„Ja.“ Sollte er ihr von seinen Sorgen erzählen? Er kannte ihre Entgegnung: DU GLAUBST DOCH NICHT ETWA, WIR KÖNNEN VON MEINEM GEHALT ALLEINE LEBEN? Dabei ist sie Lehrerin, hier am Gymnasium, und bekommt wie alle Staatsbediensteten eine Zulage, weil Sabel so abseits ist.
Er ging auf die Terrasse. Selbst in der Stadt kann man viele Sterne erkennen, die Luft ist sehr sauber hier. Ralph hatte nie woanders leben wollen. Er überlegte, dass es schön wäre, mal wieder nachts mit dem Teleskop in die Berge zu fahren; wieso nicht heute?
Die Tür ging auf, sein Sohn trat neben ihn: „Hallo, Papa.“
„Hallo. Wie geht`s?“
„Hat die Mama sich schon wieder beschwert?“
„Na, du weißt ja“, antwortete Ralph.
„Ja, ich weiß.“
„Willst du mal wieder mit mir Sterne gucken fahren?“
„Wann, heute?“
„Ja, wieso nicht.“
„Mhm.“ Sein Sohn zögerte.
„Keine Lust?“ Es sollte aufmunternd klingen. Ralph wollte nicht aufdringlich sein.
„Ach, ich muss noch einige Sachen für die Schule vorbereiten. Du weißt ja.“
„Ja, ich weiß“, antwortete Ralph. Er sah seinem Sohn hinterher, wie er drinnen ein paar Worte mit seiner Mutter wechselte. Er zögerte hineinzugehen. Es war nicht so, dass er die Gegenwart seiner Familie unerträglich fand; nur dachte er abends manchmal, dass er nicht hierhin gehöre. Schließlich ging er doch wieder ins Wohnzimmer und setzte sich eine Weile in den Sessel. Der Film langweilte ihn. „Ich fahr noch etwas raus“, sagte er.
„Ja, tu das“, antwortete sie ohne vom Fernsehen aufzuschauen.
Ralph hatte sich eine dicke Jacke angezogen und Handschuhe eingesteckt. Im September wird es nachts schon ziemlich frisch. Er kennt sich gut aus in der Gegend. Nur wenige Kilometer von Sabel entfernt gibt es eine Stelle, wo keinerlei Licht stört. Hier ist es so ruhig, dass man die Mäuse hören kann, wenn sie über die Felsen huschen. Er stellte sein Teleskop auf. Es war ein semiprofessionelles Gerät, ziemlich teuer; man kann eine Kamera daran anschließen und sogar Details auf dem Mars erkennen. Aber momentan stand der Mars in Konjunktion zur Erde, dass man ihn nachts nicht sehen kann.
Ralph hatte schon als Kind ein Teleskop gehabt. Mit den Jahren hatte die Begeisterung für die Sternenbeobachtung nachgelassen. Auch an diesem Abend schaute er nur kurz durch das Gerät; ist es doch vor allem der Klang der Stille, den er hier sucht.
Er legte sich auf den Felsen, die Hitze des Tages war noch darin gespeichert. All die Sterne, wie klein wir doch sind, so unbedeutend. Und selbst diese Milliarden von Sonnen schaffen es nicht, das Universum zu erhellen; der Raum zwischen ihnen bleibt kalt und schwarz. Ruhe überkam ihn. Alles, was ihn bedrückte, wurde gering, und er bekam eine Ahnung von Gott, oder der Ordnung; aber das ist vielleicht dasselbe. Er wurde müde und schlief ein.
Als er aufwachte, war es schon weit nach Mitternacht. Ursus Maior, der Große Wagen, stand gegen Nordwesten. Der Felsen zeigte jetzt sein kaltes Herz, Ralph war froh um die Handschuhe. Rasch packte er das Teleskop zusammen. Auf der Straße war er allein, und auch in Sabel war es dunkel; nachts sind dort nur wenige Straßen beleuchtet.
Bei ihnen im Schlafzimmer war etwas Licht. Seine Frau lässt im Bad immer eine Lampe brennen und die Tür einen Spalt breit offen. Sie sagt, schon als kleines Kind mochte sie nicht im Dunkeln schlafen. Tagsüber ist seine Frau gar nicht ängstlich, da nimmt sie es mit den rabiatesten Schülern auf; nicht einmal vor deren Eltern hat sie Angst.
Der Lichtstreifen aus dem Bad fiel auf ihr Gesicht. Ralph blieb einen Moment stehen. So sanft sieht sie jetzt aus; es erinnerte ihn daran, warum er sich einst in diese Frau verlieben konnte.
Herr Haraldson rief erst am nächsten Montag an. Er habe sich das Angebot gründlich durch den Kopf gehen lassen und sei zu dem Schluss gekommen, einmal nachzufragen, ob sich noch etwas am Preis machen ließe.
„Eigentlich sind alle Rabattmöglichkeiten ausgereizt“, antwortete Ralph.
„Ist das Ihr letztes Wort?“
„Ja, wissen Sie–.“ Ralph suchte nach einer Erklärung.
„Ja?“
„Ja, bei Barzahlung des gesamten Kaufpreises könnte ich Ihnen noch einen Skonto von 1,5% gewähren.“
„Sind nicht 3% üblich?“
„Ja, wissen Sie–.“ Er hätte jetzt wie Haraldson klagen müssen über die wirtschaftliche Lage, die im Allgemeinen und die im Speziellen – wie lächerlich! Aber er musste etwas sagen; Haraldson verstand sich darauf, zum richtigen Zeitpunkt zu schweigen. „Also gut“, sagte Ralph, „2%.“
„2,5? Ich käme auch sofort vorbei, ja?“
„Okay. 2,5.“
Als Herr Haraldson zwanzig Minuten später vorfuhr, bedauerte Ralph schon längst sein Zugeständnis. Für das Unternehmen bliebe kaum etwas übrig.
Diesmal kam nur seine Tochter mit. Sie war wie letztens in Schwarz: Schwarzes Netzhemd über schwarzem T-Shirt über schwarzer Hose über schwarzen Boots; die Fingernägel schwarz lackiert, die Augen schwarz umrandet und die Haare waren auch schwarz. Ralph konnte sich erinnern, dass sie als Mädchen mal blond war. Über der Schulter hing ihre Schultasche; natürlich auch in Schwarz. Bei der Begrüßung schaute sie Ralph nur kurz an, aber es schien ihm, als würde ihr Blick ihn röntgen. Kein Lächeln.
„Möchten Sie einen Kaffee?“ fragte er und wies auf den Kaffeeautomaten für die Kundschaft.
„Gerne. Du auch?“ Haraldson wandte sich an seine Tochter. Sie wollte nicht. Ralph bediente ihn –SCHWARZ? MIT ZUCKER?– und sortierte daraufhin die nötigen Papiere. Alles schien klar, bis Haraldson fragte: „Welche Farben haben Sie denn zur Auswahl?“ Selbst seine Tochter zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
Ralph sagte: „Es gibt keine Auswahl. Mein Angebot gilt für den Wagen, der da steht, Entschuldigung.“
„Das ist aber kein Neuwagen.“
Ralph schloss kurz die Augen; diesmal würde er nicht nachgeben! Aber noch bevor er sich Entgegnungen zurechtgelegt hatte, sagte die Tochter: „Natürlich nehme ich den Wagen, wie er da steht.“ Und zu ihrem Vater gewandt: „Glaubst du etwa, ich will noch Wochen warten?! Du lässt mich ja sowieso nicht mit deinem fahren.“
„Das wär ja auch noch schöner“, sagte er. Er schaute zur Decke und schwieg für den Rest der Verhandlung. Die Tochter gab alle Informationen, die Ralph zum Ausfüllen der Formulare benötigte, der Vater musste nur noch ein paar Unterschriften leisten.
Herr Haraldson hatte tatsächlich 30.000 in bar mitgebracht, alles in 50ern. „Frisch gedruckt“, scherzte er und holte sechs Bündel aus seinem Aktenkoffer. „Die Bank hat sie schon gezählt.“
„Sie gestatten, dass ich nachzähle. Auch Banken können sich vertun.“ Als er damit fertig war, sagte er: „Wir können die Anmeldung gerne für Sie übernehmen. Das dauert ungefähr fünf Tage. Sie wissen ja–.“
„Ich mache es selbst“, sagte Tochter Haraldson.
„Das sollte innerhalb von drei Tagen geschehen. Sie wissen ja–.“
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