„Ich liebe meine Freunde. Und ja, ich möchte ihre Gesichter regelmäßig sehen. Ich fühle mich wohl in unseren angestammten Kreisen. Wieso irgendwo anders ein Unbekannter sein, lästigen Smalltalk machen und mit allem wieder von vorn anfangen? Das ist mir zu anstrengend.“; gab er patzig zurück.
Marlies sah ihre Felle schwimmen. Er war wirklich ein harter Knochen. Stets fokussierte er sich erst einmal auf die Nachteile, bevor er über Chancen nachdachte. So war es auch gewesen, als sie nach Frankfurt gezogen waren, und jetzt fühlte er sich hier so wohl. Sie erinnerte ihn daran.
„Du wolltest damals auch nicht hierherkommen. Und sieh, es ist doch gut gelaufen. Man kann eine Sache aus mehreren Winkeln betrachten, wenn man das nur will.“ Sie konnte einen leichten vorwurfsvollen Ton in ihrer Stimme nicht vermeiden.
Klaus ging nicht weiter auf ihr Argument ein, sondern setzte zum nächsten Gegenschlag an, einem Punkt, der in den vergangenen Monaten bereits mehrmals ein heißes Eisen in ihren Auseinandersetzungen gewesen war.
„Was ist eigentlich aus unserer Familienplanung geworden. Du bist jetzt dreißig. Ist es nicht langsam mal an der Zeit, das Thema Kinder anzugehen? Ich verdiene genug, dass wir es uns leisten könnten, ein Häuschen im Grünen anzumieten und mit der Rasselbande loszulegen.“
Marlies hatte befürchtet, dass er die Diskussion in diese Richtung lenken würde. Sie war noch völlig mit sich selbst im Unreinen, was ihre Position zur Kinderfrage war. Selbstverständlich hatte sie ihm zugestimmt, als er ihr von seinem unbedingten Kinderwunsch erzählt hatte, schon ganz am Anfang ihrer Beziehung. Damals, als junge Studentin, war das Ganze für sie noch so weit weg gewesen, dass sie nicht wirklich eine dezidierte Meinung hatte. Gehörten Kinder nicht irgendwie automatisch zu einer langfristigen Partnerschaft? Aber zu dieser Zeit hatte sie sich auch nicht vorstellen können, dass es ihr so viel Spaß machen würde, arbeiten zu gehen und eigenes Geld zu haben.
Mehr als sie es sich je erträumt hatte genoss sie es, nicht über jede Ausgabe dreimal nachdenken zu müssen. Sie verdiente als Bankerin im Kundenbereich ein tolles Gehalt, von dem sie auch zu zweit leben könnten, ohne sich einschränken zu müssen. In der Zwischenzeit brachte sie sogar mehr Geld nach Hause als Klaus, ein Umstand, der ihm schwer zu schaffen machte. Sein männliches Ego war schon ein bisschen angekratzt gewesen, als sie die letzte Gehaltserhöhung bekommen hatte und ihn fortan beim Einkommen überflügelte.
Für Klaus war es auch absolut klar, dass Marlies als Mutter zuhause bliebe, wenn sie Kinder hätten. Er würde sicherlich seinen Beitrag zur Hausarbeit leisten, so dass Marlies sich irgendeinem Hobby würde widmen können, aber er wollte auf keinen Fall, dass eine fremde Person den Nachwuchs in der Hauptsache betreute. An Berufstätigkeit würde sie erst wieder denken können, wenn die kleinen Bengel aus dem Gröbsten raus wären, vorher war ihre Anwesenheit zuhause unabdingbar. Marlies hatte einmal leise anklingen lassen, dass vielleicht auch er die Vollzeit-Elternrolle übernehmen könnte und war auf große Empörung gestoßen. Das kam für ihn nicht in Frage. Er brauchte seinen Beruf und die Kinder ihre Mutter. Basta!
Das Thema war also äußerst heikel und würde sich an diesem Abend nicht lösen lassen. Marlies machte noch mehrere zaghafte Versuche, Klaus das Leben in der Weltstadt New York schmackhaft zu machen, aber er ließ sich nicht erweichen. Er versprach ihr jedoch, in den nächsten Tagen ernsthaft und ergebnisoffen darüber nachzudenken. Dann erlag er gern ihren beschwichtigenden, körperlichen Annäherungsversuchen und schlief zufrieden ein.
Sie lag noch lange wach und fragte sich, was die Zukunft wohl für sie parat hielt.
Der Tag war lang gewesen. Heute hatte sie fast zwei volle Schichten gearbeitet. Eine Kollegin war angeblich plötzlich krank geworden, vielleicht hatte sie auch einfach tags zuvor nur zu lange gefeiert. Das kam in der Belegschaft häufiger vor. Mallorca brachte das so mit sich.
Iris ging in den Raum hinter der Rezeption und zog sich um. Welch eine Wohltat. Raus aus dem kurzen schwarzen Rock, der hellen Bluse mit der zugeknöpften schwarzen Weste und vor allem aus der blickdichten Strumpfhose, die sie bei der Arbeit in dem hochklassigen Hotel tragen musste. Endlich Shorts und T-Shirt, die Einheitskleidung auf den Straßen der Insel, die zu dieser frühen Abendzeit gefüllt waren mit Touristen, die an den Geschäften und Verkaufsständen vorbeischlenderten und sich seelisch auf die lange Party vorbereiteten, die in wenigen Stunden, wie in jeder Nacht, steigen würde.
Morgen hatte sie frei. Also würde auch sie sich ins Getümmel stürzen und bis in die Morgenstunden tanzen. Das war ihre große Leidenschaft. Wenn sie sich im Takt der Musik bewegte, vergaß sie alles um sich herum und konnte sich einfach gehen lassen. Dazu brauchte sie auch keinen festen Tanzpartner, obwohl sich für die langsamen Stücke und den Schmuseblues stets jemand fand, an dem sie sich festhalten konnte.
An Verehrern mangelte es ihr nicht. Sie sah gut aus; hübsches, etwas kantiges Gesicht, typisch norddeutsch eben, mit einer hellblonden Mähne und langen wohlgeformten Beinen, die ihre Wirkung nie verfehlten. Gelegentlich brezelte sie sich gern auch mal richtig auf, wenn sie Lust darauf verspürte, sich auf den Markt für unverbindliche sexuelle Vergnügen zu begeben, und zog dann todsicher die Blicke aller Männer auf sich, wenn sie ihre Reize auf der Tanzfläche zur Schau stellte. Sie liebte die Bestätigung, die sie regelmäßig vom anderen Geschlecht erfuhr, aber das Gefühl, begehrenswert zu sein, hielt nie lange an. Danach begannen ihre Selbstzweifel von Neuem und in festen Beziehungen damit auch die Probleme, denn ihre ungefilterte Eifersucht sprengte den Rahmen des Erträglichen.
Sie hatte sich vorgenommen, nun erst einmal ihre Freiheit zu genießen, bevor sie es erneut wagte, sich einem Menschen ganz und gar anzuvertrauen. Zu tief saß der Stachel des letzten Liebesaus, das sie noch immer nicht verwunden hatte.
Iris hatte schon einige längere Beziehungen hinter sich und alle hatten schlecht geendet. Sie hatte gleich den erstbesten Mann geheiratet, der ihr über den Weg gelaufen war, da brauchte sie noch die Zustimmung ihrer Eltern, die sich gegen ihren Dickkopf nicht durchsetzen konnten. So sehr hatte sie aus diesem unwirtlichen Zuhause weggewollt; ihr war jedes Mittel recht gewesen.
Die beiden Menschen, die sie Mama und Papa nannte, waren eigentlich ihre Tante und ihr Onkel. Sie waren in der Zwischenzeit auch ihre Adoptiveltern, hatten aber sechzehn Jahre gebraucht, um sie als ihre Tochter anzuerkennen. In ihrer Kindheit und frühen Jugend hatte Iris nicht wirklich gewusst, wo sie hingehörte. Das Damoklesschwert der Rückführung an ihre biologischen Eltern, die mit ihren fremdgewordenen Geschwistern weit weg in Süddeutschland lebten, schwebte die gesamte Zeit über ihr. Es wurde auch durchaus öfters geschwungen, wenn ihre Tante mit dem Verhalten ihres Pflegekindes nicht einverstanden war oder es zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Elternpaaren kam, die zwar mit einander verwandt, aber doch sehr unterschiedlich waren.
Iris wurde in eine Familie hineingeboren, in der es noch nie rundgelaufen war. Der Vater war ein eher arbeitsscheues Subjekt, dem der Krieg und die nachfolgende Gefangenschaft in Russland seine letzte Motivation geraubt hatten. Seine Dämonen verfolgten ihn auf Schritt und Tritt, die grausamen Bilder in seinem Kopf wollten nicht weichen. Er wurde nie von der Aufbruchsstimmung der fünfziger Jahre erfasst, ließ sich treiben und ertränkte seine ständige Traurigkeit im Alkohol. Seine junge Frau versuchte anfangs ihn und die drei Kinder aufzufangen, bis die finanziellen Probleme sie an ihre Grenzen brachten und sie sich seiner Methode der Kummerbewältigung anschloss.
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