„Willkommen, willkommen! Schaut euch nur um, Leute. Hier hat sich nichts verändert seit Allen Ginsberg und ich den Laden in 1965 eröffnet haben. Er deutete auf die klapprige Holztreppe. „Jede einzelne dieser Stufen hat er handsigniert!“
Das seltsame Paar nickte Winnebago schüchtern zu und verschwand tatsächlich über die Treppe in das obere Stockwerk.
Winnebago ging zurück hinter seinen Tresen und Eddie sah ihn lange und eindringlich an.
„Das Geschäftsleben an einem Ort wie diesem erfordert eben hier und da mal ein paar kleinere Korrekturen der Wahrheit“ murmelte Winnebago und vermied es dabei, Eddie in die Augen zu sehen.
Eddie nahm das Bild vom Tresen auf und stopfte es wieder in sein Jackett. Er wusste jetzt mehr als vorher, aber wirklich viel war es immer noch nicht. All das, woran Winnebago sich erinnert hatte, brachte ihn nicht weiter.
„Okay, Winnebago, ich muss los. Danke und bis bald. Ich melde mich.“
Als Eddie den Laden verließ, hörte er die dicke Frau und den dünnen Mann die Treppe wieder herunter kommen.
„Wer zum Teufel ist Allen Ginsberg?“ fragte sie ihren Mann, aber der antwortete nicht.
Eddie saß wartend vor dem Gerichtssaal und versuchte, es sich auf der harten Mahagonibank so bequem zu machen wie es eben ging. Er hatte einen Anhörungstermin bei Richter Ryback und hoffte, dass es nicht allzu lange dauern würde. Diese Art der Anhörungen beherrschte Eddie bereits im Halbschlaf, was meistens auch tatsächlich so war.
Sein Mandant war ein Mann namens Dante Bauer, der einen Limo-Service betrieb. Angeklagt war er aber wegen Zuhälterei. Seine Freundin Shalynn hatte einem Zivilfahnder auf der Toilette des St. Francis Hotels einen Blowjob für fünfzig Dollar angeboten. Shalynn behauptete nun, das wäre alles nur ein Missverständnis. Dante sagte er hätte keine Ahnung davon gehabt, dass seine Freundin eine Nutte wäre und selbst wenn, dass man von den paar Kröten, die Fünfzig-Dollar-Blowjobs einbringen, ohnehin nicht leben könnte.
„Hey Dare, ich dachte immer, dass sich die tollen Strafverteidiger auf dem Golfplatz bei einem netten Spielchen mit dem Staatsanwalt über das Schicksal ihrer Mandanten einigen.
„Sicher, Wuntz, genauso ist das. So machen es die tollen Strafverteidiger.“
Kelly Wuntz drückte sich neben Eddie auf die Bank indem er einen kleinen Ganoven in seiner rotgoldenen San Francisco 49ers Jacke zu Seite schob. Wuntz war ein sogenannter Vice Cop, der sich im Tenderloin District vornehmlich um illegales Glücksspiel und Prostitution kümmerte. Berufsbedingt waren ihm mehr menschliche Widerwärtigkeiten untergekommen als Eddie in seinem Leben je kennen lernen wollte.
„Warum bist du immer so hart gegen dich selbst, Dare? Wenn ich bis zum Hals in der Scheiße stecken würde, wärst du genau der Typ Anwalt, dem ich zutrauen würde, mich da wieder raus zu holen.“
„Sollte das etwa ein Kompliment gewesen sein, Wuntz?“
„Nimm es, wie du willst.“
Zusammen saßen sie eine Weile auf der Bank und beobachteten das geschäftige Treiben, das sich um sie herum im Gerichtsgebäude abspielte. Nachdem er aus seinem schicken Büro am anderen Ende der Stadt hinaus geflogen war, konnte Eddie sich nur langsam an sein neues Arbeitsumfeld zu gewöhnen. Hier gab es keine indirekte Beleuchtung und keine polierten Parkettfußböden mit teuren Perserteppichen darauf. Mittlerweile ging es aber ganz gut. Er hatte erkannt, dass er eine unsichtbare Linie vermutlich für immer überschritten hatte, von dessen Existenz er bis zu diesem Zeitpunkt nichts geahnt hatte. Diese Linie trennte die geordnete konservative Welt von einer anderen, die sich im Verfall befand, in der jeder gegen jeden seinen eigenen kleinen Krieg zu führen schien.
In dieser Welt, in der Eddie sich noch immer wie ein heimlicher Beobachter fühlte, waren Anwälte so etwas wie er die weltlichen Priester. In der stillen Geborgenheit ihrer Kanzleien nahmen sie Beichten ab, die von Verbrechen, von Verfehlungen und von Betrug handelten. Ein wirklicher Priester bekam diese Beichten wohl nur in den seltensten Fällen zu hören. Leute kamen in Eddies Büro und erzählten ihm, was sie nachts dachten, wenn sie nicht schlafen konnten. Diese Geschichten waren meistens nur traurig, manchmal auch peinlich oder brutal und selten auch mal lustig. Aber immer ging es um Gier, Elend, Angst oder um pure Dummheit. Es waren herzzerreißende Geschichten, wenn man sie an sich heran ließ.
Einige Anwälte, die Eddie im Laufe der Jahre kennengelernt hatte, hatten diese Linie ganz bewusst und gewollt überschritten, beseelt von dem irrsinnigen Gedanken, die Welt zu verbessern. Das gelang natürlich nie. Früher oder später kamen sie alle auf dem Boden der Tatsachen an und kümmerten sich fortan vorrangig um ihr eigenes Schicksal und weniger um das ihrer Mandanten. Das Gerichtsgebäude war ein gemeiner und gnadenloser Mikrokosmos. Gute Absichten wurden hier nicht belohnt.
„Hast du das von Richter Bono gehört?“ fragte Kelly.
Eddie schüttelte den Kopf.
„Wir haben den Schweinehund gestern Nacht auf der Presidio Street hoch genommen. Er saß in seinem fetten Mercedes mit einer Sechzehnjährigen, die gerade seinen mickrigen Pimmel in der Hand hielt und verzweifelt versuchte, ihm einen runter zu holen.“
„Ach Wuntz, heutzutage interessiert sowas doch keinen mehr. Würde mich nicht wundern, wenn Bono am Ende an den Obersten Gerichtshof berufen wird.“
„Soso.“
Wuntz liebte seine Anekdoten und mochte es gar nicht, wenn man nicht von ihnen beeindruckt war. Eddie wusste das, sah den Glanz in Wuntz‘ Augen und wusste, dass jetzt der Gegenangriff kommen würde.
„Ich weiß ja, dass ihr Juristen euch über halbwegs rechtschaffende Polizisten lustig macht…“ Wuntz sah den Gang hinunter während er sprach, weshalb Eddie sein Gesicht nicht sehen konnte. „…aber meinst du nicht auch, dass es gerade hier in San Francisco für Bonos Karriere zuträglicher gewesen wäre, wenn er sich wenigstens in einer etwas vornehmeren Gegend einen hätte blasen lassen?“
Wuntz wandte sich wieder zu Eddie und brüllte vor Lachen. Einige Köpfe drehten sich in seine Richtung und waren kurz abgelenkt von ihren eigenen Schicksalen. Gerichtsgebäude sind nicht unbedingt bekannt als Orte, an dem es viel zu lachen gibt.
Auch Eddie musste ein bisschen schmunzeln, es war eine von Wuntz‘ besseren Pointen. Dann klingelte sein Telefon.
„Papa?“
„Hey, Michael. Das ist ja mal eine Überraschung.“
Wie immer, wenn er mit seinem Vater sprach, kam Michael direkt auf den Punkt.
Mum sagt, ich muss mich erst bei dir entschuldigen, bevor sie mir mein Taschengeld gibt.
„Entschuldigen wofür?“
„Sie sagt ich wäre dir gegenüber unverschämt gewesen, als wir letzte Woche telefoniert haben.“
Eddie versuchte, sich an das Gespräches zu erinnern. „Und was denkst du? Warst du unverschämt?“
„Nein. Im Fernsehen lief gerade ein Lakers Spiel, das ich unbedingt sehen wollte. Ich wollte gar nicht mit dir telefonieren.“
„Dann entschuldige dich auch nicht.“
„Okay, dann nicht.“ Es wurde kurz still am anderen Ende der Leitung, offensichtlich dachte der Junge über die möglichen Konsequenzen des Gespräches nach. „Hier ist Mum, sag ihr bitte, sie soll mir mein Taschengeld geben.“
Eddie hörte, wie der Telefonhörer von Michael an Jennifer weiter gereicht wurde.
„Hallo Eddie, es tut mir leid. Im Moment habe ich es nicht leicht mit Michael und ich fand es einfach nicht richtig, wie er letzte Woche mit dir umgesprungen ist. Deshalb habe ich auf eine Entschuldigung bestanden. Mach dir nichts daraus, sein Taschengeld bekommt er jetzt. Du weißt ja, wie die Teenager so sind. Hoffentlich haben wir dich nicht gestört.“
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