Warum er sich ausgerechnet in Gloria verliebt hatte, konnte er später nicht mehr sagen. Es war wahrscheinlich ihre physische Attraktivität, die vor allem sein Testosteron angesprochen hatte. Er erinnerte sich nicht, seinen Verstand gebraucht zu haben. Gloria war schlank und groß; er überragte sie nur um zwei egowichtige Zentimeter. Sie hatte eine glatte, karamellfarbene Haut und wunderschöne, lange, lockige Haare, die besser zu bändigen waren als seine krause Pracht, die er im wilden Afrolook zur Schau stellte. Ihre dominikanischen Wurzeln schienen ihm von der Mentalität nah genug, obwohl sie bereits in New York geboren war. Sie umgab sich mit einer geheimnisvollen Aura, in dem sie Fragen nie direkt beantwortete, sondern diverse Möglichkeiten im Raum schweben ließ. „Vielleicht“ war ihr Lieblingswort. Ihn reizte das. Er wollte ihr Inneres langsam entdecken, bis er sie wie ein offenes Buch lesen konnte.
Dazu hatte er es nie gebracht. Gloria blieb verschlossen und ließ ihn an ihrer unsichtbaren Leine zappeln. Er wollte nicht länger auf den Ausdruck ihrer Liebe warten, derer er sich sicher zu sein glaubte. Schon nach einem Jahr hielt er um ihre Hand an. Gloria zögerte, aber ihre Mutter redete ihr gut zu. Sie mochte den jungen Mann, der ihr höflich und zuvorkommend begegnete, fleißig und christlich erzogen war und sowohl den Kopf als auch das Herz auf dem rechten Fleck zu haben schien. Schließlich willigte Gloria ein und Anthony war am Ziel seiner Träume. So dachte er zumindest damals.
Die Ehe der beiden war eigentlich nie glücklich gewesen. Gloria war launisch und unsicher. Mal war sie verschmust und liebevoll, dann wieder abweisend und barsch. Anthony wusste nie, wen er zuhause antreffen würde, wenn er von der Universität heimkam. Er glaubte, dass er sie schon mit viel Geduld für sich gewinnen würde, aber er hatte sich überschätzt.
Durch eine Bekannte seiner Schwester fand er heraus, dass Gloria sich nur zwei Tage vor ihrer Hochzeit mit ihrem früheren Freund getroffen und die beiden sich leidenschaftlich geküsst hatten. Er stellte sie zur Rede, erhielt aber nur ein Schulterzucken.
„Was willst du? Das war, bevor ich mich an dich gebunden habe. Ich bin mit dir verheiratet. Ist das nicht genug?“, hatte sie ihm verächtlich an den Kopf geworfen und ohne weiteren Kommentar den Raum verlassen.
Anthony war zutiefst verletzt; er wusste nicht, woran er bei ihr war. Ein paar Wochen später teilte sie ihm mit, dass sie schwanger war. Sollte er sich freuen oder heulen? Er schob seine Bedenken erst einmal zur Seite und nahm sich vor, ihr als Vater zu beweisen, was für ein liebevoller Mensch er war und dass sie keinen besseren Mann finden könnte.
Julian war von Anfang an ein schwieriges Kind, das ein harmonischeres Umfeld gebraucht hätte. Die Inkompatibilität der jungen Eltern zeigte sich sogar in den Genen ihres Kindes. Bei dem Baby wurde nach einem halben Jahr Sichelzellenanämie festgestellt, eine Bluterkrankung die auftritt, wenn beide Eltern ein bestimmtes abnormes Gen in sich tragen. Als Folge der Erkrankung kommt es zu Durchblutungsstörungen in den Organen und damit zu Einschränkungen in der körperlichen Leistungsfähigkeit, möglicherweise auch in der Lebenserwartung.
Anthony und Gloria schafften es nicht, sich dem Thema gemeinsam zu stellen und das Beste aus der Situation zu machen. Die täglichen Sorgen, gepaart mit vielen Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten zermürbten, was es noch an gegenseitigem Wohlwollen gab. Gloria schloss zwar ihr Bachelorstudium ab und blieb bei ihrem Sohn, aber wenn Anthony abends das Haus betrat, fiel ihm ein Berg Wäsche entgegen und das Baby lag oben allein in seinem Bettchen, während Gloria sich irgendwelche hirnlosen Fernsehserien anschaute.
Nach seinem eigenen Studienabschluss fand Anthony eine erste Anstellung in einer Bank, wo er in der Buchhaltung arbeitete. Er mochte das Jonglieren mit einer Unmenge von Zahlen, die am Ende des Tages immer fein säuberlich stimmten. Die Aufgabe war für ihn als Berufsanfänger anspruchsvoll, aber nicht überfordernd. Man erwartete vollen Einsatz, war aber im Gegenzug bereit, gute Leistung auch entsprechend zu honorieren. Anthony verdiente ausreichend, um seine Familie zu ernähren und ein wenig Geld auf die Seite zu legen.
Er war nicht der Typ, so einfach vor den Auseinandersetzungen daheim wegzulaufen. Also plante er, ein Nest zu bauen, in dem genug Platz für alle war, wo sich jeder wohlfühlen konnte, wenn er nur wollte. Und gab es nicht in jeder Beziehung Konflikte? Er musste nur einen Weg finden, sie zu lösen.
Die nächsten Jahre waren dahingeflogen; es gab keine Zeit zum Nachdenken. Sie nahmen einen großen Kredit auf, bekamen einen Zuschuss von der Schwiegermutter und bauten mit sehr viel Eigenleistung Anthonys ein schönes Haus in Laurelton, einem Stadtteil von Queens unweit des Flughafens. Es war eine zunehmend begehrte Gegend, in der sich vornehmlich eine aufstrebende schwarze Mittelschicht niederließ und sich ihre Idee vom amerikanischen Traum verwirklichte. Die Häuser wurden regelmäßig gestrichen, die Gärten gepflegt und die von Platanen gesäumten Straßen wöchentlich gekehrt. Man organisierte regelmäßige Nachbarschaftswachdienste, damit Kinder und Senioren sich auf den öffentlichen Plätzen sicher fühlten.
Gloria hielt sich aus diesem Geschehen möglichst fern, verbrachte ihre Zeit lieber drinnen vor dem Fernseher. Die Außenkontakte überließ sie Anthony, der zugänglich und hilfsbereit war und dafür sorgte, dass Julian auch mal die Sonne zu sehen bekam, auch wenn er nicht so wild wie die anderen Kinder auf dem Spielplatz toben konnte. Samstags nahm er ihn mit zur Kirche, in der er inzwischen das Musikprogramm leitete, was ihm etwas von der Freude zurückgab, die er zuhause vermisste.
Beruflich machte Anthony gute Fortschritte, wenn auch nicht so schnell wie manche seiner hellhäutigen Kollegen, die weniger qualifiziert waren als er. Er war clever und mit einem guten Gespür für zwischenmenschliche Untertöne ausgestattet, so dass er die vielen Minen im kollegialen Umfeld geschickt umging. Seine Manager wollte er durch Leistungsbereitschaft und nicht-konfrontatives Verhalten von sich überzeugen. Oft behielt er seine Meinung für sich; er biss sich einige Male auf die Zunge, um nicht den Mund an der falschen Stelle aufzumachen. Damit erwarb er sich den Ruf eines unkomplizierten, fleißigen Arbeiters, auf den man sich verlassen konnte. Weitergehende Ambitionen gestand man ihm allerdings nicht zu. Er erhielt regelmäßige Gehaltserhöhungen, aber eine Beförderung in eine Führungsposition bot man ihm nicht an.
Schließlich griff er zu, als ihm auf Initiative eines Studienkolleges ein Broker an der Wall Street eine Stelle als Geldhändler anbot. Ein Teil seines Einkommens war zwar fortan erfolgsabhängig, aber selbst in mittelmäßigen Jahren erwirtschaftete er so viel Kommissionen, dass ein erkleckliches Sümmchen für ihn dabei heraussprang. Zudem konnte er seinen Arbeitsablauf frei gestalten, so wie er es für richtig hielt. Den ganzen Tag war er am Telefon und baute erfolgreich langfristige Kundenbeziehungen auf, eine komplette Männerdomäne auf beiden Seiten der Leitung. Er kannte die Vorlieben und Familienverhältnisse all seiner Klienten, wusste wer wie viele Kinder hatte, sprach mit ihnen über ihre Hobbies und Nöte und hörte zu, wenn sie mit ihren angeblichen sexuellen Eroberungen prahlten. Er gab ihnen das Gefühl, wichtig und interessant zu sein. Sie dankten es ihm mit entsprechenden Umsätzen.
Zuhause stiegen mit seinem Einkommen die Ansprüche. Gloria kaufte, was immer ihr in den Sinn kam und bezahlte mit seiner Kreditkarte. Auch die Gesundheitskosten für Julian rissen jeden Monat ein großes Loch in die Kasse. Egal wie viel Geld er heimbrachte, es schien nie zu reichen. Es begann die übliche Schuldenspirale, als die Zinsen der Kreditkarte die mögliche monatliche Rate überstiegen. Die Schuldensumme wuchs und wuchs. Es gab oft Streit deswegen und Gloria bestrafte ihn jedes Mal mit Sexentzug.
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