Es ist Freitagabend, fast 21:30 Uhr. Die ganze Woche über war es draußen fast unerträglich heiß, doch heute wird die Hitze vermutlich durch ein kräftiges Gewitter beendet werden. Das Donnergrollen ist bereits hörbar. Virginia Lindt möchte über das Wochenende ihre Eltern besuchen, und ich bin erleichtert, dass ich keine Zeit mit ihr verbringen muss. Heute Abend werde ich mich zu Hause so richtig betrinken, das habe ich schon lange nicht mehr getan. Morgen werde ich dann ausschlafen und am Sonntag, wenn mein Kopf wieder klar ist, den Tag in der Kanzlei verbringen. Wenn ich dort allein bin, kann ich auch gleich kontrollieren, was meine Mitarbeiter und Kollegen so auf dem und vor allem im Schreibtisch haben. Denn in den Schubladen werde ich auch nachsehen. Das tue ich routinemäßig. Schließlich will ich wissen, mit wem ich es zu tun habe. Manchmal finde ich dort auch ganz interessante Dinge, die ich zu gegebener Zeit als Druckmittel verwenden kann. Mit diesem Plan lösche ich das Licht in meinem Büro. Auf diesen Moment hat Janine Graz vermutlich schon sehnsüchtig gewartet, damit sie fünf Minuten später endlich ins Wochenende starten kann. Ihr Ehrgeiz hat leider Grenzen. Stefan Berger hingegen wird noch länger bleiben. Er arbeitet auch die ganze Nacht durch, wenn es sein muss. Und der liebe Frieder Schahl ist seit dem Tag, an dem ich ihm seinen Kurzurlaub verweigerte, krank. Ich habe nichts anderes erwartet. Aber keine Träne werde ich diesem Weichling nachweinen, denn ich habe schon einen mehr als adäquaten Ersatz gefunden: Dr. Edwin Reich wird in ein paar Tagen, am ersten September, in meinem Dezernat beginnen.
Auf dem Weg zu meinem Auto bin ich wachsam. Schließlich ist es ja möglich, dass der hartnäckige Frederico, der mich heute zum Essen ausführen wollte, hier noch irgendwo lauert. Sollte er sich mir nähern, wird er mit meinem Pfefferspray Bekanntschaft machen, das ich immer in meiner Handtasche habe. Doch der Parkplatz ist menschenleer.
Während der kurzen Heimfahrt zucken gleich mehrere Blitze am Himmel, doch in meinem Auto bin ich ja sicher. Das wird wohl ein schweres Gewitter werden.
Nach meiner Ankunft in meiner durch die Klimaanlage angenehm kühlen Wohnung lasse ich mir erst einmal ein Bad ein und nehme, während ich mich ausziehe und sich die Wanne füllt, einen ersten Drink. Gerade steige ich mit dem rechten Bein in das Becken, als es an der Wohnungstür klingelt. Die Klingel unten an der Haustür hat einen anderen Ton. Vermutlich hat sich dieser Frederico ins Haus geschlichen, verärgert, weil ich ihn versetzt habe. Doch weiß er überhaupt, wo ich wohne? Leider war ich in der Bar vor einigen Wochen ziemlich betrunken, so dass ich mich nicht mehr genau erinnere, was ich ihm alles erzählt habe.
Ich war nie feige und bin es auch jetzt nicht. Ich ziehe mein Bein aus dem Wasser und trockne es schnell ab. Dann hülle ich mich in meinen weißen flauschigen Bademantel und betrete den Flur. Draußen kracht der erste laute Donnerknall. Ich nehme das Pfefferspray aus meiner Handtasche. Meine Hand ist ganz ruhig. Es gibt auch keinen Grund zur Aufregung. Wer auch immer vor der Tür steht, wird gleich sein blaues Wunder erleben. Leider weiß ich nicht mehr, wie Frederico überhaupt aussieht. Doch wer es wagt, um diese Zeit an meiner Tür zu klingeln, muss leider damit rechnen, eine Pfefferspraydusche abzubekommen und die Treppe rückwärts hinunterzustürzen. Später werde ich behaupten, dass es Notwehr war. Falls überhaupt ein Dritter von dem Vorfall erfährt. Meine Nachbarn sind wie ich alle wohlhabend und desinteressiert. Sie leben zurückgezogen. Von denen wird es niemanden kümmern, wenn sich im Treppenhaus an einem Freitagabend jemand das Genick bricht.
Es klingelt erneut, diesmal gefolgt von einem energischen Klopfen. Während ich mich an die Tür schleiche, verfluche ich nicht zum ersten Mal die Tatsache, dass diese, obwohl die Penthousewohnung sündhaft teuer war, nicht einmal einen Spion hat. Nun gut, dann wird der Überraschungseffekt eben umso größer. Vorsichtig drehe ich den Wohnungsschlüssel. Das wird Frederico, oder wer auch immer da draußen lauert, sicher hören. Mach dich auf was gefasst, Frederico. Mit Wucht reiße ich die Tür auf und will schon auf die kleine Spraydose drücken, da halte ich im letzten Moment inne.
Die Frau vor meiner Wohnungstür trägt ein rotes Sommerkleid sowie auf dem Kopf einen kleinen Strohhut. Sie hat lange blonde Locken. Ihre Haut ist leicht von der Sonne gebräunt, und ihre Nase zieren ein paar Sommersprossen, wie früher. Sie sieht keinen Tag älter aus als zwanzig, dabei ist sie kürzlich vierunddreißig geworden. Ich muss sie unbedingt fragen, wie sie es schafft, so jung auszusehen. Lächelnd sieht die Frau mich an. Sie ist hübsch. Das war sie schon immer. Meine Schwester Inga.
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