Hassos Vater tat sich neben seinen musikalischen Aufgaben auch als Buchautor hervor, womit er den Namen Schützendorf noch bekannter machte. Etwa Mitte des Zweiten Weltkrieges war sogar die Umgebung des Führers auf ihn aufmerksam geworden: Er wurde in die Reichskanzlei berufen, um als Mitverantwortlicher den Führungsstab der Truppenbetreuung zu bereichern. Und was war aus dem Letzten (nicht nach der Geburtsfolge) der sieben Brüder geworden? Auch er war bei guter Stimme, zog es aber vor, als Spirituosenvertreter durch die Lande zu ziehen. Es hieß, auch er hätte die Magenbittertradition seiner Familie auferstehen und erneut gewinnbringend sich entwickeln lassen können (alkoholische Getränke wurden und werden schließlich zu allen Zeiten verkauft). Aber auch er war nicht bereit, das Kräuterschnaps-Unternehmen mit frischer Verantwortung in die Zukunft zu führen.
Eugen Schützendorf heiratete um die Jahreswende 1923/24 in Düsseldorf die Tochter eines ehemaligen preußischen Generals, mit der er bereits ein Kind gezeugt hatte (Roswitha). Die junge Ehefrau entwickelte eine bemerkenswerte Energie, wenn es ihr darum ging, sich auf Bällen und Empfängen vor den anwesenden Herren in Szene zu setzen, Lebenslust zu versprühen. Doch als sie dann zum zweiten Mal schwanger ging, sah sie ihre Jugend schwinden und unterließ nichts, sich ihrer Leibesfrucht zu entledigen. Sie mutete sich überhitzte Seifenbäder zu, sprang, natürlich immer nur dann, wenn ihr Mann außer Haus war, vom Küchentisch auf den Steinfußboden oder unternahm sonst was, wobei sich das Dienstmädchen als eine heimliche Beobachterin bewies. Das Kind im Bauch Frau Schützendorfs wuchs trotzdem, strotzte jeder Gefahr und wurde im November des Jahres 1924 geboren und auf den Namen Hasso getauft. Der kleine Kerl aber hatte weiterhin unter dem Hass seiner Mutter zu leiden. So legte sie ihn, zwei Monate nach seiner Geburt, auf den vereisten Balkon ihrer Wohnung, in der Hoffnung, dass seine Lunge die Kälte nicht überstehen werde. Doch Vater Eugen war frühzeitiger nach Hause gekommen und hatte seines kleinen Sohnes Lebensgeister wieder auf Touren gebracht. Hassos aber unvermindert lebenshungrige Mutter war weiterhin unterwegs, nahm Einladungen wahr und versäumte keine Lustbarkeit in den Villen der vornehmen Gesellschaft. Bei diesen Gelegenheiten blieb es ihr natürlich nicht verborgen, dass mancher vorwurfsvolle Blick ihr zu- und nachgeworfen wurde. Sie ließ keine Gelegenheit aus, mit dem einen oder anderen freien Galan anzubandeln. Doch ausgerechnet der Fahrer ihres Mannes stieg auf zu ihrem Favoriten, und der war es dann auch, mit dem sie, ohne lange zu zögern, durchbrannte. Und Eugen – soll man sagen, der Gehörnte? – ist die Zeit hindurch über das, was sich seine Frau leistete, nicht ahnungslos gewesen. Warum er trotzdem lange an seiner Ehe festhielt? Auch er war – wie alle Schützendorfs zu allen Zeiten – den heimlichen, intimen Freuden des Lebens nicht abgeneigt und übersah nicht das andere Geschlecht. Erst dann, als ihn die Sache seiner Frau mit seinem Chauffeur zutiefst beleidigte, übergab er seine Ehe dem Scheidungsrichter. Danach blieb er unverheiratet.
Zu jener Zeit befand sich Hasso im vierten Lebensjahr. Für den bei seinem Vater heranwachsenden Jungen war Bodenständigkeit nicht die Normalität, denn sein Vater musste berufsbedingt einige Male Ortswechsel vornehmen. So verbrachte Hasso Kindheit und frühe Jugend in Weißensee bei Berlin, in Hamburg, auf Rügen und wieder in Hamburg. Er besuchte Schulen, die dem Nachwuchs der gehobenen Gesellschaftsschicht vorbehalten waren. Dennoch landete er einmal für etliche Wochen in einer Schule für Schwererziehbare – ja, er war schwer erziehbar –, in einer Institution, die einer sich entwickelnden Persönlichkeit durchaus auf Dauer negative Impulse für bedenkliche Verhaltensweisen vermitteln und erhalten kann. Besonders diese Zeit verstärkte eine sich in Hasso entwickelnde Introvertiertheit; und er wurde im Älterwerden ein Meister darin, sie mit gegenteiligem Verhalten zu überspielen – falls er es für notwendig hielt.
Hassos ältere Schwester Roswitha wuchs bei ihrer Mutter auf. Im Gegensatz zu ihr, die in Düsseldorf lebte und in hohem Alter dort auch starb, verschrieb sich die erwachsen gewordene Roswitha der noch jungen DDR in Ostberlin, wo sie Pädagogik studierte und danach als Lehrerin tätig war. Sie zeichnete sich als ein besonders wertvolles Mitglied der SED aus. Persönliche Entfaltungsbestrebungen wie in Westdeutschland waren in ihren Augen faschistische Verhaltensweisen, abträglich den Ideologien ihrer sozialistischen Volksgemeinschaft, eine diktierte und beaufsichtigte Gemeinschaft, die bekanntermaßen aber nie eine Gemeinschaft, wie wir sie verstehen, war. Ihre Einstellung, westlichen Fortschritt und Wohlstand einmal zu übersehen, änderte sich auch nicht, nachdem ihr von ihrem Bruder (noch in der DDR-Zeit) ein Auto aus westlicher Produktion zur Verfügung gestellt worden war. Geschwisterliebe? Davon konnte nie die Rede sein. Bruder und Schwester hassten sich geradezu, was nicht nur den zwei verschiedenen Systemen, in denen sie lebten und sich somit auch völlig verschieden entwickelten, zuzuschreiben war. Roswitha wurde von einem starken Herzschmerz heimgesucht, als ab November 1989 nacheinander Mauer, Tötungsanlagen und lukrative Regimeposten fielen. Und es verging eine lange Zeit, ehe sie der ersten Einladung ihres Bruders nach Mallorca nachkam. Zu der Zeit befand sie sich längst im Ruhestand, war ungewöhnlich mager, verhärmt und obendrein stark gehbehindert. Zum Verhältnis der Geschwister untereinander, und was sich dadurch ereignete, gehört in den zweiten Teil dieses Werkes.
Zurück in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts. Die interessanteste Zeit für den jungen Hasso war zweifellos die auf der Insel Rügen, wo sein Vater beruflich engagiert war. Fast täglich hielt sich der Junge im Schloss des Fürsten von Putbus auf. Franz, des Fürsten Malte jüngster Sohn, zählte zu seinen engsten Freunden. Ein Leben in aristokratischer Umgebung, die freundschaftlichen Bindungen in diesen Kreisen und die von ihr oft ausgehenden, weitreichenden Beziehungen waren seit eh und je eine Garantie für Ansehen und Erfolg.
Verantwortlich für Hassos Weiterbildung war das altehrwürdige Pädagogium in Putbus. Natürlich ging es in solch einer Institution nicht immer zu wie vermutlich in einer Klosterschule. In Hasso, inzwischen im dreizehnten Lebensjahr und seit etwa anderthalb Jahren auf Rügen wohnhaft, rührte sich erstes Geschäftsinteresse. Eines Tages entdeckte er in der Bibliothek seines Vaters explizierte Bücher wie beispielsweise den Band Die perfekte Liebe zwischen Mann und Frau . Überzeugt, mit dieser Art Literatur, noch dazu reichlich bebildert, auch seine Mitschüler begeistern zu können, zog er die Bücher, es waren deren drei, nach und nach heimlich aus dem Regal und verlieh sie gegen eine Gebühr von zehn bis fünfzehn Pfennig, je nach bebildertem Inhalt und Umfang. Doch bald bekamen die Lehrer Wind von der Sache, und da Hassos eklatantes Verhalten nicht mit ihren Moralvorstellungen in Einklang zu bringen war, musste er die Schule verlassen.
Vater Eugen wertete die Maßnahme als eine weit überzogene Reaktion, aber keiner der maßgeblichen Herren ließ sich zu einer Urteilsänderung erweichen. Hasso hatte für eine Situation gesorgt, über die sich heute niemand aufregen würde. Aber damals veranlasste sie Vater Eugen, Rügen zu verlassen. Er dachte auch nicht daran, die Bildung seines Sohnes in der Volksschule in Putbus fortführen zu lassen. Also reisten Vater und Sohn zurück nach Hamburg.
Für interessierte Leserinnen und Leser ein paar Worte zum Pädagogium in Putbus: Erbauen ließ es in den Jahren 1833/36 Fürst Wilhelm Malte I. zu Putbus, der es nach Fertigstellung dem preußischen Staat übergab. Das somit Königliche Pädagogium (Name ab 1919: Staatliches Pädagogium ) war nach der Universität Greifswald das bedeutendste Bildungsinstitut Vorpommerns, bis die Nazis in den dreißiger Jahren kurzerhand die traditionsreiche Lehranstalt auflösten und dafür die Parteispezifische Erziehungsanstalt Rügen installierten und unterhielten . Die Anstalt war bis Kriegsende in Betrieb. Geraume Zeit später waren die Gebäude ein Ausbildungszentrum für Lehrer und von 1975 an wurden in den Räumen gehörlose Kinder betreut und unterrichtet. Von 2000 bis 2002 stand der Gebäudekomplex teilweise leer und drohte zu verkommen. Doch dann wurde er zu neuem Leben erweckt: Das sogenannte IT-College Putbus begann, dort Fachkräfte für Informatik auszubilden, was die ersten Jahre auch ordentlich lief, bis Insolvenz die Sache stoppte.
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