'Vergiss es', drängte sich die Stimme der Wut in die Gedanken, 'niemand ist so blöd, dich freiwillig in der Nähe zu haben – du bist gefährlich.'
'Bin ich nicht!', dachte er.
'Du bist schuld!', klagte eine andere Stimme im Kopf die Wut an. Es war die Stimme, die ihn oft tröstete und gut zusprach und von der er glaubte, es sei die Stimme seiner Mutter.
Wut gegen Fürsorge! Es war, als ob er Beobachter eines stummen Ringens war. Seltsam leer, gefühllos und passiv verfolgte er den Streit in seinem Kopf.
'Schau dir doch an, was der bis heute geleistet hat', höhnte die Wut mit falschem Lachen, 'eine einzige Folge von Katastrophen, Unfällen und Fehltritten. Überall schmeißen sie ihn raus oder quälen ihn, bis er selber abhaut.'
'Daran bist du schuld', empörte sich die Fürsorge, 'du hetzt ihn in solche Situationen.'
'Na und', meinte die Wut achselzuckend, 'ich sage ihm nur, wann es Zeit ist, eine bessere Umgebung zu suchen. Du weißt doch: wer rastet der rostet.'
Die Wut lachte gackernd.
'Wegen dir ist er dauernd auf der Flucht. Du hetzt ihn pausenlos auf und redest ihm Unsinn ein.'
'Unsinn?', höhnte die Wut, 'früher oder später wird er ausgenutzt – ich zeige ihm seine Stärke, ich lasse ihn fühlen, dass er sein eigener Herr ist. Mache ihm klar, dass er der Boss ist.'
'Der Boss bist du', protestierte die Fürsorge vorwurfsvoll, 'und du willst nicht, dass es ihm gut geht. Du hast nur Angst, dass es dich dann nicht mehr braucht.'
'Quatsch – ich bin das, was ihn ausmacht. Ich sage ihm, wenn es gilt, Problemen aus dem Weg zu gehen und noch eine Marke zu setzen.'
'Falsch! Du bist sein Problem und schuld daran, dass er keine Freunde hat.'
'Papperlapapp – ich sorge dafür, dass er nicht ausgenutzt wird. Wie damals im Zirkus.'
'Das ist lange vorbei – aber du, du treibst ihn immer weiter. Du lässt ihm keine Verschnaufpause. Du erlaubst es nicht, dass er zur Ruhe kommt.'
'Na und? Sieh ihn dir doch an: stark und mächtig ist er – furchtlos und mutig.'
'Furchtlos und mutig', zickte die Fürsorge, 'kauert sich ein großer Held zu einem zitternden Fellbündel zusammen, wenn er doch so furchtlos und so mutig ist? Nein: er hat genug, er will Ruhe und Friede und eine Chance, neu anfangen zu können.'
'Das schafft er nicht'
'Du wirst sehen! Ich glaube an ihn!'
Die Stimmen verstummten. Er bedauerte, dass nicht wenigstens die fürsorgliche Stimme blieb. Sie beruhigte und half ihm, klarer zu denken. Er atmete tief durch – er hatte sich entschieden. Er wollte nicht weiter. Das Paradies konnte irgendwo und nirgendwo sein. Dann, wie ein leises Echo aus der Vergangenheit, flüsterte die fürsorgliche Stimme: 'zuhause ist da, wo du dich zuhause fühlst'
Er hob den Kopf und blickte die Eule direkt an. Langsam schüttelte er den Kopf.
Merlin hatte den pelzigen Riesen vor sich beobachtet. Eine seltsame Stille lag über dem Wald. Er war überzeugt, dass vom Bären keine Gefahr ausging – im Moment. Merlin las in der Körperhaltung des Bären, was in ihm vorging. Die Ängstlichkeit war aus ihm gewichen – kein Blinzeln und Zweifel im Blick – und etwas seltsam Warmes floss aus dem Gesicht.
'Er muss trotzdem weg', durchschoss es Merlin, 'früher oder später wird er wieder ausrasten.'
"Du wartest hier", befahl er dem Bären.
Merlin wagte es, ihm den Rücken zu zukehren und ging zu seinen Freunden zurück.
"Wir haben ein Problem", eröffnete er seine Rede, "ich glaube, freiwillig geht der nicht weg."
"Wir wollen ihn aber nicht", ereiferte sich Hannibal, "niemand will ihn!"
"Ich weiß", sagte Merlin, "und darum brauchen wir Hilfe!"
"Woher willst du Hilfe holen?", wunderte sich Eichhörnchen.
"Die Menschen!"
Ein Gemurmel rauschte durch die Reihen der Waldleute. Klar – die Menschen: wenn es jemand schaffte, das Untier zu entfernen, dann die Menschen. Die hatten schon ganz andere Dinge zum Verschwinden gebracht. Den alten Froschteich zum Beispiel: in wenigen Tagen wurde dieser von Baggern und Traxen aus der Landschaft radiert – um ihn dann, ein Jahr später, fast an der gleichen Stelle wieder an zu legen. Die Tiere im Wald hatten bis heute nicht begriffen, was das sollte. Oder die mächtige Wettertanne: die Waldleute glaubten, dass dieser Baum schon immer da gewesen war und über den Wald wachte. Sie glaubten, er würde ewig da stehen. Ja, Stürme, Dürre und Blitze hatten Wunden geschlagen. Doch mit narbenbedecktem Stolz trotzte die Wettertanne den Naturgewalten. Dann kamen die Menschen und machten dieses Symbol der Kraft in einem einzigen Tag platt.
Mochten die Menschen noch so unklug sein: sie hatten Maschinen und Geräte, mit denen sich vieles machen ließ. Auch wenn dies meistens Unsinn war.
"Wozu die Menschen holen", protestierte Hannibal, "ich könnte ihm mein Geweih in den Wanst rammen – dann verschwindet er!"
Merlin unterbrach das anerkennende Tuscheln der Zuhörer mit einem lauten Lacher.
"Glaubst du wirklich, dass das was nutzen würde? So ein Bär benutzt dein Geweih als Einweg-Zahnstocher. Vergiss es!"
Hannibal war beleidigt.
"Wir brauchen die Menschen!", betonte Merlin.
Die Waldleute nickten. Hatte Merlin nicht schon Recht gehabt, dass sie gemeinsam den Bären in die Schranken weisen konnten? Also war sein Vorschlag, die Menschen zu rufen, auch richtig.
'Es muss schnell gehen', dachte Merlin.
"Wo ist Paul?", rief er.
Paul war Brieftaube und wusste genau, wer vom Dorf hier nützlich sein konnte.
"Wo ist Paul?", wiederholte er.
Tschoban drängte sich aus der Menge.
"So n'Scheiss, hat gesagt er geht auf Beobachterposten."
Tschoban deutete mit der Pfote in den Himmel. Alle blickten hoch. Außer Wolken war da nichts zu sehen.
"Bist du sicher?"
"Logo!"
"Ich hol ihn", drängte sich ein Spatz auf und verschwand in der Höhe.
Kurz darauf tauchten zwei schwarze Punkte unter den Wolken auf, die sich schnell näherten.
Paul plumpste Merlin vor die Füße, rappelte sich hoch und hüpfte flügelschlagend auf und ab. Eiskristalle säumten seinen Schnabel.
"Furchtbar kalt da oben. Ift nicht empfehlenfwert", lispelte er.
"Was hast du da oben gemacht?", grinste Merlin.
"Beobachtet. Ift wichtig, daff man den Überblick hat", rechtfertigte sich Paul.
"So hoch?", schmunzelte Merlin, "dass du Eiskristalle um den Schnabel hast? Über den Wolken?"
"Hab mich verfäpft", sagte Paul kleinlaut.
"Hast wahrscheinlich das Meer gesehen, so hoch oben wie du warst", frotzelte Eichhörnchen.
"Flieg zum Dorf und hol Feuerwehr, Polizei und was sonst noch notwendig ist, um den Bären von hier weg zu kriegen", sagte Merlin.
"Er will nicht gehen?", fragte Paul vorwurfsvoll.
"Nein, er trotzt!"
"Fo, fo – er tropft."
"So ähnlich", drängte Merlin ungeduldig, "mach schnell, solange er ruhig ist. Wir halten die Stellung."
"Ok!"
Merlin hoffte, dass Paul Hilfe heranschaffen konnte. Viele Tiere schauten Paul nach und bedauerten, nicht an seiner Stelle und in relativer Sicherheit zu sein.
"Wie geht es weiter?", riss Eichhörnchen Merlin aus seinen Gedanken.
"Wir müssen den Bären bewachen und dafür sorgen, dass er nicht abhaut!"
Geifer, ein verwilderter Rottweiler der vor Jahren im Wald eingezogen war, trat aus der Schar heraus. Geifer hatte damals erzählt, dass er die alternative Lebensweise suche und beschlossen habe, in der Wildnis zu leben. Er galt als Menschenexperte im Wald.
"Lass ihn doch abhauen, wenn er will."
"Gibst du mir die Garantie, dass er nicht mehr kommt? Und nächstes Mal kriegt vielleicht nicht nur Herr Specht etwas ab."
Die Verantwortung, welche die Waldleute stillschweigend auf Merlins Schultern gebürdet hatten, erdrückte ihn. Er wünschte sich in sein Astloch zurück, um den Rest des Tages in wohligem Dösen zu verbringen. Noch war die Lage nicht bereinigt. Merlin traute der Ruhe nicht. Der Bär war ein Fremder. Merlin wusste nicht, was und wie er dachte und blieb vorsichtig.
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