Mechthilde Böing - Septemberblau

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New York City, die Stadt die niemals schläft, der Schmelztiegel der Welt, ein Symbol der multikulturellen Vielfalt, Toleranz und des respektvollen Miteinanders. Hier treffen Menschen verschiedenster Herkunft, Rasse oder Religion aufeinander, begegnen sich flüchtig oder immer wieder, bleiben unbemerkt oder hinterlassen tiefe Spuren im Leben des Anderen. Ein Sehnsuchtsort, an dem jeder seinen individuellen Visionen hinterherjagen kann, sei es beruflicher Erfolg, Geld, Macht, Anerkennung, Ruhm oder nur ein bescheidenes Häuschen am Rande der Stadt.
So, wie es die Menschen in diesem Roman tun, die es aus diversen Gründen an diesen besonderen Ort verschlagen hat. Sie alle tragen den mehr oder minder schweren Rucksack ihrer Biografie mit sich und suchen den Einstieg in ein besseres Leben. Sie kommen aus allen Teilen der Welt, sind arm oder reich, legal oder illegal, mit besten Absichten auf ihrem Weg Wandelnde oder Verirrte auf dem vermeintlichen Pfad zum Gipfel der Erlösung. Sie alle folgen ihrem ganz persönlichen Traum vom Glück.
Am 11. September 2001 wird dieser Traum für sie zum Albtraum, als ein Ereignis unvorstellbaren Ausmaßes ihr aller Leben aus den Fugen geraten lässt. Ihr Schicksal hängt am seidenen Faden, der manchmal reißt und manchmal auf wundersame Weise hält. Wer diesen Tag in New York City überlebt, wird ihn nie mehr vergessen.

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Danach hatten sie die Telefonnummern ausgetauscht, sie hatte ihre Klausur geschrieben und trotz der ständig zu ihm wandernder Gedanken sogar ordentlich bestanden. Klaus war angehender Lehrer und bereits im Referendariat, damit ein viel beschäftigter Mann. Dennoch rief er bereits nach zwei Tagen an und sie verabredeten sich für den gleichen Abend im Kleinen Kiepenkerl auf eine Altbierbowle. Seither waren sie zusammen, ein ungleiches Paar, aber Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an.

Die beiden hatten schon beim ersten Treffen stundenlang geredet, ohne Anstrengung und künstliche Pausen. Marlies hatte sich gleich sicher gefühlt in seiner Gegenwart, gut aufgehoben und geborgen. Er wusste so genau, was er vom Leben erwartete und wie er seine Ziele zu erreichen gedachte. Er hatte bereits seinen Traumberuf gefunden und gab ihr mit leuchtenden Augen zu verstehen, dass er heute vielleicht sogar seiner Traumfrau begegnet war.

Marlies imponierte seine Selbstsicherheit, von der sie noch weit entfernt war. Sie hatte BWL studiert, weil ihr nichts Besseres eingefallen war und es Raum ließ für die verschiedensten Einsatzmöglichkeiten später im Beruf. Das Hauptfach Bankbetriebslehre wählte sie, da die Vorlesungen und Seminare nicht so überfüllt waren und sie sich dort nicht so verloren vorkam. Das Interesse am Thema kam erst im Laufe der Zeit. Getreu dem alten Motto: „Appetit kommt beim Essen.“ Das hatte die Mutter ihr als Kind schon immer eingebläut, wenn sie lustlos auf ihren Teller geschaut hatte.

Jetzt war sie glücklich über ihre Entscheidung. Auch sie hatte ihren Platz in der Welt der aufstrebenden Karrieristen gefunden, wenngleich es etwas länger gedauert hatte. Zumindest hatte sie Durchhaltevermögen bewiesen und die Fähigkeit, sich in komplexe neue Sachverhalte einzuarbeiten. Daher hatte sie auch keine Angst mehr vor neuen Herausforderungen, eher einen stillen Hunger, ihre Grenzen auszuloten.

Marlies war der Weg zum Studium nicht schon in der Wiege vorgezeichnet worden. Sie hatte sich alles hart erarbeiten müssen. Ihre Mutter war unverheiratet und alleinerziehend, denn Marlieses Erzeuger hatte sich nach Bekanntwerden der Schwangerschaft schleunigst aus dem Staub gemacht. Da war ihre Mutter erst achtzehn Jahre alt gewesen, fast noch ein Kind und sehr naiv. Ende der fünfziger Jahre waren die moralischen Maßstäbe jedoch unerbittlich und die Schande riesengroß.

Die junge Frau hatte sich Hals über Kopf in einen verheirateten Handelsvertreter verliebt, der regelmäßig bei ihnen zuhause einkehrte, um dem Herrn des Hauses, Marlieses Großvater, die neue Hutmode nahezubringen. Der über Land fahrende Verkäufer war zuvorkommend und redegewandt, machte gern Komplimente an alle Frauen, sehr wohl wissend, dass im Regelfall sie diejenigen waren, die letztendlich die Kaufentscheidung fällten. Eines Tages war Marlieses Mutter allein zuhause gewesen, denn ihre Eltern waren nach Holland ans Meer gefahren. Sie machte den Fehler, den smarten Charmeur ins Haus zu lassen, der sie mit geübter Finesse bezirzte und noch am gleichen Abend an seiner Liebeskunst teilhaben ließ.

Ihre kurze Glückseligkeit war nicht ohne Folgen geblieben, und Marlieses Mutter hatte für ihre Unbedarftheit schwer büßen müssen. Die Eltern schämten sich ihrer, zumal der Kindsvater nicht als Ehemann zur Verfügung stand. Es dauerte Jahre, bis der Tratsch um die „verdorbene“ junge Frau und ihren kleinen Bastard verebbte. In der Kleinstadt Haselünne im Emsland passierte eben nicht viel, da hielt man sich auch schon mal längere Zeit an einem Thema auf, besonders wenn es etwas schlüpfrig war und von einem großen Geheimnis umgeben. Marlieses Mutter hatte außer ihren Eltern niemandem je den Namen des Verführers preisgegeben, der sich mit einer einmaligen Zahlung von eintausend D-Mark das Schweigen der Familie erkaufte und nie mehr blicken ließ.

Marlies war trotz des schwierigen Starts in ihr Leben nicht ohne Liebe aufgewachsen. Sowohl ihre Mutter als auch ihre Großeltern konnten sich weder ihrer Unbekümmertheit noch ihrem starken Willen entziehen. Sie lernte schnell die Erwachsenen für sich zu gewinnen, sie ein wenig zu manipulieren und, sobald es opportun erschien, gegeneinander auszuspielen. Die Eloquenz hatte sie definitiv von ihrem Vater geerbt. So hatte sie während ihrer Kindheit und Jugend drei liebende Personen um sich gehabt, die ihr das notwendige Urvertrauen gaben, wenn sie auch schon mal ein größeres Risiko einging.

Ihr unglückliches, folgenschweres Liebesabenteuer hatte Marlieses Mutter für die Männerwelt unerreichbar gemacht. Sie hatte ihre Lektion mehr als gründlich gelernt. Sie konzentrierte sich zunächst auf ihre Ausbildung zur Sekretärin, lernte Stenografie und Schreibmaschine und arbeitete seit vielen Jahren in der lokalen Allgemeinen Ortskrankenkasse. Einen festen Partner hatte sie nie mehr in ihr Bett gelassen. Sie lebte weiterhin im Haus ihrer Eltern in einer kleinen ausgebauten Einliegerwohnung. Auf diese Weise hatte sie das notwendige Geld sparen können, um ihre auffallend intelligente Tochter auf das Ursulinen-Gymnasium zu schicken.

Marlies war von Beginn an eine sehr gute Schülerin, obwohl es ihr die Klassenkameradinnen und der Lehrkörper nicht leichtmachten. In den ersten Jahren wurde sie aufgrund ihrer bescheidenen Herkunft und des „unmoralischen“ Eintritts in diese Welt oft verhöhnt oder von Gemeinschaftsaktivitäten ausgeschlossen. Auch die Nonnen, die die Klosterschule leiteten und große Teile des Unterrichts bestritten, ließen sie spüren, dass sie eine große Schande in sich trug, die sie durch nichts auslöschen konnte, auch nicht durch wohlfeiles Verhalten. Also beschloss Marlies, es mit dem Gegenteil zu probieren und alle ihr entgegengeschleuderten Vorurteile zu bestätigen. Sie gebärdete sich aufsässig und besserwisserisch, brachte auch schon mal ein Lexikon von zuhause mit, um zu beweisen, dass sie Recht hatte. Zudem scheute sie sich nicht vor körperlichen Auseinandersetzungen, wenn es ihr notwendig erschien. Irgendwann waren es die anderen Schülerinnen leid, auf ihr herumzuhacken und sie bekam nach und nach den ihr gebührenden Respekt.

Eine einzige Freundin hatte sie während der gesamten ersten sechs Jahre auf dem Mädchengymnasium an ihrer Seite gehabt. Auf sie konnte sie sich noch heute ohne Wenn und Aber verlassen. Iris war eine Außenseiterin gewesen, so wie sie. Auch sie kam aus schwierigen Verhältnissen und musste sich gegen Klassenkameradinnen und Nonnen durchboxen. Da tat es gut, dass sie zu zweit waren.

Nicht völlig unerwartet reagierte Klaus anders als Marlies es sich gewünscht hätte. Er war von der Idee New York wenig begeistert.

„Was soll ich denn da machen? Ich sitze dann den ganzen Tag zuhause und warte darauf, dass meine liebe Frau am Abend heimkommt. Außerdem ist mir Frankfurt wirklich schon groß genug.“

„Du kannst dort sicher auch eine sinnvolle Beschäftigung finden. Lehrer werden immer und überall gebraucht und sei es für Nachhilfe. Manhattan ist übrigens gar nicht so groß und sehr übersichtlich angeordnet. Da findest du dich ganz schnell zurecht.“

„Ich fühle mich wohl an meiner Schule und die Schüler mögen mich. Und ich mag meine Klasse, endlich mal interessierte und intelligente Kinder, die was lernen wollen. Das gebe ich nur ungern auf.“ Klaus räusperte sich hörbar und ging in die Küche, um sich ein Bier zu holen.

Marlies bemerkte, wie erregt er innerlich war. Sie sah es an seinem zackigen Gang und den hochgezogenen Schultern. Auch sie ließ die Diskussion nicht kalt. Auf keinen Fall wollte sie ihren Traum aus den Händen gleiten lassen. Missmutig ließ er sich auf das Sofa plumpsen. Er trank die Flasche fast in einem Zug leer und schaute an ihr vorbei aus dem Fenster.

„Denk doch mal daran, wie spannend es ist. Ein neues Land, eine völlig andere Kultur und die vielen Leute, die man kennenlernt. Hier sind wir doch schon fest eingefahren. Immer die gleichen Gesichter, auf der Arbeit, an den Wochenenden, bei den Geburtsfeiern und so weiter und so fort.“, wagte sie einen neuen Anlauf.

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