Eddie betrachtete noch einmal die Männer auf dem Bild, die Frauen auch. Soviel er auch nachdachte, er konnte sich an nichts erinnern. Dieser verdammte Krieg. Unter anderen Umständen hätte er jeden Eid geschworen, keine einzige Person auf dem Foto je gekannt zu haben. Aber da war er, mittendrin. Also musste er die Anderen gekannt, gesehen haben, mindestens dieses eine Mal in seinem Leben. Er konnte sich auch nicht vorstellen, dass es sich bei dem Foto um eine Fälschung handelte. Warum hätte sich jemand die Mühe machen sollen, eine so unverfängliche und bedeutungslose Szene zu fälschen? In welche Richtung er auch dachte, er kam immer wieder an denselben Punkt. Warum hatte ihm jemand das Bild geschickt?
Die einzige Idee, die Eddie nach einer Weile hatte, war, das Foto einigen ehemaligen Kameraden aus seiner Einheit zu zeigen, an die er sich noch erinnern konnte. Vielleicht hatte der eine oder andere ein besseres Gedächtnis als er selbst und konnte ihm auf die Sprünge helfen. Einer kam ihm tatsächlich in den Sinn und der war sogar ganz in der Nähe. Eddie stopfte das Foto in die Innentasche seines Jacketts und ging zur Tür.
Als er aus seinem Büro trat war Joshua am Telefon. Er unterbrach sein Gespräch, legte die Hand auf die Sprechmuschel und drehte sich zu Eddie.
„Heute ist wohl dein Familientag“ sagte er, als sich ihre Augen trafen.
Eddie holte gerade zu einer genervten Antwort aus, denn sein täglicher Bedarf an dummen Kommentaren war bereits mehr als gedeckt, als Joshua in Richtung Telefon nickte und hinzufügte:
„Es ist Kathleen.“
Eddie hatte der Institution der Ehe noch eine zweite Chance gegeben, gut drei Jahre nachdem Jennifer ihn verlassen hatte. Ihr Name war Kathleen Strong und sie war eine der Assistentinnen des Bezirksstaatsanwalts in Marin County. Ihren Mädchennamen hatte Kathleen auch während ihrer Ehe beibehalten. Mittlerweile vermochte Eddie kaum noch zu sagen, wann genau und wie lange sie verheiratet waren, es interessierte ihn auch nicht mehr. Gott sei Dank war ihre Beziehung kinderlos geblieben. Eddie erschrak innerlich immer ein wenig über sich selbst, wenn er sich mit solchen Gedanken ertappte. Aber womöglich hätte Kathleen dafür gesorgt, dass der gemeinsame Nachwuchs den reichlich dusseligen Nachnamen Strong-Dare bekommen hätte. Und damit wäre ein junger Mensch fürs Leben gestraft gewesen.
Eigentlich war Kathleen ganz in Ordnung, immerhin hatte er sie ja mal geheiratet. Nur leider war sie völlig instabil. Kathleen nannte das Spontanität. Eines Tages eröffnete sie Eddie, sie würde ihn verlassen und nach Alaska ziehen. Mit einem spontanen Bedürfnis, Elche oder die einmalige Natur Alaskas zu retten, hatte ihr Entschluss allerdings nichts zu tun. Der Auslöser war vielmehr ein Bundesrichter aus Fairbanks, von dem sie sich leidenschaftlich flachlegen ließ. Das wiederum hatte sie Eddie gegenüber vergessen zu erwähnen, als sie auszog. Als er es schließlich herausfand, beschloss Eddie, dass ein solches Maß an Spontanität zu viel für seine Ehe war.
Eddie hatte ja schon eine gewisse Routine im plötzlichen Singledasein und so nahm er die Angelegenheit dementsprechend gelassen hin. Zu seiner Überraschung stellte er kaum irgendwelche Veränderungen in seinem Leben fest. Als er dann noch durch Zufall die wahren Gründe für Kathleens Abgang erfuhr sagte er sich, dass jemand, der seine Ehe hinschmiss um mit einem Bundesrichter aus Fairbanks zu schlafen vermutlich schon genug Probleme am Hals hatte. So machte er auch kein Theater, als die Scheidungspapiere kamen. Kathleen fand das wirklich – ganz nett .
„Sie ruft aus Alaska an?“
„Nein, aus Tiburon. Ich denke mal der Richter ist Vergangenheit und nun ist sie wieder hier.“
„Oh, Jesus.“ Eddie dachte kurz nach. „Du hast doch nicht…“
„Nein, ich habe ihr gesagt du seist nicht da.“
Eddie zog anerkennend seine Augenbrauen hoch, verbeugte sich in einer übertriebenen Geste vor Joshua und wandte sich zum Gehen. Dieses verdammte Foto brannte ihm ein Loch ins Jackett. Kathleen würde sich hinten anstellen müssen, wenn sie ihm den Tag versauen wollte.
Zügig durchquerte Eddie die paar Blocks von Grant Avenue bis zur Transamerica Pyramid zu Fuß, kürzte dann durch die Plaza ab und bog nördlich in die Columbus Avenue ein. Von dort aus lief er weiter in Richtung San Francisco Bay. Vielleicht hatte er ja Glück und die Angelegenheit war schnell erledigt. Es gab da jemand, der seinem Gedächtnis mit Sicherheit auf die Sprünge helfen konnte.
Heluska Jones war ein grenzenlos gutmütiger großer Bursche gewesen, der sich zu allem freiwillig meldete, was sonst keiner in seiner Einheit hatte erledigen wollen. Eben der gute Junge von nebenan, den es in fast jeder Einheit beim Militär gab. Zunächst nannten ihn alle Lusk. Er behauptete, einhundert Prozent Apache zu sein und dass sein Name Großer Krieger bedeutete. Aber eines Nachts, als sie alle wieder einmal reichlich zugekifft waren, gab er zu, dass er in Wirklichkeit vom Stamme der Winnebagos war und sein Name in etwa mit Kleine Götterfee übersetzt werden konnte.
In dieser Nacht wurde Lusk zu Winnebago Jones. Für den Rest seines Lebens. Und dabei hatte er noch mächtig Glück, denn einige versuchten es eine Weile mit Kleine Götterfee Jones, sahen dann aber seinen Blick und befürchteten, dass ein wütender Indianer vielleicht noch gefährlicher werden könnte als der Vietcong. So blieb es bei Winnebago Jones und das hatte ja auch etwas sehr melodisches.
1975 kehrten Winnebago und Eddie gemeinsam aus Vietnam zurück nach Camp Pendleton und wurden wenige Tage später ins Zivilleben entlassen. Eddie machte sich auf den Weg entlang der Küste nach San Francisco um zu studieren. Winnebago wusste eigentlich nur, wohin er nicht wollte, nämlich zurück in sein Reservat in Arizona. Also schloss er sich Eddie an. Diese Entscheidung erwies sich als Glücksgriff, denn Winnebago entdeckte die Hippie Szene entlang der Columbus Avenue für sich und fühlte sich schnell zu Hause.
Ein Hippie-Indianer namens Winnebago erfüllte Mitte der 70er Jahre praktisch alle gängigen Klischees in San Francisco, daher fand er schnell Arbeit in einem kleinen Buchladen und schrieb Sachen von denen er behauptete, es wären Poesie. Die Jahre vergingen und die Columbus Avenue verwandelte sich unaufhaltsam aus einer Heimat für alternde Hippies in eine Touristenattraktion. Winnebago erkannte die Zeichen der Zeit und verwandelte sich ebenfalls in eine Touristenattraktion. Sogar noch heute, nach mehr als zwanzig Jahren, konnte man ihn in demselben kleinen Buchladen auf der Columbus Avenue finden und er trug auch immer noch dieselben alten Klamotten, die ihn zum Hippie-Indianer in San Francisco machten.
Als Eddie die Tür zum Buchladen öffnete, löste er ein Glöckchen aus und Winnebago blickte von einem Buch auf, das vor ihm auf der Registrierkasse lag. Heute trug er sein mit Glasperlen besticktes T-Shirt, das er auf einem Flohmarkt in San Jose gekauft hatte, weil es ihn irgendwie an das Hemd erinnerte, das Tonto in den Lone Ranger Filmen getragen hatte. Seine schulterlangen schwarzen Haare wurden von einem breiten rot-weißen Stirnband zusammen gehalten, auf dem FULL-BLOODED AMERICAN INDIAN stand.
Eddie hatte einmal versucht Winnebago zu erklären, dass die Bezeichnung Indianer eigentlich nicht mehr gebräuchlich, ja, sogar abschätzig gemeint wäre. Die Gesellschaft hätte daraus in der Zwischenzeit politisch korrekte amerikanische Ureinwohner gemacht. Schließlich hätte das ja auch etwas mit der Würde seines Volkes zu tun, erklärte Eddie weiter, aber Winnebago wollte von alldem nichts wissen. Er entgegnete nur, für San Francisco sei sein Maß an Würde vollkommen ausreichend. Schließlich wäre er schon immer Indianer gewesen und hätte vor, das auch in Zukunft zu bleiben. Eddie genügte das als Erklärung und er betrachtete das Thema als erledigt.
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