„Nur weg“, antwortete er. „Lass uns zum Sandpass.“
„Kannst du mir mal aus der Tasche eine Zigarette geben? Nimm dir doch auch eine“, sagte sie.
„Das ist ja`n Durcheinander“, bemerkte er, als er ihre Tasche durchsuchte.
Der Zigarettenanzünder sprang heraus, und sie hielt sich das glühende Metall an die Zigarette. „Hast dir ja doch keine genommen.“
„Ach, im Augenblick–.“
Als er nicht weitersprach, deutete sie auf den Zigarettenanzünder: „Dass Autos überhaupt noch so Dinger haben.“
„Wieso meinst du?“
„Na, weil sie heute doch alle so viel Angst um ihre Gesundheit haben.“
„Ach du meinst, weil niemand mehr raucht. Man braucht sie noch als Stromanschluss. Falls du im Auto fernsehen willst.“
Sie lachte. Sie war froh, dass er überhaupt was redet; Jakob gilt auf dem Schulhof als Ganz Schweigsamer . Sie sagte: „Dabei sterben wir alle sowieso. Nur verpassen die vor lauter Angst um ihre Gesundheit noch ihr Leben.“
„Wohl wahr.“ Er schaute aus dem Fenster.
Sie schnipste die Asche in den Fahrtwind. „Sag doch mal was“, sagte sie schließlich.
„Du musst aufpassen wegen Feuer.“
„Ach, bist du–!“ Sie drückte die Kippe dann aber im Aschenbecher aus. Wenn er nicht redet, muss halt ich– sie sagte: „Ja, weißt du, das sind so Typen wie der Autohändler letztens, mit dem wir die Probefahrt gemacht haben– übrigens sind wir da auch zum Sandpass gefahren.“
„Was war mit dem Händler?“
„Na, halt so`n Typ mit spitzem Mund und hässlicher Brille. Der würd dir sogar seine Großmutter verkaufen, wenn er dadurch Gewinn macht.“ Welchen Schwachsinn red ich da?! Sie sagte: „Was meinst du dazu?“
„So`ne Typen kenn ich. Sind überall in der Stadt.“
„Und in der Schule, und– ich möcht niemals so werden wie die!“
„Dann musst`e weg von hier.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich werde wie die“, sagte sie. Er antwortete nicht.
„Is ja klar“, sagte sie, „wir tun das alles nur, um nicht an den Tod zu denken. Das ist doch schrecklich. Oder, was findst` du?“
„Ganz schön morbide. Fahr mal nicht so schnell.“
Suse kann Kritik nicht leiden; aber sie wusste, dass er Recht hat, und ging etwas vom Gas. Die Straße war kurvenreich und führte steil bergan. Schließlich erreichten sie die Passhöhe. Die Luft hier oben war frisch, fast schon kühl, obwohl die Sonne schien. Kaum dass hier etwas Gras wächst; ansonsten nur Flechten auf dem Fels. „In der Stadt riecht es schon nach Herbst“, sagte Suse.
„Ja, Herbst.“
„Man riecht das Ende.“
Sie standen nebeneinander und schauten in die Ebene. Es war nicht zu erkennen, wo Horizont und Himmel miteinander verschmolzen. Hinter ihnen, dort wo die Straße den höchsten Punkt passierte, stand ein Fahnenmast; die zerzauste Nationalflagge schlug im Wind. Der Schrei eines Adlers und Stille.
„Es kommt mir so vor, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt“, sagte sie.
Er stand nur da und schaute in die Ferne. Was er dort sah, konnte sie nicht mal erraten. Es war, als wolle er sich durch den Anblick hypnotisieren.
„Sag mal, weißt du eigentlich–.“
Nach einiger Zeit fragte er: „Was?“
„Ach nichts.“ Der Zwist zwischen ihren Eltern; die Frage kam ihr plötzlich zu persönlich vor. Sie trat etwas näher zu ihm. „Was machst du, wenn du`s Abi hast?“
„Jedenfalls nicht hier bleiben. Selbst wenn ich`s nicht schaffe.“
„Ist es so knapp bei dir?“
„Ich sollte mehr tun.“
Sie standen jetzt so nahe beieinander, dass ihre Schultern sich fast berührten. Als sich Suse ihm zuwandte, war sein Blick noch immer in die Ferne gerichtet. Einen Scherz machen? Seine Hand nehmen? Nach einem Moment wandte sie sich zurück zum Auto. „Lass uns fahren!“ Ihre Stimme war härter als gewollt.
Sie saß schon im Auto und hatte sich eine Zigarette genommen, als er endlich kam. Auf der Rückfahrt schwiegen beide. Erst an der Stelle, wo der Weg zu Jakobs Haus abzweigte, sagte er: „Du kannst mich hier rauslassen.“ Er blieb aber sitzen, nachdem sie schon angehalten hatte. Mit einem Ruck wandte er ihr den Kopf zu: „Ich hab mich sehr– ja schön, dass du vorbeigekommen bist.“ Kurz berührte er ihre Schulter, dann stieg er aus, die Hand zum Gruß erhoben. Sie winkte ihm nach, aber da hatte er sich schon weggedreht.
„Scheiße!“ rief sie und schlug so hart aufs Lenkrad, dass ihr die Hand davon weh tat.
Spätestens mit Ankunft am Hotel hatte sich ihre Euphorie verflüchtigt. GRAND HOTEL; die Leuchtbuchstaben überragten das Dach des Hauses. Es kam ihr lächerlich vor; als wärs eines der Traumschlösser von ihrem Bruder, die der sich für seine Modelleisenbahn bastelt.
Der Wohnbereich der Familie lag in einem Anbau hinter dem Hotel. Ihr Vater wünscht es nicht, dass die Familienmitglieder durch die Lobby gehen; meistens wird sein Wunsch ignoriert. Jetzt, wo sie ein Auto hat, wird sie immer von hinten kommen, vom Parkplatz her.
Sie warf ihre Schultasche unter die Garderobe, schlüpfte aus den Boots und wollte gerade weiter zur Küche gehen, als sich Mutter ihr in den Weg stellte: „Schon mal was von GUTEN TAG gehört?“
„Tag. Und, darf ich mir jetzt vielleicht was zu essen nehmen?“
„Räum erst mal dein Zeugs aus der Diele. Überall stolpert man!“
„Okay, okay.“ Sie schob die Boots mit dem Fuß an die Wand und warf die Tasche auf die unterste Treppenstufe: „Nehm ich gleich mit hoch. Darf ich jetzt mal durch?!“ Wie ihr diese ganzen Vorschriften zum Hals raushängen!
Mutter rief: „Hast ein Auto jetzt und bist noch immer nicht zufrieden!“
Suse nahm sich ein Stück Käse, ein Brot, schnitt Tomaten, und wusste die ganze Zeit, dass Mutter ihr dabei zuschaut– weil sie immer noch auf eine Antwort hofft; da kann sie aber lange warten! Suse nahm den Teller und ging zu ihrem Zimmer hoch. „Dass die Teller auch ja wieder runterkommen!“ rief Mutter hinterher.
Was redet die im Plural? „Ich lass nie was oben!“ rief Suse zurück. Sie stieß die Zimmertür mit dem Fuß zu. Ihre Mutter: Eine Hausfrau, immer am nörgeln, nie zufrieden!
Suse setzte sich auf die Fensterbank, einen Fuß auf den Dachziegeln. Unten auf der Veranda lag die Kusine in der Hängematte, ein Glas neben sich, mit einem Strohhalm, als wäre sie im Urlaub. Und ständig diese Trauermiene! Ist die wirklich so traurig?
Suse ging mit dem leeren Teller hinunter. Sie nahm auch älteres Geschirr mit, so viel sie tragen konnte, und stellte es auf der Spülmaschine ab. Mutter rief von nebenan: „Häng noch die Wäsche auf!“
„Könnt ihr euch nicht endlich mal `nen Trockner anschaffen?“
Ihre Mutter steckte den Kopf in die Tür: „Wenn du die noch lange feucht in der Maschine lässt, wird sie wieder riechen. Dann beschwer dich nicht!“
Suse holte die Wäsche aus dem Keller. Mit dem Korb ging sie auf die Veranda. Sie sagte: „Frederike, du kannst auch mal was tun.“ Sie fing an, die Sachen auf die Leine zu hängen. Die Schnüre waren quer über die Veranda gespannt. „Hast du gehört?“ sagte Suse. Sie hängte eine Hose so knapp über die Hängematte, dass sie fast den Strohhalm der Kusine berührt hätte– stört die nicht mal! Suse sagte: „Hast du Bohnen in den Ohren?!“
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