Sein Lächeln gefror im Gesicht. Es war falsch, Witze über die verzweifelte Gestalt da unten im Loch zu reißen. Verzweifelt - und einsam.
Die sanfte Morgensonne drang durch den Luftschacht und warf einen hellen, scharfen Fleck an die Wand. Das Licht gab ihm die Zuversicht zurück. Er musste irgendwie hier rauskommen. Er schluchzte noch ein paar Mal auf und erkundete den Raum erneut. Vielleicht war ihm am Vorabend etwas entgangen. Ein Riss, eine Geheimtür oder sonst etwas in der Art. Er tastete die Wände ab, drückte mal hier, mal dort, rüttelte am Gitter. Er fand keinen Weg aus dem Gefängnis. Der einzige Weg nach draußen führte durch das eiserne Tor und über die Treppe. Sein Magen verlangte knurrend nach einem Frühstück. Wo war sein Rucksack? Da waren zwei Kräcker drin und er konnte sich mit seinem Fotoalbum trösten. Achtmal durchschritt er mit scharfem Blick den Kellerraum. Der Rucksack war nicht da. Nur Müll: Plastikflaschen, Papierfetzen, Zigarettenstummel – aber kein Rucksack.
'Wäre ich ein Mülleimer, ich hätte genug zu futtern…'
Verbittert hockte er sich in die Ecke und starrte auf den Durchgang. Er ordnete den letzten Tag in seinem Kopf. Irgendwann würde sicher jemand vorbeikommen. Das hoffte er wenigstens.
Eichhörnchen hatte schlecht geschlafen. Ob vor Aufregung oder weil ihm der verzweifelte Bär nicht aus dem Kopf ging, wusste es nicht. Müde grübelnd knabberte es ein paar Nüsse. Der Himmel war immer noch düster, aber es regnete nicht mehr. Unschlüssig zwinkerte es in den Himmel. Der Bär – die Menschenmenge gestern Abend – Merlin – der Bär – immer wieder der Bär. Eichhörnchen war fasziniert von der kraftstrotzenden Gestalt des Riesen. Da steckte nicht nur ein Bäume killender Rabauke drin. Da war es sich sicher. Unvermittelt war es auf dem Weg zur alten Kapelle
Völlig außer Atem erreichte es die Kapelle. Nach Luft ringend schlich es sich zum vergitterten Lichtschacht. Aufgeregt lauschte es. Kein Laut war zu hören. War der Bär weg? Hatte ihn in der Nacht jemand weggeschafft? Vorsichtig spähte es durch den Lichtschacht. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis sich die Augen an die Düsterkeit in der Krypta gewohnt hatten. Es erblickte ein paar braunbepelzte, riesige Füße. Der Bär lehnte offenbar an der Wand gegenüber dem Ausgang. Eichhörnchen raffte allen Mut zusammen und kletterte zum Rand des Lichtschachtes. Jetzt sah es den Bären in voller Gestalt. Er hockte an der Wand und starrte unbeirrt auf das Eisengitter.
"Pst"
Der Bär reagierte nicht.
"Pst"
Eichhörnchen war beleidigt. So klein, dass der Bär es nicht hören konnte, war es nicht.
"Hey, Bär", rief es laut.
Der Zottlige wandte den Kopf und starrte hoch. In seinem Gesicht war keine Regung zu erkennen – weder Erstaunen, noch Ärger noch sonst irgendetwas. Eichhörnchen räusperte sich.
"Geht es dir gut?"
-
"Ich bin Eichhörnchen"
-
"Wie heißt du?"
-
"Woher kommst du?"
Der Bär starrte immer noch. Seine Schnauze blieb verschlossen, als ob sie verklebt wäre. Eichhörnchen schauderte. Es erinnerte sich an den Kaugummi, den es einmal im Wald gefunden hatte. Da die Menschen das Zeug offenbar sehr mochten, wollte es wissen, wie es schmeckt. Der Kaugummi klebte ihm sein Maul zu und es wäre verhungert, wenn nicht Herr Specht die klebrige Masse heraus gepuhlt hätte. Die Erfahrung blieb Eichhörnchen in schlechter Erinnerung: wer mag es schon, wenn ein Vogel mit seinem Schnabel einem im Mund herumstochert? Merlin hatte sich damals an Eichhörnchens Missgeschick ergötzt und lakonisch bemerkt, dass er jetzt endlich eine Möglichkeit entdeckt habe, es mundtot zu machen.
"Ich wohne drüben im Wald. Wir haben uns gestern schon gesehen. Weißt du noch?"
"Hm"
Zumindest schien der Bär zu verstehen.
"Du hast uns ganz schön erschreckt!"
-
"Sagst du mir jetzt, wie du heißt?"
Der Bär drehte Eichhörnchen den Rücken zu. Lass mich in Ruhe, sollte das wohl bedeuten. Eichhörnchen sprang vom Mauerabsatz und landete mitten in der Krypta.
'Ich bin verrückt!', schoss es ihm durch den Kopf.
Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Der einzige Fluchtweg führte durch das Eisengitter zur Treppe hinaus. Eichhörnchen schätzte ab, wie schnell so ein Bär sein konnte. Es traute sich zu, im Gang in Sicherheit zu sein, bevor der Bär sich auch nur bewegte. Zwei, drei Sprünge bis zur Treppe – leicht zu schaffen!
Der Bär war überrascht, dass das kleine, freche Ding wagte, ihm so nahe zu kommen. Langsam wandte er sich um und nahm das Eichhörnchen in Augenschein. Wenn er sich nicht irrte, war es dasselbe, welches er gestern gesehen hatte. Es war einer der beiden Klorollenträger. Er staunte, wie viel Mut in einen so kleinen Körper passte.
"Ich will dir nichts tun!", fuhr das Eichhörnchen fort.
Er konnte nicht anders: er brüllte auf vor Lachen – was erzählte der Zwerg da: er wolle ihm nichts tun .
Eichhörnchen flitzte durch das Eisentor und blickte zitternd von der Treppe zurück. Der Bär hatte es angreifen wollen! Mit pochendem Herzen verfluchte es seine Neugier und die unbedachte Waghalsigkeit, in die Krypta zu hopsen. Gleich würde der Bär aufspringen, zum Gitter rennen und daran rütteln. Der Bär blieb aber sitzen und, und…
"Der lacht ja", murmelte Eichhörnchen erstaunt.
Der Bär wischte sich Tränen aus den Augen und beruhigte sich langsam. Dann winkte er Eichhörnchen zu sich.
'Jemand der lacht, will einen nicht gleich auffressen", dachte es und kroch unter dem Gitter durch.
"Tschuldigung", japste dieser, "war lustig!"
Eichhörnchen konnte sich keinen Reim darauf machen, was denn so lustig gewesen sein sollte.
"Magst du jetzt mit mir reden?"
Der Bär zuckte die Schultern.
"Wie heißt du?"
"Buddlibär"
Buddlibär – so heißt doch niemand, dachte Eichhörnchen.
"Du nimmst mich wohl auf den Arm!"
Der Bär schüttelte den Kopf
"Buddlibär – so heiße ich. Buddlibär."
"Und woher kommst du?"
-
"Weißt du nicht, wo du herkommst?", bohrte Eichhörnchen nach.
Langsam schüttelte der Bär seinen Kopf.
"Nein", sagte er mit brüchiger, trauriger Stimme.
"Das gibt’s doch nicht!"
-
"Und was machst du hier?"
-
"Warum hast du uns gestern so erschreckt?"
-
Der Bär hing seinen Gedanken nach. Er nahm nicht wahr, dass er Gesellschaft in seinem Verlies hatte.
"Was ist los mit dir?"
-
Eichhörnchen sah ein, dass der Bär keine Lust für eine Unterhaltung hatte.
"Der hat echt ein Problem. Typischer Fall für Gnogörok", schimpfte es halblaut, "ich gehe dann wieder. Tschüss!"
Eichhörnchen schlüpfte unter dem Gitter durch und sprang die Treppen hoch.
"Der Rucksack – hast du meinen Rucksack gesehen?"
Eichhörnchen hielt inne.
"Was?"
"Ich vermisse meinen Rucksack."
"Ich erinnere mich", sagte Eichhörnchen stirnrunzelnd, "bei der Wurzel, wo wir – die Menschen meine ich – dich erwischt haben."
"Genau den – ich brauche ihn."
"Wozu? Hast du eine Feile da drin?"
Der Bär ließ sich nicht aufmuntern.
"Ich brauch ihn einfach – ist alles was ich habe", nuschelte er.
Eichhörnchen überlegte einen Augenblick.
"Ok, ich geh ihn suchen."
"Danke", murmelte der Bär.
Eichhörnchen blickte über die Schulter zurück. Der Bär war wieder in diesem Dämmerzustand, vor sich hinstarrend und stumm. Es eilte die Stufen hoch und schlüpfte aus der Kapelle.
'Buddlibär – der verulkt mich doch'
Es eilte zum Wald zurück.
Die Lichtung sah nicht ordentlicher aus, als am Abend zuvor. Die gefällten Bäume und das von unzähligen Füssen, Pfoten und Hufen vermanschte Laub erzählten von der Geschichte, die hier stattgefunden hatte. Keine Seele war zu sehen. Eichhörnchen hüpfte zur Wurzel, wo sie den Bären erwischt hatten und blickte sich um. Vom Rucksack war keine Spur zu sehen.
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