Mechthilde Böing - Septemberblau

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New York City, die Stadt die niemals schläft, der Schmelztiegel der Welt, ein Symbol der multikulturellen Vielfalt, Toleranz und des respektvollen Miteinanders. Hier treffen Menschen verschiedenster Herkunft, Rasse oder Religion aufeinander, begegnen sich flüchtig oder immer wieder, bleiben unbemerkt oder hinterlassen tiefe Spuren im Leben des Anderen. Ein Sehnsuchtsort, an dem jeder seinen individuellen Visionen hinterherjagen kann, sei es beruflicher Erfolg, Geld, Macht, Anerkennung, Ruhm oder nur ein bescheidenes Häuschen am Rande der Stadt.
So, wie es die Menschen in diesem Roman tun, die es aus diversen Gründen an diesen besonderen Ort verschlagen hat. Sie alle tragen den mehr oder minder schweren Rucksack ihrer Biografie mit sich und suchen den Einstieg in ein besseres Leben. Sie kommen aus allen Teilen der Welt, sind arm oder reich, legal oder illegal, mit besten Absichten auf ihrem Weg Wandelnde oder Verirrte auf dem vermeintlichen Pfad zum Gipfel der Erlösung. Sie alle folgen ihrem ganz persönlichen Traum vom Glück.
Am 11. September 2001 wird dieser Traum für sie zum Albtraum, als ein Ereignis unvorstellbaren Ausmaßes ihr aller Leben aus den Fugen geraten lässt. Ihr Schicksal hängt am seidenen Faden, der manchmal reißt und manchmal auf wundersame Weise hält. Wer diesen Tag in New York City überlebt, wird ihn nie mehr vergessen.

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Omar, geb. 1963

Als Flugbegleiter bei United Airlines ist er ein Kollege und guter Freund Glorias. Mit Manuel ist er seit vielen Jahren in einer festen, aber offenen Beziehung.

Susie, geb. 1977

Von der Mutter vernachlässigt und seit ihrer Jugend sexuell missbraucht sieht die junge Frau aus einer Kleinstadt in Missouri in Alex ihren Erlöser. Mit ihm geht sie nach New York, um dort ihr Glück zu suchen, das sie zumindest in beruflicher Hinsicht in unerwartetem Ausmaß findet.

Teil 1

1987 - Anthony

Mit zitternden Händen öffnete er den Briefumschlag vom Familiengericht. Seine Zukunft war entschieden worden und er wusste nicht, ob er sie schwarz auf weiß vor sich sehen wollte. Anthony setzte sich an den kleinen Küchentisch in dem alten Haus, das er zusammen mit seinem Freund Ernie gemietet hatte, und begann zu lesen. Der Inhalt der nüchternen Zeilen in typischer Amtssprache ließ seine düstersten Träume wahr werden.

Gloria hatte also vollen Erfolg gehabt. Sie hatte augenscheinlich den besseren Anwalt an ihrer Seite. Der war garantiert von ihrer Mutter bezahlt worden, die sich im Endeffekt hinter ihre Tochter gestellt hatte, obwohl sie es doch gewesen war, die ihr damals so eindringlich zur Heirat mit diesem netten, jungen Jamaikaner geraten hatte. Das Haus und ein Großteil seiner Altersversorgung gingen an seine Ex. Zudem musste er monatlich eine stattliche Summe Unterhalt für seine Kinder zahlen, die bei der Mutter verblieben und die er nur nach Absprache mit ihr alle zwei Wochen sehen durfte. Ihm selbst gestand das Gericht lediglich ein mageres Einkommen zu, das in etwa dem eines Kassierers bei McDonalds entsprach. Sein ziemlich nutzloser Anwalt, angeblich der Beste unter den wenigen, die er sich hatte leisten können, würde sicher nur mit den Achseln zucken und nicht lange mit seiner trotz des katastrophalen Ergebnisses saftigen Rechnung auf sich warten lassen.

Anthony atmete tief durch, schluckte seine Wut so gut es ging herunter und schickte ein Gebet zum Himmel: „Lieber Gott, warum tust du mir das an? Womit habe ich das verdient? Zeig dich, damit ich die Hoffnung nicht völlig verliere, irgendwann wieder auf die Beine zu kommen. Ich vertraue auf dich. Bitte verlass mich nicht!“

Das erste Mal in seinem Leben wusste er nicht mehr weiter. Anthony liebte seine Kinder abgöttisch, hatte im täglichen Leben jahrelang den Löwenanteil der Verantwortung und Arbeit auf sich genommen, und jetzt waren sie Gloria zugesprochen worden, obwohl die beiden dem Gericht erklärt hatten, dass sie lieber beim Vater wohnen wollten. Aber was zählte schon ein in einer Männer-WG lebender, voll berufstätiger Vater im Vergleich zur Hausfrau und Mutter, die den Kindern die gewohnte Umgebung in einem schönen Heim am Rande des Stadtteils Queens bieten konnte. Gloria hatte mächtig auf die Tränendrüsen gedrückt und erklärt, es würde ihr das Mutterherz zerreißen, sollten ihr die Kinder weggenommen werden. Und so war das Urteil für Außenstehende nicht überraschend. Nur ihn kostete es unerträgliche Schmerzen und die finanzielle Sicherheit, die er sich über viele Jahre erarbeitet hatte.

Anthony hatte in seinem Leben schon manche Hürde genommen. Er hatte sich sogar immer als Glückskind gewähnt, das nichts umhaute, selbst als Julian mit einer schweren Krankheit geboren wurde. Aber nun war seine Ehe den Bach runtergegangen und mit ihr die Familie, die er sich schon als junger Mensch so sehr gewünscht hatte. Er hatte nichts dagegen tun können.

Anfang der fünfziger Jahre war er in Montego Bay, einer schönen Küstenstadt im Norden Jamaikas, geboren worden als jüngster Spross einer siebenköpfigen Familie, in der es ihm an Aufmerksamkeit nicht mangelte. Er hatte neben seiner Mutter drei ältere Schwestern, die ihn um die Wette verwöhnten. Er dankte es ihnen mit ausgedehnten Schmusereien und einem sonnigen Gemüt. Ansonsten war er ein echter Junge, der nichts mehr liebte, als draußen mit seinen Freunden zu toben, stundenlang am Strand zu spielen und sich bei Bedarf an den unzähligen exotischen Früchten zu laben, die überall auf der Insel zu finden waren.

Von Ausbeutung und Rassismus hatten die Kinder noch nie gehört. Hautfarbe war schlicht kein diskriminierendes Merkmal. Es gab sie in allen Schattierungen von tief schwarz bis bleich und mit Sommersprossen übersät, ein Überbleibsel der britischen Kolonialzeit. Die Mehrzahl der Menschen befand sich auf einer Skala mitten dazwischen, braun wie Melasse, Kaffee oder Karamell. Anthony fiel auf, weil er trotz seiner mittelbraunen Haut rot schimmernde Haare hatte, was ihm niemand je erklären konnte, seine Freunde allerdings dazu anstachelte, ihm freche Spitznamen zu geben. Leuchtturm, Feuerqualle und Duracell waren noch die harmlosesten.

Anthonys Vater war ein Bär von einem Mann, der sein eigenes Bauunternehmen leitete, viel arbeitete und in seiner Freizeit allen fleischlichen Genüssen zugetan war. Reichliches Essen, ein ordentlicher Whiskey und eine Zigarre hinterher zusammen mit guten Freunden, das war seine Idee von einem netten Abend. Sehr zum Verdruss seiner Frau, die über die Jahre immer religiöser wurde und sich fast täglich in der fundamentalistischen Adventistenkirche engagierte, die jede Art von Genussmitteln ablehnte.

Ein handfester Skandal entzündete sich, als bekannt wurde, dass der Vater eine Angestellte seiner Firma geschwängert hatte und seine Reue sich in Grenzen hielt. Die Mutter vergaß für eine Weile die christlichen Gebote der Nächstenliebe und des Verzeihens und hielt mit ihrer Wut nicht hinter dem Berg. Aber irgendwann verrauchte ihr Zorn und sie besann sich ihres Treueschwurs vor Gott, der ihr eine Scheidung unmöglich machte. Anthony hatte die Angelegenheit nicht großartig berührt. Er war zu jung, um die ganze Aufregung wirklich zu verstehen und sich für seinen Vater zu schämen, den er doch als seinen großen Helden verehrte.

Die Geschwister gingen alle auf eine streng-christliche Schule, wo sich für Anthony schnell ein fester Freundeskreis herausbildete, in dem er sich vollkommen aufgehoben fühlte. Ernie und Lester, Robert und Glenn waren seine wichtigsten Kumpel, die zusammen mit ihm durch dick und dünn gingen. Sie waren normale Teenager, die gern Streiche spielten, heimlich Mädchen beobachteten und ihre Sexualität vorsichtig erkundeten. Der Herrgott schaute wohlwollend von oben zu und beschützte sie vor allzu großen Dummheiten. Auch die Eltern der Jungen waren eng befreundet, so dass die Grenzen zwischen den Familien verschwammen. Jeder fühlte sich für jeden verantwortlich und eine Ohrfeige konnte aus jeder Ecke kommen, sollten die Rabauken gelegentlich übers Ziel hinausgeschossen sein.

Nach der Schulzeit wurden die Freunde zunächst in alle Winde zerstreut. Die meisten von ihnen gingen nach England oder in die USA, um dort zu studieren. Ihre Voraussetzungen waren gut, denn die Lehrer hatten ganze Arbeit geleistet. Man hatte ihnen Disziplin, ein festes Wertesystem und umfangreiches Allgemeinwissen eingetrichtert.

Anthony war stets gut in der Schule gewesen. Besonders aber hatte er sich im Sport und in der Musik hervorgetan. Er war ein begnadetes Fußballtalent, spielte in Jamaika bereits in der höchsten Jugendklasse, aber für eine internationale Entdeckung reichte es nicht. Zum Studium bewarb er sich am Baruch College in New York City in den Fächern Musik und, auf Anraten seines Vaters, Buchhaltung. Seine Freunde folgten ihm einer nach dem anderen und mit der Zeit kam die alte Clique fast vollständig an neuer Wirkungsstätte zusammen, um die Damenwelt zu erobern.

Anthony hatte die karibische Leichtigkeit im Blut. Sein wiegender Gang, sein süffisantes Lächeln und sein offener Blick taten ein Übriges. Dass er gut singen konnte und gefühlvoll Klavier spielte, war zudem ein dickes Plus. Die jungen Frauen lagen ihm zahlreich zu Füßen.

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