1 ...8 9 10 12 13 14 ...26 Mit schmerzenden Magen, weil sie den ganzen Tag über noch nichts gegessen hat, klappt Eden die Pappe auf und stutzt. Suchend stochert sie in dem Essen herum.
»Wo ist das Fleisch?«, fragt sie brummend und gräbt sich bis zum Pappboden durch.
»Fleisch?«, schluckt Ryan sein Essen herunter und schaut sie fragend an.
»Schatz, du bist Vegetarier, du isst kein Fleisch. Mungbohnenkeime und Bambussprossen sind beim Chinesen dein Leibgericht«, klärt er sie auf.
»Was???«, japst Eden entsetzt und schaut ihn mit Mondgroßen Augen geschockt an.
»Vegetarier?? Ich bin kein Vegetarier!«, schimpft sie und sucht verzweifelt in dem Karton nach einem Rind, einer Ente, oder zumindest einem Huhn. Irgendetwas muss doch da drinnen sein, verdammt nochmal.
»Doch Schatz, du hast seit zwanzig Jahren kein Fleisch mehr gegessen«, versucht Ryan Eden auf die Fleischfreie Bahn zurückzubringen. Sie schüttelt panisch den Kopf. Das kann nicht sein. Sie weiß, dass sie Fleisch liebt. Sie kann gar nicht ohne Fleisch.
»Kein Wunder, dass ich so eine Schraube locker habe. Da fehlen definitiv zu viele wichtige Vitamine‼«
Wütend pfeffert Eden ihre Stäbchen in den Karton zurück und steht vom Essenstisch auf. Als sie gleich darauf angezogen das Wohnzimmer durchquert und auf die Haustür zusteuert, ruft Ryan ihr hinterher.
»Wo willst du hin?«
»Fleisch essen gehen‼«, antwortet sie fluchend und knallt die Tür hinter sich zu. Bewusst lässt sie die Harley in der Garage stehen. Auch wenn es ein Traum wäre, nun bei dieser Dunkelheit damit zu fahren, hat sie sich ein Ziel für die Jungfernfahrt gesetzt und das will sie sich nicht selber verbauen. Also ab in die Kombischüssel und nach Soma fahren.
Dort angekommen parkt sie die Familienkutsche bei einem Schnellrestaurant und marschiert ohne Umwege in die Räumlichkeit. Am Tresen wird sie von der Auswahl der Menüs erschlagen. Völlig überfordert, weiß sie gar nicht so genau, was sie eigentlich essen will. Es sieht alles so verführerisch und köstlich aus.
Kurzerhand entscheidet sie sich für ein großes Menü mit Cola und Pommes. Zusätzlich bestellt sie noch drei weitere Burger. Sie weiß selber, dass sie das alles nicht essen kann, aber sie will wenigstens von jedem mehrere Male abbeißen, nur um den Geschmack zu genießen.
Stolz wie Oscar, marschiert sie einige Minuten später zu einer Tischreihe, stellt das Tablett ab und rutscht auf die Holzbank.
Wie ein Kleinkind an Weihnachten, sitzt sie mit leuchtenden Augen auf der Bank. Sie schert sich nicht um die halbwüchsigen Jugendlichen, die lautstark um sie herum turnen. Sie hat nur noch Augen für sämtliche Burger, die nur darauf warten, von ihr verzehrt zu werden. Der Duft von künstlich gepresstem Fleisch, ranzigem Fett und salzigen Pommes, lässt ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sie nimmt schnell einen Schluck Cola, genießt die erfrischende und prickelnde Kälte, die ihre Speiseröhre herunterläuft und blickt wieder auf das Essen vor sich. Sie kann sich nicht entscheiden was sie zuerst essen soll. Es ist auch egal. Irgendetwas. Irgendein Burger muss zuerst dran glauben und welcher das ist, ist ihr im Moment vollkommen egal.
Sie klappt den Pappdeckel auf, greift hinein und schiebt mit Genuss den Burger Richtung Mund. Sie nimmt die Lippen auseinander, umgreift mit ihren Zähnen das pappige Brötchen, beißt ab und lässt ein kurzes aber befriedigtes Stöhnen über ihre Stimmbänder huschen, als sie mit geschlossenen Augen beginnt zu kauen. Wie herrlich dieses Fast Food doch schmeckt. Da kommen keine Mungbohnenkeime und Bambussprossen gegen an. Egal was sie jemals zuvor gegessen hat, das hier, ist im Moment das größte für sie. Unglaublich!
Eden öffnet befriedigt die Augen, kaut weiter und hat eine Frau im Blickfeld, die zwei Tische weiter sitzt und sie skeptisch anschaut. Sie scheint Eden schon die ganze Zeit zu beobachten. Ihren Gesichtszügen nach zu urteilen, kann sie Edens Freude über so einen Burger keineswegs teilen.
Die Frau blickt sie leicht angewidert an und schüttelt kaum sichtbar den Kopf. Eden will sich aber nicht aus ihrer Stimmung rausreißen lassen und schaltet um. Ihr ist es egal wie das jetzt rüberkommt, sie will einfach nur noch ihre Ruhe haben und einen Burger nach dem anderen genießen.
»Hast du ein Problem??«, pfeffert sie der Frau entgegen, die sie noch immer angewidert beobachtet. Sie ist circa Anfang dreißig und offensichtlich Südländerin. Ihre exotisch braune Haut verrät dies.
»Was gibt es denn so blöd zu glotzen??«, schmeißt ihr Eden gereizt an den Kopf. Sie fühlt sich derzeit in ihrer Privatsphäre gestört. Soll sie der guten Frau noch ein Fernglas reichen? Dann kann sie jedem Salatblatt dabei zusehen, wie es in ihrem Mund verschwindet.
Die Frau blickt Eden direkt in die Augen. Eden kann sehen, dass die Frau auf einmal von einer Welle tobender Wut erfasst wird. Sie sieht, wie sich die Kiefermuskeln der Frau bewegen. Scheinbar fühlt sie sich angegriffen oder provoziert. Soll sie ruhig, es war von Eden schließlich auch so gemeint. Sie will in Ruhe essen und keine Gaffer vor sich sitzen haben.
Die Südländerin atmet tief ein und wirft ihren Blick auf das Tablett, das vor ihr steht. Sie betrachtet alles ganz genau und greift dann nach dem Cheeseburger. Sie wickelt ihn auseinander, schaut ihn mit einem merkwürdigen Blick an und beißt zögernd ab. Mit langsamen Bewegungen beginnen ihre Zähne dieses Nahrungsmittel zu zerkleinern und zu einem matschigen Brei zu verarbeiten.
Belustigt beobachtet Eden die Frau dabei, wie die plötzlich den Mund aufreißt und die matschigen Überreste auf das Tablett zurückspuckt. Angewidert wischt sie sich die Lippen ab. Sie hebt den Burger und inspiziert das Ding kleinlich.
»Das nennt man einen Cheeseburger‼« Eden kann sich diesen Kommentar keineswegs verkneifen. Die Frau reagiert nicht auf diese Aussage. Stattdessen klappt sie den Brötchendeckel auf. Mit zitternden Fingern matscht sie in dem Senf-Ketchup Gemisch herum und zieht etwas Grünes heraus. Skeptisch begutachtet sie diese Zutat und schlabbert mit dem guten Stück in der Luft herum. Angeekelt beobachtet sie das Teil.
»Gurke‼«, wirft ihr Eden herüber. Sie könnte sich bei dem Schauspiel vor Lachen kringeln. Wie angeekelt die Frau dieses kleine Stück Gemüse anschaut. Sie scheint sich jeden Augenblick übergeben zu müssen. Ihr Gesicht wird tatsächlich blass.
Mit einer schnellen Bewegung, schmeißt sie die Gurke auf das Tablett zurück und wischt sich die rot-gelbe Mischung von den Fingern. Sie steht vom Platz auf und steuert samt Tablett auf Eden zu. Neben ihrem Tisch bleibt sie stehen und blickt sie von oben herab äußerst wütend an. Dann holt sie Luft, spuckt mitten auf den Cheeseburger und pfeffert Eden das Tablett quer über den Tisch.
»Guten Appetit‼«, faucht sie raunend und verschwindet auch schon aus dem Schnellrestaurant. Eden blickt flüchtig auf die matschigen Überreste des Cheeseburgers. Ihr Blick wandert zu den Fenstern des Restaurants, wo sie sehen kann, dass die junge Frau zu einem schwarzen Wagen geht. Sie öffnet die Tür, blickt flüchtig hoch und dann treffen sich die Blicke der Frauen.
Ohne es kontrollieren zu können, spürt Eden plötzlich, wie ihr Herz zu rasen beginnt, als sie der Frau auf dieser Distanz direkt in die dunklen Augen blickt. Diese sind so unglaublich warm und weich, dass Eden sich auf einmal wie ertappt fühlt und merkt, dass ihr die Röte ins Gesicht schießt. Aber warum? Warum löst die fremde Frau diese Reaktion bei ihr aus? Warum eigentlich bei einer Frau? Sie ist mit einem Mann verheiratet! Warum passiert in ihrem Körper dann also etwas ungewohntes, was sie so bisher bei Ryan noch nicht empfunden hat? Sie weiß ja nicht wie sie früher auf ihren Ehemann reagiert hat, aber jetzt ist er ihr einfach zu wider. Sie ist gelangweilt und genervt von ihm. Aber diese Frau, diese fremde Frau, hat etwas an sich, was sie unglaublich interessiert und ungewöhnlich anzieht. Sie kriegt ihre Augen einfach nicht von der Südländerin und beobachtet, wie diese ihr einen recht hasserfüllten Blick zuwirft und in das Auto steigt. Sie lässt den Motor an und fährt rückwärts aus der Parklücke. Ein Lächeln brennt sich auf Edens Gesicht fest. Mit quietschen und qualmenden Reifen fährt die Frau vom Parkplatz. Es stört sie nicht, dass sie einem anderen Wagen die Vorfahrt nimmt und fast einen Unfall verursacht.
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