1 ...6 7 8 10 11 12 ...26 »Komm lass uns ein Käffchen trinken. Ich habe dich so schrecklich vermisst. Und ich habe so unglaublich viele Fragen«, jauchzt diese Jill weiter, hakt sich bei Eden unter den Arm und schleift sie zum Haus. Käffchen? Hat die Frau auch noch einen anderen Wortschatz, oder besitzt jedes Wort von ihr ein ä und endet mit chen? Meine Güte, Eden würde ihr sogar freiwillig eine Sprachtherapie bezahlen, nur damit sie wie ein normaler Mensch redet.
Sie dreht sich aber um und zeigt auf die Müllsäcke.
»Aber ich…!«
»Papperlapapp Schätzchen! Egal was du gemacht hast, das kann warten.«
In der Küche angekommen, stopft diese Jill Eden auf einen Stuhl und beginnt Kaffee zu machen. Sie scheint öfter in diesem Haushalt zu sein, ihre Handlungen sind sicher und vertraut. Zielbewusst greift sie in einige Schränke und Schubladen und stellt schon nach wenigen Momenten, zwei dampfende Tassen Kaffee auf den Tisch. Sie nimmt Platz und strahlt Eden freudig an.
»Wie geht es dir denn Schätzchen? Ich habe dich ja schon so lange nicht mehr gesehen. Geht es dir gut? Wie war die OP? Hast du alles gut überstanden? Seit wann bist du wieder zu Hause? Wieso hat Ryan mir nichts davon erzählt?«, pfeffert diese Jill hektisch um sich. Hoffnungslos überfordert, starrt Eden sie an und versucht zu atmen.
»Äh, ich… ähm… ich…«, beginnt sie zu stottern und wird von Jill unterbrochen.
»Hach Gottchen, Schätzchen! Was haben die nur mit deinen schönen Haaren gemacht?« Mit einem flinken Griff, führt Jill ihre Hand an Edens Kopf und berührt die rasierte Haut. Gleich darauf fahren ihre Finger über die große Narbe.
»Hach, das sieht schrecklich aus, Schätzchen. Das tut mir so leid. Hoffen wir, dass deine Haare wieder schnell wachsen«, jodelt sie weiter und lässt Eden nicht eine Sekunde über eine Antwort ihrer gestellten Fragen nachdenken. Stattdessen beginnt sie wie ein Wasserfall zu reden. Eden schaltet irgendwann ihr Gehirn aus, starrt nur noch auf die knallrot angemalten Lippen und sieht, wie diese sich bewegen. Hören tut sie nicht ein Wort. Jill fuchtelt mit Händen und Füßen wild in der Luft herum und quasselt Stundenlang auf sie ein. Quiekend erzählt sie von sich und wie sehr sie Eden vermisst hat und wie schrecklich der Gedanke war, dass sie angeschossen wurde und eigentlich schon tot war. Es ist allerdings merkwürdig, dass sie Eden im Krankenhaus nie besucht hat. Aber wahrscheinlich hat Ryan sie davon abgehalten und darum gebeten, so lange zu warten bis sie wieder zu Hause ist. Zum Glück, denn wenn diese Quietsche-Ente an Edens Bett gestanden hätte, wäre sie freiwillig aus dem Fenster gesprungen.
Bis zum frühen Abend sitzt Jill am Küchentisch und redet ohne Unterlass. Edens Gehirn fühlt sich schon wie Babybrei an, aber sie hat Anstand und schmeißt dieses Playboy-Bunny nicht aus ihrem Haus.
Als sie irgendwann hört, dass ein Schlüssel in der Haustür gedreht wird, atmet sie erleichtert aus. Ryan, endlich. Er wird Eden sicher vor dieser Schreckschraube retten. Diese komische Frau geht ihm mit Sicherheit genauso auf die Nerven, wie ihr.
Ryan betritt die Küche und strahlt bis zu den Ohren. Übermütig begrüßt er die zweite Frau am Tisch mit einem jauchzenden »Jill!« und fällt ihr in die Arme. Eden fällt stöhnend der Kopf auf die Hände. Dieser Albtraum hat noch immer kein Ende.
Erst spät in der Nacht, verlässt Jill das Haus. Erschöpft kippt Eden ins Bett. Sollte sie nicht Ruhe haben, um sich zu erholen? Wie denn? Wie soll sie bei solch komischen Menschen auch nur einen Funken Erholung bekommen? Das geht ja gar nicht. Das ist absolut unmöglich. Ebenso, dass Ryan die Nacht erneut ungebeten regelrecht über sie herfällt. Sie bat ihn, schlafen zu dürfen, aber er überhörte es spielerisch und ging sich seine ehelichen Pflichten holen.
Am Morgen behält sie mit Absicht solange ihre Augen geschlossen, bis sie sich sicher sein kann, dass Ryan das Haus verlassen hat. Duschen, Zähne putzen, etwas rausputzen und dann will sie raus auf die Straße. Spazierengehen und die Gegend erkunden. Vielleicht sieht sie bei einem Spaziergang ja einiges, was sie kennt. Eventuell kehrt dadurch die eine oder andere Erinnerung zurück.
Eden öffnet den Schrank und rümpft erneut die Nase. Wahrscheinlich wäre eine komplett neue Garderobe besser, als ein Spaziergang. Was soll sie heute denn anziehen? Blümchenkleider? Blaue Blusen mit roten Bärchen? T-Shirts mit Katzenmotiven? Oh Gott, wie krank war sie nur?
Erschöpft, weil ihr die Kleidung sämtliche Kraft raubt, setzt sie sich langsam auf das Bett und atmet tief durch. Kein Spaziergang! Einkaufen, definitiv einkaufen!
Sie rafft sich wieder auf, holt aus dem Puppenzimmer die Rolle mit Müllsäcken und schmeißt den halben Kleiderschrank weg. Bluse um Bluse verschwindet vom Bügel, bis der Schrank soweit leer ist, dass nur noch vier Teile hängen bleiben, mit denen sie tatsächlich leben kann.
In dem Moment als sie sich bückt, um die Säcke aufzuheben, fällt ihr Blick in den unteren Teil des Schrankes. Sie erspäht eine große blaue Kiste und zieht eine Augenbraue hoch. Neugierig rutscht sie auf allen vieren dorthin, rupft die Kiste aus der Dunkelheit und öffnet den Deckel.
»Was zum…?« stockt sie. Sie greift hinein und starrt mit großen Augen einen lila Doppel-Dildo an.
»Was…??« Ihr Blick wandert in die Kiste zurück. Sie glaubt ihren Verstand zu verlieren. Fast mit zitternden Händen holt sie mehrere Sex-Toys heraus. Penispumpen, Penisringe, Klitoris Stimulationen, Handschellen, Peitsche, Nippelsauger und Klemmen.
Als sie einen tiefblauen Anal-Plug in den Händen hält, schleudert sie diesen mit einem kreischenden »AAAHHH!«, quer durch das Schlafzimmer. Am ganzen Körper zitternd, zieht sie ein Kabel aus der Kiste und hat an einem Ende einen bestialisch großen Vibrator hängen. Am anderen baumelt ein kleiner Schalter. Fast ängstlich drückt sie den -An- Knopf. Verzweifelt versucht sie bei Verstand zu bleiben, als der Vibrator mit einem monotonen Geräusch zu vibrieren beginnt. Sie merkt nicht, wie sich ihr Kopf der technischen Bewegung anpasst und in rhythmischen Kreisen mit dreht.
»Oh mein Gott‼«, haucht sie fassungslos. Entsetzt über ihr vorheriges Leben, schleudert sie die Kiste in die Dunkelheit zurück. Es scheppert und klimpert, als sie gegen irgendetwas stößt.
»Was kommt jetzt?«, stöhnt sie kopflos, schiebt die Kiste zur Seite und kriecht tiefer in den Kleiderschrank. Als sie wieder herauskommt, hat sie eine lange Metallstange in der Hand. Auf der oberen Seite ist eine Kette befestigt, die, beim straff ziehen, in einem Dreieck nach oben zeigt. Rechts und links hängen auf der unteren Seite ebenfalls Ketten herunter, an denen Handschellen befestigt sind. Mit riesigen Augen starrt sie das Teil an. Ein grauenvoller Gedanke keimt in ihr auf. Sie reißt den Kopf hoch und sucht die Zimmerdecke ab.
»Och nö‼ Komm schon, das ist nicht dein Ernst‼«, stöhnt sie entsetzt, als sie an einem Fleck der Decke einen großen Haken montiert sieht. Auch wenn ihr Kopf noch nicht so arbeitet, wie sie will, kann sie Eins und Eins zusammenzählen. Sie will sich gar nicht vorstellen, wie Ryan sie, oder besser gesagt, ihren Körper an diese Stange geschnallt hat und diese an der Zimmerdecke eingehängt hat. Dafür ist dann wohl auch die Peitsche gedacht.
»Ihr seid so armselig‼«, stöhnt Eden entkräftet und schleudert die Stange mit einem lauten Scheppern in den Schrank zurück. Da hat ihr altes Ich nach außen hin eine konservative und brave Bürgerin gemimt, aber sobald die Schlafzimmertür zufiel, gingen sie und Ryan einen ganz anderen Weg. Ist ja schön und gut, aber warum leben die beiden das nicht offen aus? Müssen sie sich wirklich dafür schämen? Sie sind doch erwachsene Menschen! Warum sich verstecken? Wenn sie Kinder hätten, würde sie das verstecken der Spielsachen ja nachvollziehen können, aber so?
Читать дальше