Kurz bevor sie die Wohnung verließ, betrachtete sie ihr Lieblingsfoto.
Im Mondlicht hatten sie damals, vor neunzehn Jahren, ein Foto gemacht. Fabricias strenger Zopf schlang sich wie zufällig um Riús Hals, er hielt sie fest an sich gedrückt, und Ariane selbst stand hinter ihnen auf einer Bank und lachte.
Warum war er nur so ein Monster geworden?
Ariane schloss die Tür auf und ging los zum Zigarettenautomaten. Sie brachte es einfach nicht fertig, ihren Bedarf realistisch einzuschätzen und die Päckchen auf Vorrat zu kaufen. Außerdem wurde sie noch nie erwischt, obwohl sie fast jeden Abend draußen war. Dabei ließ sie die Nacht Revue passieren, in der eine verweinte Fabricia bei ihr vor der Tür gestanden und um Einlass gebeten hatte.
Damals hatte Fabricia mit Riú Schluss gemacht, weil sie von ihm schwanger war und nicht wollte, dass er ihretwegen Probleme mit seinem Vater bekommen würde. »Hast du es ihm gesagt?«, fragte Ariane sofort, doch ihre beste Freundin hatte verneint.
Wenige Wochen später trat Riú in die Antimutanten-Partei, kurz: AMP, ein und Ariane brach jeden Kontakt zu ihm ab. Sie konnte nicht länger mit jemandem befreundet sein, der aktiv an ihrer Vernichtung und der Ausrottung ihrer Mitmutanten arbeitete.
Sie selber war kurz darauf in die Oppositionspartei MP eingetreten und bereute es nicht – sie wollte ihre Würde bewahren und mit allen Mitteln dagegen kämpfen, dass den Mutanten im Laufe der Jahre sämtliche Grundrechte entzogen wurden.
Auch wenn das Schicksal sie und ihren einst besten Freund auf diese Weise zu Feinden machte.
Ein angenehmer Sommerwind hüllte Ariane ein und nahm alles Trübe ihrer Gedanken mit sich fort, als sie ihre Kreditkarte zog und trotz Ausgangssperre in aller Ruhe ihre Zigaretten bezahlte. Auf ihrem UniCom würde sie dafür eine Mahnung erhalten, aber das war ihr egal. Sie würde antippen, dass sie sich ihres Unrechts bewusst war, und weitermachen. Glücklicherweise meldeten die Banken das noch nicht an die Behörden.
Dabei überflog sie aus reiner Gewohnheit die Anzeigen auf der Werbesäule neben dem Automaten. Der neueste Kinofilm, das modernste bionische Exoskelett, ein Mutantenschreck auf Ultraschallbasis im Sonderangebot, Kurznachrichten …
Dann sah sie die Fahndungsanzeige.
»Nanu?« Sofort sprang ihr die Ähnlichkeit ins Auge: Sieht der Typ auf dem Steckbrief nicht fast so aus wie Riú als Jugendlicher? Wie konnte das bloß sein?
15. Allegra – unterwegs – 08.07.2145
Sie atmete tief durch. Eigentlich war das Ganze wie ein Augmented Reality Spiel, und ihre Quest bestand darin, zunächst lebend und ungesehen die Stadt zu verlassen.
Nur war das hier kein Spiel.
Die Riemen des Rucksacks drückten ihr in die Schultern, ihre Füße schmerzten vom Laufen, sie versteckte sich im Schatten und durfte sich nicht bewegen, sobald sich eine Patrouille näherte.
Die schwer bewaffneten Einheiten waren die Einzigen, die während der Sperrstunde noch unterwegs sein durften. Sie und die vollautomatischen Lastwagen der entsprechenden Gewichtsklasse.
Ansonsten waren die Städte nachts nahezu ausgestorben.
Allegra wich beiden aus. Die selbstfahrenden Laster sollten zwar keine Gefahr darstellen, aber wer wusste, wohin die Bilder ihrer Frontscheibenkameras übertragen wurden. Kein überflüssiges Risiko eingehen, das war nicht nur in Videospielen die klügere Wahl.
Sie folgte den Spuren der Magnetbahnen von Haltestelle zu Haltestelle.
Miss Tan würde sie nicht vermisst melden. Zumindest nicht, solange es sich vermeiden ließ. Sobald im Morgengrauen die Ausgangssperre enden würde, konnte Allegra sich in einen beliebigen Zug in Richtung Louisiana setzen, ohne aufzufallen. Aber selbst im Sommer musste sie bis dahin noch einige Stunden durchhalten.
Die Stille der Stadt lastete auf ihr und sie musste gegen die Angst ankämpfen, ohne singen oder pfeifen zu dürfen. Lautlos, mit überreizten Sinnen, auf jedes Geräusch lauernd, das einen Lastwagen oder eine Patrouille ankündigen konnte. Allegra führte es sich immer wieder vor Augen: Sie suchten einen Jungen mit blondem Haar. Sie würden vor einem Mädchen mit schwarzem Haar trotzdem nicht haltmachen.
Wenn sie erwischt wurde, konnte sie sich genauso gut gleich umbringen, nur fehlte ihr die Fantasie für eine sinnvolle Methode, die mit nichts als einem Rucksack voller Essen und einem UniCom durchführbar wäre.
Ein leises Sirren zerschnitt die Stille und hallte in den Häuserschluchten wider.
Allegra blickte auf.
Eine Drohne.
Sie starrte das Fluggerät für den Bruchteil einer Sekunde an – dann rannte sie los.
Das Sirren spann sie in ein Netz aus Geräuschen ein, vor ihr, hinter ihr, über ihr, überall, kein Entrinnen, wenn es sie erst erreichte …
Die Drohne hatte Waffen. Einen Taser, wenn sie sich richtig erinnerte. Und »Brüder«.
Zwischen die Gassen.
Über die Magnetspur.
Hinunter in die Unterführung.
Weiter, immer weiter, durch die verwaisten unterirdischen Gänge und wieder in die Nacht. Irgendwann muss es doch Morgen werden . Und bis dahin musste sie die Stadt verlassen haben.
Sie folgte erneut den Spuren der Magnetbahnen, jetzt ohne das Sirren im Nacken. Offenbar hatten die Kameras der Drohne sie überhaupt nicht erfasst, als sie losgerannt war. Sonst wäre ihr das Gerät bestimmt nachgeflogen.
Vielleicht würde sie es nicht schaffen, vor Tagesanbruch die Stadt zu verlassen. Aber ihr UniCom sagte ihr, dass der Multihafen von Atlanta in der Nähe war. Von dort aus fand sie bestimmt einen Zug aus der Stadt. Oder einen billigen Kleinflieger.
Und es würde niemandem auffallen, wenn sie bis zum nächsten Aufenthalt ein wenig schlief.
16. Avriel Adamski – Gordon City – 08.07.2145
Avriel musste irgendwann in seinem Versteck eingedöst sein, er erwachte vom durchdringenden Vibrieren des UniComs.
»Bist du noch nicht weg?«
Avriel stand mühsam auf und stellte fest, dass ihm im Schlaf Speichel aus dem Mund geronnen war. Ekelhaft. Er wischte sich über den Mund, streckte sich und schrieb dann erst zurück: »Ich bin wach. Kann losgehen.«
Konnte es eigentlich kein bisschen, aber je eher er wegkam, desto besser.
Er musste nicht lange warten, fünf Minuten später erreichte ihn die nächste Nachricht von Todd: »RENN!«
Und er rannte. Durch den Keller, raus aus der kleinen Tür, die zu einer ebenerdigen Feuerleiter führte und ins nächste Gebüsch. Dort verschnaufte er kurz, ehe er sich unter die morgendlichen Fußgänger von Gordon City mischte.
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