Am liebsten hätte ich Holger Bernhard, diesem Weichei, auch noch ordentlich die Meinung gegeigt. Doch stattdessen setzte ich das milde Lächeln auf, das ich so gut beherrsche, und entgegnete ganz unschuldig: „Aber Holger, du kennst mich doch. Das war wirklich nicht so gemeint. Ich mache mir einfach nur Sorgen.“
Derzeit sind zwei Anwälte und eine Anwältin in meinem Dezernat tätig. Dr. Stefan Berger ist ein wahrer Glücksgriff. Er ist ein echter Macher, der es noch weit bringen wird. Nur sollte er sich davon hüten, es zu übertreiben und mir Konkurrenz machen zu wollen. Dann könnte sich das Blatt für ihn ganz schnell wenden.
Weniger Freude bereitet mir Frieder Schahl, der noch kein Jahr in der Kanzlei ist. Mit besten Noten ausgestattet, stellte er sich schnell als weinerliches Nervenbündel heraus, das sich allzu gern hinter Büchern vergräbt und nicht in der Lage ist, selbstsicher gegenüber Mandanten aufzutreten. Es ist eine wahre Plage mit Frieder Schahl. Doch seine Tage sind gezählt. Ich bin bereits auf der Suche nach einem geeigneten Ersatz.
Und dann ist da noch Dr. Janine Graz. Sie wurde zunächst nur eingestellt, weil ihr Vater Vorstandsvorsitzender eines großen Hamburger Unternehmens ist, das zu unseren bedeutendsten Mandanten zählt. Frau Graz‘ Examensnoten waren okay, mehr nicht, aber sie schlägt sich bisher ganz gut und nimmt meine markigen Kommentare mit einem erstaunlichen Selbstbewusstsein hin. Ich bin von ihr angenehm überrascht. Natürlich zeige ich das nicht.
Es ist jetzt 9:15 Uhr morgens, und ich gehe rauchend noch einmal das Besprechungsprotokoll durch, das Sandra Kind gestern für mich noch getippt hat. Sie hat mich erwartungsvoll angesehen, als ich heute die Kanzlei betrat, aber ich habe sie wie immer ignoriert, als ich an dem Schreibpool vorbei in mein Büro gegangen bin. Sie wird ihr verdammtes Geburtstagsgeschenk schon bekommen, keine Sorge. Zuerst werde ich aber diese Katastrophe hier zu Ende korrigieren. Dann hat Sandra Kind mit dem Vertragsentwurf gleich zwei Texte zu überarbeiten, und auch danach werde ich dafür sorgen, dass sie ausreichend beschäftigt ist. Ich hoffe, sie hat sich nicht eingebildet, heute früher gehen zu können.
Es klopft an meine Bürotür. Die meisten wissen, dass ich morgens gern erst einmal meine Ruhe habe und es unangenehme Folgen haben kann, wenn man mich trotzdem stört. Aber irgendjemand scheint nicht warten zu können.
„Herein“, sage ich in einem neutralen Ton. Schließlich weiß ich nicht, wer draußen steht. Frieder Schahl betritt mein Büro und stellt sich mir gegenüber vor meinen Schreibtisch, die Hände auf dem Rücken. Mein Gott, er sieht schlecht aus. Kreidebleich, dunkle Ringe unter den Augen, und dünn ist er geworden. Ich bin meistens so sehr mit meiner Arbeit beschäftigt, dass mir so etwas gar nicht auffällt. Wahrscheinlich will sich Frieder Schahl jetzt krankmelden. Wenn er auf mein Mitleid spekuliert, hat er sich aber geschnitten. Dann kann er nämlich gleich ganz zu Hause bleiben. Nachher stellt sich hier noch ein äußerst vielversprechender Bewerber vor.
„Guten Morgen, Frau Dr. Klein“, beginnt Frieder Schahl höflich. Ich bestehe darauf, dass mich meine Mitarbeiter mit meinem Titel ansprechen. „Entschuldigen Sie bitte die frühe Störung, aber ...“
„Kommen Sie zum Punkt, Herr Schahl“, sage ich knapp. „Wir haben alle Wichtigeres zu tun, als uns über Belanglosigkeiten zu unterhalten.“
Damit habe ich ihn ganz schön eingeschüchtert. Frieder Schahl befeuchtet seine Lippen nervös mit der Zunge. „Also, es geht um Folgendes, Frau Dr. Klein: Mein Vater wird am Freitag sechzig, und das wird groß gefeiert.“
Dieser Knilch wagt es tatsächlich, mich mit irgendwelchen Familienangelegenheiten zu belästigen. Wahrscheinlich sieht er mir meine Irritation an, denn für einen Moment hat Frieder Schahl den roten Faden verloren, bevor er fortfährt: „Und da meine Eltern in Süddeutschland wohnen, möchte ich gern Donnerstag und Freitag freinehmen, wenn das möglich ist.“
Also daher weht der Wind. Ohne zu überlegen, antworte ich mit fester Stimme: „Nein, das ist nicht möglich, Herr Schahl, denn wie Sie wissen, hat Frau Graz derzeit Urlaub. Und es nimmt immer nur einer zur gleichen Zeit Urlaub. So lautet die Regel meines Dezernats.“
Frieder Schahl hat wohl noch nicht begriffen, dass ein Nein bei mir ein Nein ist und dass Widerworte sich nur nachteilig auswirken können. Mit ungeahntem Kampfgeist spricht er weiter. „Aber Frau Dr. Klein, jetzt in der Sommerzeit gibt es doch nicht so viel zu tun, und es geht doch nur um zwei Tage. Da kann man doch sicher eine Ausnahme machen. Und meinen Eltern wäre es ...“
„Herr Schahl“, unterbreche ich, „bei meinen Regeln gibt es keine Ausnahmen. Das sollten Sie inzwischen gelernt haben. Sie werden sich nicht freinehmen. Aber gut, dass Sie mich darauf hinweisen, dass Sie nicht ausgelastet sind. Das können wir schnell ändern. Ich leite Ihnen gleich eine interessante E-Mail mit einem neuen Mandat weiter. Die geplante Struktur ist recht komplex, aber dafür werden Sie sicher eine Lösung finden. Bis zum Ende der Woche haben Sie die Verträge entworfen.“
Frieder Schahl schluckt und sieht mich ungläubig an.
„Das Gespräch ist beendet, Herr Schahl. Gehen Sie wieder an Ihre Arbeit.“
Als Frieder Schahl meine Bürotür öffnet, erklingt vom Schreibpool schon das aufgeregte Gegacker der Geburtstagsversammlung. Ich muss noch schnell meine Korrekturen beenden. Dann kommt mein Auftritt.
Die Mappe mit den beiden handschriftlich korrigierten Texten in der Hand, darauf die kleine dunkelblaue Samtschachtel, die das Armband enthält, verlasse ich kurze Zeit später mit einem warmen Lächeln mein Büro. Das Lächeln ist täuschend echt, es erreicht sogar meine Augen. Ich habe vor Jahren lange vor dem Spiegel geübt, bis es mir perfekt gelang. Einige Sekretärinnen haben sich bereits an dem engen Arbeitsplatz von Sandra Kind versammelt. Sie wirken sofort befangen, als sie mich kommen sehen, bis auf eine. Direkt neben Sandra Kind steht die rothaarige Sonja Wiegel und blickt mich direkt an. Sie ist mir mit ihrer aufmüpfigen Art schon lange ein Dorn im Auge. Bereits des Öfteren habe ich Herrn Hummel, den Büroleiter, angewiesen, Sonja Wiegel hinauszuschmeißen, worauf dieses Weichei jedes Mal hilflos entgegnete, ihm seien die Hände gebunden.
Wahrscheinlich ist es auch Sonja Wiegel, die hier durch albernen Tischschmuck ein Chaos angerichtet hat. Der sonst immer mit Arbeitsaufträgen überhäufte Schreibtisch von Sandra Kind ist mit Bonbons, Luftschlangen und Konfetti übersät. Dazwischen steht eine große Glasplatte mit einem Kuchen, irgendeine Kalorienbombe mit Cremefüllung. Unter dem Schreibtisch stapeln sich Papiere, darunter wohl schon ältere Ablage, wie ich feststellen muss. Darüber werde ich mit Sandra Kind demnächst einmal eine ernste Unterredung führen. Heute aber lasse ich mir nichts anmerken und gehe lächelnd auf meine Sekretärin zu, die gerade dabei ist, den Kuchen zu verteilen. Ihr Gesicht ist vor Aufregung gerötet, und sie trägt nicht zum ersten Mal eine viel zu enge Bluse, die über ihrem Bauch spannt, so dass zwischen den Knöpfen peinliche Stofflücken entstehen. Warum kauft sie ihre Kleidung nur immer mindestens eine Kleidergröße zu klein. Bei dem abstoßenden Anblick muss ich mich schon etwas anstrengen, damit mein Lächeln nicht gefriert. Stefan Berger steht in einem weißen Oberhemd auch schon unter den Gratulanten. Er lässt ja keine Gelegenheit zum Feiern aus. Und wie er wieder aussieht. Sein lockiges blondes Haar hätte schon vor Wochen gekürzt werden müssen, sein Jackett hängt wohl gerade wie sonst auch in seinem Büro, statt dass er es trägt, und auf eine Krawatte hat der Herr auch schon wieder verzichtet. Würde er nicht so gute Arbeit leisten, hätte er deswegen schon einiges an Kritik von mir einstecken müssen. So belasse ich es meistens bei dezenten Hinweisen, die Stefan Berger gern ignoriert.
Читать дальше