Wenn ich jetzt, im Jahr 2000, aus meinem geräumigen Büro im dritten Stock auf die Alster sehe, weiß ich, dass ich es geschafft habe. Die Bürofassade ist komplett aus Glas, das Gebäude noch ganz neu. Erst im vergangenen Jahr ist die Kanzlei aus dem alteingesessenen Backsteingebäude in diesen Prestigebau gezogen. Mein Eckbüro mit zwei Glasfassaden ist größer als das Wohnzimmer in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Mein weißer, riesiger Schreibtisch hat weitaus mehr gekostet, als meine Eltern mit ihrer Gärtnerei im Monat verdienen. Auf meinem weißen Lederarmstuhl sitzt es sich sehr bequem, obwohl sitzen eigentlich das falsche Wort ist. Vielmehr throne ich an meinem Schreibtisch. Alle zwölf Partner haben komfortable Eckbüros. Die Büros der angestellten Anwälte sind natürlich kleiner. Für die Sekretariate blieb an den Fensterfronten kein Platz mehr. Sie sind im fensterlosen Innenbereich, getrennt durch niedrige mobile Wände, untergebracht. Schon mehrfach gab es deswegen seitens der Sekretärinnen Klagen, denn im alten Backsteingebäude hatte jede ihr eigenes Büro mit Fenster. Was für eine Verschwendung. Ich sage nur: Augen auf bei der Berufswahl. Bürofläche in Hamburgs bevorzugter Lage ist teuer, und durch diese simple Umstrukturierung hat die Kanzlei jede Menge Geld eingespart.
Die Jahre bei Hamilton & Lace sind wie im Flug vergangen, und ich bin vermutlich schneller gealtert als in irgendeinem anderen Job. Inzwischen bin ich zweiundvierzig, und leider sieht man mir jedes Jahr an. Da kann das Facelifting, dem ich mich vor einem Jahr unterzogen habe, auch nicht mehr viel retten. Zwar habe ich jetzt ein paar Falten weniger, doch ich fürchte, die werden schneller wiederkommen, als mir lieb ist. Auch vermag die Faltenentfernung nicht, mir meine harten Gesichtszüge zu nehmen. Meine schmalen Lippen wirken zu verkniffen, mein Unterkiefer ist zu breit und kantig für eine Frau, und der Blick meiner grauen Augen ist ohne jedes Gefühl, obwohl ich mich sehr bemühe, meinen Mitmenschen etwas anderes weiszumachen. Durch mein dichtes, kurzes naturblondes Haar würden sich bereits die ersten weißen Strähnen ziehen, wenn ich es nicht konsequent färben würde.
Vermutlich sind es nicht nur die durchgearbeiteten Nächte und der stets hohe Stresslevel, die mich altern ließen, sondern die verdammten Tabletten, deren tägliche Einnahme für mich schon längst zur Gewohnheit geworden ist. Morgens, nach einer viel zu kurzen Nacht, nehme ich etwas, um wach zu werden. Oft fangen irgendwann im Laufe des Tages meine Hände an zu zittern. Wahrscheinlich esse ich nicht genug, vielleicht ist es auch der Stress. Dann hilft ein Mittel zur Beruhigung. Abends bin ich meistens noch so aufgedreht von den Ereignissen im Büro, dass ich ohne Tabletten nicht einschlafen kann. Gewöhnlich trinke ich dann, bevor ich ins Bett gehe, auch noch Rotwein dazu. Und ich bin Raucherin. Mein Zigarettenkonsum hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. In der Kanzlei herrscht ein striktes Rauchverbot, doch darüber setze ich mich, seit ich Partnerin bin, ungerührt hinweg. Herrn Hummel, den Büroleiter, treibe ich damit regelmäßig zur Verzweiflung.
Es ist Mittagszeit, doch ich habe wie so oft keinen Hunger. Stattdessen rauche ich meine ich-weiß-nicht-wievielte Zigarette seit heute Morgen und sehe mir den Entwurf eines Unternehmenskaufvertrages an, den Sandra Kind, meine übergewichtige Sekretärin, nach Banddiktat für mich geschrieben und mir in einer Mappe vorgelegt hat. Schon nach flüchtigem Hinsehen entdecke ich auf der ersten Seite drei Tippfehler. Ein Wort hat sie ganz vergessen. Sandra Kind hat den Verstand eines Maikäfers, doch sie ist mir treu ergeben, und manchmal ist es ganz gut, dass sie nicht so weit denken kann. Mein Blick schweift zu meinem Tischkalender. Was habe ich da für morgen eingetragen? Manchmal kann ich meine eigene Schrift nicht entziffern. SK 30 , soll das wohl heißen. Sandra Kind wird morgen dreißig Jahre alt. Ich hatte anscheinend einen guten Tag, als ich das notiert habe. Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht daran erinnern. Ich werde Sandra Kind also wohl oder übel noch heute ein Geschenk besorgen müssen. Ein teures Geschenk natürlich. Nicht, weil mir Sandra Kind so viel bedeutet – im Gegenteil: sie ist für mich nur ein kleines, austauschbares Rad im Getriebe -, sondern weil es Eindruck macht und mich gut dastehen lässt. Das ist das Wichtigste. Ich muss für die Übergabe selbstverständlich einen Moment abwarten, in dem möglichst viele von Sandra Kinds Kolleginnen um sie geschart sind, dann wird sich meine Großzügigkeit schnell in der Kanzlei herumsprechen. Irgendein Armband für hundert Mark wird es wohl tun. Für mich ist das ein lächerlicher Betrag, doch für meine Sekretärin ist es viel Geld.
Ich beginne nun, jeden Tippfehler in dem Text rot anzustreichen, und finde immer mehr. Meine Formulierungen gefallen mir zum Teil auch nicht. Es war schon spät, als ich den Vertrag gestern diktiert habe. Daher habe ich jetzt umso mehr handschriftliche Korrekturen. Der Text ist von Rot durchzogen, als ich ihn zu Ende durchgesehen habe. Eigentlich müsste ich jetzt an dem Entwurf weiterarbeiten, denn morgen soll er an die Gegenseite versandt werden, und es gibt noch einiges daran zu verbessern. Doch ich beschließe, die Mappe aufzubewahren und Sandra Kind den missratenen Text morgen als besonderes Geschenk gemeinsam mit dem Armband zu überreichen. Ich werde sie enorm unter Zeitdruck setzen. Der Gedanke gefällt mir.
Ich habe nicht vor, viel Zeit für die Beschaffung des Geburtstagsgeschenks zu verschwenden, und gehe mittags eilig zum Juwelier um die Ecke. Außerhalb des klimatisierten Büros ist es fast unerträglich heiß. Die Sommersonne knallt auf den Asphalt. Schnell ist etwas Passendes für Sandra Kind gefunden: ein silbernes Armband mit eingearbeiteten Marienkäfern aus Glas. Ich bin mir sicher, genau den kitschigen Geschmack meiner Sekretärin getroffen zu haben, und wenn nicht, ist mir das auch egal. Zufrieden kehre ich ins Büro zurück. Nachdem ich die Post durchgesehen und an einer unnötig langen und unerfreulichen Telefonkonferenz teilgenommen habe, beginne ich, den Verlauf des Telefonats auf Band zu diktieren. Es ist schon fast 16:30 Uhr. Das wird heute noch ein langer Tag werden. Mein Kopf tut mir weh. Leider habe ich keine Schmerztabletten mehr. Um 17:00 Uhr klopft es zaghaft an meine Bürotür. So klopft nur Sandra Kind an. Sie hat jetzt Feierabend, doch sie darf das Büro nicht verlassen, ohne sich vorher erkundigt zu haben, ob ich sie noch brauche. Das habe ich ihr gleich am Anfang beigebracht. Das Ergebnis der Telefonkonferenz war für mich äußerst unbefriedigend, um nicht zu sagen eine Niederlage. Da kommt mir Sandra Kind gerade recht.
„Ich würde dann jetzt gehen, Frau Dr. Klein“, sagt Sandra Kind gewohnt leise und sieht mich mit ihrem Hundeblick an.
Ich versuche, meiner Stimme Mitgefühl zu verleihen, das ich nicht empfinde, als ich meiner Sekretärin antworte: „Ich fürchte, daraus wird nichts werden. Dieses Band muss heute noch abgetippt werden. Das kann leider nicht bis morgen warten.“ Eine Lüge.
Sandra Kinds Mopsgesicht sieht nicht überrascht aus. Sie hat wohl nicht wirklich damit gerechnet, heute pünktlich gehen zu dürfen, denn meistens lässt die Arbeitsmenge es nicht zu. Oder ich finde einen Vorwand, um ihr ihren Feierabend zu verderben, insbesondere dann, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Wegen meiner Kopfschmerzen habe ich vermutlich ziemlich wirr diktiert. Damit wird meine Sekretärin ihre Mühe haben, hoffe ich.
Als ich Stunden später zu Hause ankomme, ist es schon fast 23:00 Uhr. Meine große Penthousewohnung liegt nicht weit von der Kanzlei entfernt. Trotzdem fahre ich jeden Tag mit meinem silberfarbenen Sportwagen zur Arbeit. Es soll ruhig jeder sehen, was für ein teures Auto ich mir leisten kann. Mein Anrufbeantworter blinkt. Zwei Nachrichten wurden hinterlassen. Die erste ist von meiner Mutter: „Na, Bridda?“, fragt sie mit ihrem breiten norddeutschen Akzent. „Dein Vadder und ich wollten nur hören, ob es dir gut geht, aber du bist noch gar nicht zu Hause. Arbeite nicht so viel, Deern.“ Löschen. Mit der zweiten Nachricht kann ich im ersten Moment überhaupt nichts anfangen. „ Ciao Bella “, säuselt eine mir unbekannte männliche Stimme. „Hier ist Frederico. Wir müssen uns wiedersehen, Amore . Gleich morgen, ja?“
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