
»Neve! Wer ist Neve?«, flüstert sie leise und wandert mit ihren Augen auf dem Verbrecherfoto dieser Sam umher. Pore für Pore begutachtet sie das Bild, findet aber nichts, was auffällig ist.
»Neve‼«, nuschelt sie weiter. Dann fällt ihr etwas ein. Sie klickt zu den Verbindungen zurück und ist sichtlich stolz auf sich, dass sie sich unbewusst wieder eine wichtige Information gemerkt hat. Neve Preston! Da ist er! Dieser Name! Diese Samantha hatte also eine Verbindung zu Neve Preston. Ok und wer ist das?
Neugierig und interessiert, klickt Eden auf den Namen und sieht der Technik dabei zu, wie eine neue Akte geöffnet wird. Sie fällt aus allen Wolken, als sie plötzlich eine Polizistin vor sich sieht. Eine junge Frau in Polizeiuniform, grinst sie mit einem stolzen, aber ernsten Ausdruck an. Dieses Foto wurde offensichtlich kurz nach der Academy aufgenommen. Denn (wie Eden lesen kann), wurde die gute Frau zweiundvierzig. Auf dem Foto ist sie aber sichtlich jünger.
Ok, eine Polizistin also. Und wo steckt da die Verbindung zwischen ihr und Samantha Rodriguez?
Immer wieder klickt Eden zwischen den beiden Akten hin und her und versucht eine Verbindung zwischen den beiden Frauen aufzubauen. Sie scheitert aber kläglich. Nichts deutet daraufhin, dass sie etwas gemeinsam hatten. Das was Eden allerdings bei dieser Neve gegen den Strich geht, ist die Tatsache, dass in der Akte vermerkt ist, dass sie vom Polizeidienst unehrenhaft entlassen worden ist und kriminell wurde. Wie zur Hölle kann man zum Verbrecher werden, wenn man jahrelang das Gesetz vertreten und kriminelle Menschen ins Gefängnis verfrachtet hat? Was treibt einen Menschen dazu, so einen gravierenden Turn im Leben zu machen? Was ist da nur passiert? Was ist mit dieser Neve passiert?
Eden wälzt sich weiter durch die Akte und sucht noch immer nach einer Verbindung zwischen Neve Preston und Samantha Rodriguez. Fast eine halbe Stunde klickt sie hin und her, bis es ihr auffällt. Nur eine winzig kleine Notiz! Ein Datum und eine Uhrzeit, mehr nicht. Der Todeszeitpunkt! Beide sind am selben Abend und offensichtlich zum gleichen Zeitpunkt gestorben. Aber warum? Wieso sterben zwei Menschen am selben Ort und zur selben Zeit? Gibt es da vielleicht eine tiefere Verbindung zwischen den beiden Frauen, als diese Akte hergibt?
Diese Neve wurde erschossen. Soweit ist Eden durch die Akte dann doch gekommen. Neve wurde nicht nur erschossen, ihr Körper wurde regelrecht durchsiebt. Insgesamt drangen achtzehn Kugeln in ihr Fleisch und nahmen ihr das Leben. Das muss ein ziemlich heftiger Anblick für die auftauchende Polizei und Sanitäter gewesen sein.
Diese Rodriguez wurde allerdings durch einen Kopfschuss getötet. Nein, sie tötete sich selbst. Nur warum? Wo liegt die Verbindung zwischen dem Sieb und dem Loch im Kopf?
»Verdammt‼«, keift Eden und stampft wie ein Kleinkind mit einem Fuß auf. Es passt ihr keineswegs, dass sie nicht weiterkommt. Die Akte gibt einfach zu wenig her. Sie will endlich wissen, was da bei diesen beiden Frauen lief. Das bedeutet, dass sie in die FBI Zentrale muss, um die vollständige Akte zu sichten. Wiederrum bedeutet das, dass sie schnell wieder gesund werden muss, damit sie arbeiten gehen kann. Das wird also ihr nächstes Ziel sein. Gesund werden und arbeiten gehen.
Am nächsten Morgen, brezelt Eden sich etwas auf und betritt voller Stolz die Garage. Als sie die Night Rod dort wartend stehen sieht, grinst sie von einem Ohr zum anderen. Leichtfüßig schreitet sie auf die Maschine zu. Sie schwingt das eine Bein auf die andere Seite, senkt ihren Körper und nimmt auf dem weichen Leder Platz. Mit geschlossenen Augen genießt sie für einige Momente dieses Gefühl. Sie erfreut sich an dem Gedanken, dass sie nun kraftvolle und beeindruckende Pferdestärken zwischen den Beinen hat.
Eden umgreift den Lenker, drückt ehrfürchtig den Start-Knopf und hört nach einem kurzen surren, ein so tiefes und starkes Blubbern, dass sie das Gefühl bekommt, vor Freude und Stolz gleich durch die Decke zu springen. Unter ihr und zwischen ihren Beinen, blubbert es kraftstrotzend. Sie spürt, dass ihr Black Devil darauf wartet, endlich gefahren zu werden.
»Ja, mein Süßer. Wir sind ja schon unterwegs«, haucht Eden respektvoll, hievt die Maschine aus dem Ständer und klappt diesen ein.
»Auf auf und davon!«, flüstert sie leise, rollt ein paar Meter aus der Garage und dreht dann am Gas.
»Eden, huhu Eden«, hört sie plötzlich eine quiekende Stimme. Sie blickt in die Richtung. Schlagartig bekommt sie Herpes, als sie Jill grinsend und Hände wedelnd auf sich zulaufen sieht. Mit rollenden Augen dreht sie am Gas und fährt, ohne Rücksicht auf Jill zu nehmen, auf die Straße. Diese bleibt wie angewurzelt stehen. Entgeistert starrt sie ihr hinterher. Was ist? Hat Eden sie zuvor noch nie stehen gelassen? War sie immer und zu jeder Zeit etwa für sie da? Mag ja gut und gerne sein, aber diese Eden gibt es nicht mehr! Eine neue Eden wohnt nun in dieser Straße und diesem Haus. Eine Eden die Fleisch isst und Porzellanpuppen hasst.
Stunden um Stunden vergehen, in denen Eden ihre Black Devil genießt und die Umgebung von San Francisco wie ein Schwamm gierig aufsaugt. Sie will so viele Informationen wie nur irgendwie möglich erhalten, um endlich wieder arbeiten zu können. Sie will im gewissen Grad ihr altes Leben wieder zurückerlangen. Sie will endlich wissen wer sie ist und welche Aufgabe sie hier in diesem Leben hat.
Eden genießt den Fahrtwind und den Stadtsmog. Besser als diese idyllische grüne Horrorheimat, die sie zu Hause erwartet. Das hier ist das Leben! Das und nichts anderes! Kein grüner Rasen, mit weißem Gartenzaun und einheitlichen Briefkästen. Hier spielt das Leben und der Tod. Genau das ist es, was Eden sehen und spüren will. Egal was Ryan ihr versucht zu erzählen. Sie spürt, dass sie hierher gehört. Hier in Soma und dort.. dort in Downtown! Überall in Frisco gehört sie hin, aber nicht da wo jetzt ihr zu Hause ist. Sie muss da raus! Definitiv! Das wird sie auch, aber erst wenn sie bei vollem Verstand ist. Erst muss sie zu sich selbst finden und erst dann kann sie ihre Koffer packen. Egal wie sehr sie Ryan damit verletzen wird. Es geht hier schließlich um sie und nicht um ihn.
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