Es musste passiert sein, als Glorias Mutter einmal großzügig die gesamte ausstehende Kreditsumme beglich, nachdem ihre Tochter sie stundenlang mit psychologischer Kriegsführung bearbeitet hatte. Als Anthony abends die Tür aufmachte, kam Gloria ihm mit einem Weinglas in der Hand entgegen, ein wenig beschwipst und in bester Laune.
„Na, mein Schatz. Ich habe alles für dich geregelt. Wir sind schuldenfrei.“, strahlte sie ihn an und drehte sich verführerisch um ihre eigene Achse.
Sie küsste ihn auf den Mund und zog ihn an der Krawatte ins Schlafzimmer. Solche Gelegenheiten bekam er nicht häufig und willigte nur zu gern ein, seiner aufgestauten Lust freien Lauf zu lassen. Ein denkwürdiger Abend mit Folgen. Er hatte im Rausch der Gefühle auf Verhütung verzichtet und so trat Marie neun Monate später in sein Leben.
Anthony hatte gehofft, dass ein weiteres, gesundes Kind Glorias Zufriedenheit steigern und seine Ehe irgendwie kitten würde. Aber nichts dergleichen geschah. Frühzeitige Tests während der Schwangerschaft schlossen zwar das Risiko einer weiteren Sichelzellenanämie aus, aber Gloria war trotzdem nicht glücklich. Sie wollte arbeiten gehen und sah sich durch das neue Kind daran gehindert. Den Schuldigen hatte sie sofort ausgemacht, ihren sexgeilen Mann, der sich vergessen hatte.
Damit das nicht noch einmal passierte, ließ sie sich gehen. Sie aß zu viel, trank zu viel und vertrödelte die Tage vor der Flimmerkiste. Ihre einstige Schönheit litt, ihre Kleidergröße wuchs in wenigen Jahren von 38 auf 46. Anthony musste sich endgültig eingestehen, dass sie nur ihren Nachwuchs, aber keine gemeinsamen Werte hatten. Er wollte sich und den Kindern den täglichen Krieg vor ihren Augen ersparen und zog schließlich in ein gemietetes Haus in der Nähe, nicht ohne den Kleinen zu versichern, dass er stets für sie da sein würde.
Gloria hatte offensichtlich auf dieses Signal gewartet oder sie war von einem Anwalt gut beraten worden. Sie wechselte die Schlösser zu ihrem Haus, machte eine Diät und verwandelte sich nach und nach zurück in die Schönheit, die Anthony einst geheiratet hatte. Ob ein neuer Mann ihrer Transformation Auftrieb gegeben hatte, konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen. Nachweisen konnte er es jedenfalls nicht. Wann immer es ihr in den Kram passte, rief sie an, damit er die Kinder holte. Er nahm jede Gelegenheit wahr. Ansonsten gab es kaum weitere Kommunikation.
Jetzt, drei Jahre nach der Trennung von Familie und Haus stand er vor dem Scherbenhaufen, den er sich zum großen Teil selbst eingebrockt hatte. Er hatte auf niemanden hören wollen, der ihn gewarnt hatte, erst vor der Heirat mit dieser Frau, dann vor der freiwilligen Aufgabe alles dessen, was ihm lieb und teuer war.
Die Kinder hatten sehr unter der neuen Situation gelitten. Julians Krankheit war weiter fortgeschritten, er hatte Nieren- und Lungenprobleme bekommen. Er war jetzt vierzehn Jahre alt und äußerst frustriert, hatte kein psychisches Reservoir, aus dem er schöpfen konnte. Er reagierte meist aggressiv und fordernd, ließ seine Wut an allen aus, besonders aber am Vater, der ihn verlassen hatte. Trotzdem wollte er lieber bei ihm leben als bei der Mutter, die ihre Kälte ihm gegenüber nie ablegte. Marie war eher zurückhaltend, sie versuchte sich unsichtbar zu machen. Ihren Vater liebte die Achtjährige über alles, er war ihr Held, der ihre Welt heile machen konnte, wenn sie nur bei ihm leben dürfte. Aber das war ja nun vorerst ausgeschlossen.
Das Telefon im Flur klingelte. Es war sein Kumpel Glenn, der vor Glück fast platzte. Er hatte gerade erfahren, dass er in ein paar Monaten die sehr erfolgreiche Arztpraxis seines Onkels in Jamaika übernehmen konnte und als erster US-ausgebildeter Radiologe moderne Medizindiagnostik in seine geliebte Heimat bringen würde.
Anthony gratulierte seinem Freund. Er freute sich wirklich für ihn, konnte es aber am heutigen Tag nicht mit dem gebührenden Elan ausdrücken. Glenn bemerkte die Traurigkeit in seiner Stimme.
„Hey, was ist los, Leuchtturm. Stimmt was nicht?“, fragte er besorgt.
Anthony erzählte ihm von dem Brief des Familiengerichts.
Glenn seufzte.
„Ich hab‘s dir prophezeit. Die Alte ist skrupellos. Sei froh, dass du sie los bist. Kopf hoch! Jetzt beginnt ein neues Leben für dich. Wie wäre es, wenn wir unseren Neuanfang gemeinsam feiern? Im September habe ich eine Reise nach Mallorca gebucht, für eine ganze Woche. Ich habe noch ein Bettchen frei in meinem Zimmer und den Flug kann ich dir auch bezahlen, ich bin ja jetzt bald reich!“
„Danke. Ich werde darüber nachdenken. Jetzt muss ich erst einmal den heutigen Schock verkraften. Bis bald.“, sagte Anthony und ließ den Hörer kraftlos auf die Gabel fallen.
Ach, wie toll war das denn! Sie konnte es noch immer kaum glauben.
Ihr Chef hatte ihr gerade angeboten sich für eine freie Stelle in der Filiale New York zu bewerben, die genau ihren Fähigkeiten und Wünschen entsprach. Er hatte ihr augenzwinkernd signalisiert, dass ihre Chancen nahezu bei neunzig Prozent ständen, dass sie den Job wohl bekommen würde, sollte sie sich entschließen ihren Hut in den Ring zu werfen. Die Stelle war wie für sie gemacht. Die meisten ihrer potentiellen neuen Kollegen kannte sie auch schon von ihren täglichen Telefonaten mit derjenigen Abteilung, in der sie als Kundenbetreuerin für deutschstämmige globale Firmenkunden einsteigen würde.
Endlich würden sich ihr anstrengendes Studium und die letzten Jahre extremer Arbeitsbelastung in der Röber Bank wirklich bezahlt machen. Was für eine Karriere: Von Haselünne nach New York! Alles aus eigener Kraft. Das war schon etwas Besonderes. Marlies musste lachen; wer hätte das gedacht, damals, als sie als verstoßener Bastard eines unzüchtigen Mädchens jahrelang um Anerkennung ringen musste.
Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie sah die Skyline von New York vor ihrem geistigen Auge und sich selbst mitten darin, wie sie eilig die Fifth Avenue entlang lief in ihrem neuen dunkelblauen Kostüm, der weißen Bluse und den hochhackigen Schuhen, deren Beherrschung sie durch viel Übung perfektioniert haben würde. Sie malte sich Geschäftstermine aus, in denen sie ihre Gesprächspartner mit einem einwandfreien, fast akzentfreien Englisch von ihrem Angebot überzeugte und dann den Deal mit einem festen Händedruck zum Abschluss brachte.
Beschwingt ging sie zurück an ihren Schreibtisch. Auf einmal sah der Stapel von unerledigten Vorgängen darauf nicht mehr so bedrohlich aus. Sie konnte sich allerdings in diesem Moment überhaupt nicht auf die Arbeit konzentrieren, sah sich außerstande auch nur eine der Mappen in die Hand zu nehmen. Sie starrte auf die Vielzahl der gelben Zettel, die an den Trennwänden um ihren Arbeitsplatz herum angeheftet waren, ohne auch nur ein Wort zu lesen. Zumindest gab sie ihren ahnungslosen Kollegen den Anschein, als würde sie gerade überlegen, was als nächstes zu tun sei.
Das Wichtigste war nun, ihren Freund Klaus davon zu überzeugen, mit ihr in den Big Apple zu ziehen. Allein wollte sie das große Abenteuer lieber nicht wagen. Außerdem waren sie seit fast zehn Jahren ein Paar und waren bisher gemeinsam unschlagbar gewesen. Er war ihr zuliebe sogar mit nach Frankfurt gezogen, obwohl er eingeschworener Westfale und konservativer Beamtensohn war. Eigentlich hatte er seine Heimat nie verlassen wollen, aber nun war er glücklich in Hessen.
Sie hatte Klaus als Studentin in Münster kennengelernt, als sie ihm auf der Promenade ins Fahrrad gelaufen war, weil sie auf dem Weg zur Klausur ihre tags zuvor gemachten Spickzettel zum letzten Mal durchlas, um sich den Inhalt einzutrichtern. Er hatte versucht auszuweichen, aber vier nebeneinander fahrende Radfahrer im Gegenverkehr ließen das nicht zu. Wären diese nur zehn Sekunden später an der besagten Stelle angekommen, wäre sie Klaus nie begegnet, denn er hätte sie wahrscheinlich geschickt umkurvt. So waren sie zur Kommunikation gezwungen; es hatte gleich gefunkt. Er zeigte großes Verständnis für ihre Zerstreutheit und bot ihr an sie auf dem Gepäckträger zur Uni zu bringen, damit sie dort gefahrlos ihre Klausurvorbereitungen abschließen konnte.
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