Holger Bernhard fährt unbeirrt fort: „Wer dafür ist, Frau Lindt als Partnerin aufzunehmen, hebe die Hand.“
Zu meinem Erstaunen heben sich nicht nur die Hände von Holger Bernhard und Achim Bär, auch vier weitere Partner stimmen dafür. Karsten Säck hat demonstrativ seine Arme vor der Brust verschränkt, Rupert Kohler höre ich neben mir wütend schnauben. Ich merke, wie einige erwartungsvolle Augenpaare auf mir ruhen. Wenn ich jetzt dafür stimme, wird Virginia Lindt in die Partnerschaft aufgenommen und ich wahre meinen toleranten Ruf. Wenn ich dagegen stimme, verderbe ich der Ziege ihre Karriere, mache ich mich aber selbst unglaubwürdig. Seelenruhig hebe ich meine rechte Hand. Virginia Lindts dankbarer Blick entgeht mir nicht. Dann raunt Karsten Säck mir zu: „Ihr Weiber steckt doch alle unter einer Decke. Ist ja klar, dass du diese Quotenfrau unterstützt, Britta-Maus.“
Gerade mache ich mir gedanklich eine Notiz, dass ich jetzt endlich Norbert Hanta auf diesen Mistkerl rechts neben mir ansetzen werde, als Rupert Kohler mit voller Wucht seine Faust auf den Tisch knallt. „SEID IHR JETZT ALLE IRRE GEWORDEN?“, brüllt er, bevor er mit hochrotem Kopf den Sitzungsraum verlässt.
„Ich nehme somit zu Protokoll, dass Frau Lindt zur neuen Partnerin gewählt wurde“, hält Holger Bernhard sachlich fest. „Über den Zeitpunkt und die weiteren Konditionen sollten wir nach der Urlaubszeit entscheiden und dann der guten Ordnung halber auch noch das Votum der beiden heute abwesenden Partner einholen.“
Nach diesem Debakel kann ich mich am Nachmittag nur mit Mühe auf den Vertragstext konzentrieren. Ich kann noch immer nicht fassen, was in der heutigen Sitzung geschehen ist. Meine Partner sind alle triebgesteuert. Ich hätte es wissen müssen, dass ihr Verstand im entscheidenden Moment aussetzt. Aber einen Gedanken finde ich äußerst verlockend: Virginia Lindt das Leben zur Hölle zu machen. Sie wird froh sein, wenn sie Hamilton & Lace endlich wieder verlassen kann. Sie wird den Tag verfluchen, an dem sie den Fuß in diese Kanzlei setzte. Leider habe ich im Moment zu viel Mandatsarbeit, um mich mit den näheren Plänen zu befassen.
Es ist schon fast 21:00 Uhr, als es an meine Bürotür klopft. Virginia Lindt betritt nach meinem „Herein“ den Raum. Erst jetzt, da sie vor mir steht, fällt mir auf, wie sehr ihr dunkelblaues Kostüm ihrer Figur schmeichelt und ihre schlanke Taille betont. Dieses hinterhältige Miststück wird schon gewusst haben, warum sie es heute angezogen hat.
„Frau Dr. Klein“, beginnt Virginia Lindt, „ich wollte mich für Ihre Unterstützung heute bedanken. Ihre Stimme hat ja den Ausschlag gegeben.“
Ich erhebe mich und setze mein charmantestes Lächeln auf. „Aber, aber, nicht der Rede wert. Und meinen herzlichen Glückwunsch. Das ist erst in der ganzen Aufregung leider untergegangen, fürchte ich. Und ich schlage vor, dass wir uns von jetzt an duzen.“ Ich reiche Virginia Lindt meine Hand. „Ich bin Britta.“
Virginia Lindt lächelt erfreut. „Virginia.“
„Dann auf eine gute Zusammenarbeit, Virginia. Leider habe ich hier kein geeignetes Getränk, mit dem wir anstoßen könnten, aber das holen wir nach. Wir Frauen müssen doch zusammenhalten, nicht wahr?“
„Ich bin sehr erleichtert, dass du das so siehst, Britta“, stimmt mir Virginia Lindt mit ihrem warmen Lächeln zu. „Und ich hoffe, dass wir mit der Zeit Freundinnen werden. Das würde mich jedenfalls sehr freuen.“
Virginia Lindt macht es mir ja einfach.
Sicher, meine liebe Virginia, wir werden Freundinnen werden. Ich möchte sogar deine beste Freundin sein. Die Freundin, auf die du dich immer verlassen kannst. Die Freundin, mit der du alle Sorgen teilst und der du alle Geheimnisse beichtest. Und dann, wenn du mir ganz vertraust und ich all deine Schwachpunkte kenne, werde ich dich vernichten.
Jeder, der den edlen Marmorfußboden der Eingangshalle der Kanzlei betritt, sieht zuerst die große Granittafel, die gegenüber der Eingangstür an der mit Eichenholz getäfelten Wand hängt. Auf dieser Tafel stehen in goldener Gravur die zehn Grundsätze unserer Kanzlei:
Wir sind alle gleich.
Wir respektieren einander.
Wir unterstützen einander.
Wir stehen zueinander.
Wir sind weltoffen.
Wir sind fair.
Wir sind großzügig.
Wir sind tolerant.
Wir sind erfolgreich.
Wir sind ganz oben.
Manchmal stelle ich mir vor, wie sich die Steinplatte ganz plötzlich von der Wand löst und einen Betrachter unter sich begräbt. Um wen es sich handelt, hängt sehr von meiner Stimmung ab. Heute würde ich gern Ursula Moll, die kleine, pummelige Empfangsdame, erschlagen am Boden sehen. Sie besitzt doch tatsächlich die Dreistigkeit, bei meiner Rückkehr aus einer kurzen Mittagspause auf ihren Dackelbeinen mit einem in Papier eingewickelten Blumenstrauß hinter dem Empfangstresen hervorzukommen und mir den Strauß vor dem Fahrstuhl in die Hand zu drücken.
„Frau Dr. Klein“, japst sie, „diese Blumen wurden soeben für sie abgegeben.“
Freundlich lächele ich sie an. „Frau Moll, wie lange arbeiten sie jetzt schon bei Hamilton & Lace?“
Die Augen der Empfangsdame wandern nach oben, während sie überlegt. „Also, ich denke ... nein, jetzt weiß ich es genau: Es sind neuneinhalb Jahre. Ich war doch damals lange arbeitslos gewesen und so froh, als ich endlich ...“
„Frau Moll“, unterbreche ich eisig, „nach fast zehn Jahren sollten Sie wissen, dass ich niemals, ich wiederhole: niemals irgendwelche Lieferungen selbst nach oben trage. Das ist Ihre Aufgabe und die von Frau ...“ Mir fällt der Name nicht ein.
„Frau Lott ist noch in der Mittagspause, Frau Dr. Klein“, rechtfertigt sich Ursula Moll hastig, „und der Empfang muss doch immer besetzt sein, und als ich Sie gerade eben kommen sah, dachte ich, es wäre doch ganz praktisch, wenn ...“
„Denken Sie nicht so viel, Frau Moll“, sage ich immer noch kühl, als ich den Strauß auf den Marmorboden fallen lasse und den Fahrstuhl betrete. „Sorgen Sie lieber dafür, dass dieser Strauß in mein Büro gebracht wird. Jetzt gleich.“
„Jawohl, Frau Dr. Klein, ich werde sofort ... aber Frau Kind ist ja auch in der Mittagspause. Na ja, mir wird schon etwas einfallen ...“
Keine fünf Minuten später wird der Blumenstrauß von irgendeiner Sekretärin in mein Büro gebracht. Jetzt bin ich doch neugierig, wer mir Blumen schickt. Ein kleiner Umschlag ist außen an dem Papier befestigt. Auf der Karte steht:
Ciao Bella,
ich lade dich zum Essen ein, Amore. Wir gehen in ein italienisches Restaurant, ja? Morgen Abend hole ich dich von der Arbeit ab. Um sieben vor der Eingangstür Deiner Kanzlei, ja?
Ti amo.
Frederico
Frederico. Schon seit Wochen hinterlässt dieser Kerl Nachrichten auf meinem Anrufbeantworter. Jetzt hat er auch noch herausgefunden, wo ich arbeite. Aber mit dem werde ich schon fertig werden. Soll er morgen Abend gern vor dem Büro warten, bis er schwarz wird. Ich werde die Kanzlei durch den Hinterausgang verlassen, und zwar lange nach 19:00 Uhr.
Das Kärtchen verbrenne ich sofort im Aschenbecher, bevor es noch in die falschen Hände gerät. Am liebsten würde ich den Strauß gleich mit verbrennen. Er ist ziemlich groß und wahrscheinlich teuer gewesen. Ich reiße das Papier ein Stück auf. Lilafarbene Blumen. Die Lieblingsfarbe von Virginia Lindt, meiner neuen besten Freundin. Kurzentschlossen nehme ich den Strauß und gehe damit in den zweiten Stock, wo Virginia Lindt ihr Büro hat. Jedes Mal, wenn ich den Raum betrete, kriecht eine leichte Verärgerung in mir hoch, und das liegt an dem geschmacklosen Wandschmuck. Es handelt sich um eine Bleistiftzeichnung, etwa einen Meter mal einen Meter groß. Das Bild ist in einhundert gleichgroße Kästchen unterteilt. In jedem Kästchen hängt ein kleiner Hampelmann, und kein Männchen gleicht dabei dem anderen.
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