Zwanzig Jahre später, in 1995, war Aussöhnung das Gebot der Stunde. Das kommunistische Vietnam und die Vereinigten Staaten von Amerika nahmen wieder diplomatische Beziehungen zueinander auf, die Botschaften auf beiden Seiten wurden wiedereröffnet und Diplomaten wurden über den Pazifik nach Hanoi und Washington entsandt.
Seit den Zeiten des kalten Krieges ist es durchaus üblich, die Position des Zweiten Botschaftssekretärs durch einen hochrangigen Geheimdienstmann zu besetzen. Daher war es kein Zufall, dass der neu ernannte Zweite Sekretär der amerikanischen Botschaft in Hanoi zu Beginn seiner beruflichen Karriere schon einmal in Vietnam gewesen war. Damals aber, 1975, war er noch in Saigon stationiert gewesen, auf einer seinem jungen Alter entsprechenden unbedeutenden Position. Die alten Dienstpläne wiesen Ihn als „Junior Cultural Attaché“ aus. Dieser Zweite Sekretär war eine der ganz wenigen im öffentlichen Leben verbliebenen Personen, die mit Sicherheit wussten, dass die Geschichte des in den Ruinen Saigons zurückgelassenen Berges von Geld und Gold kein Märchen war. Und vergessen hatte er auch nicht.
Soweit es dem Zweiten Sekretär bekannt war, war nie wieder auch nur die kleinste Spur der verschollenen Millionen irgendwo aufgetaucht. So nahm er die erste beste Gelegenheit wahr, die sich ihm bot, unter einem Vorwand von Hanoi nach Saigon zu reisen, das jetzt Ho Chi Minh City hieß – eine weitere Demütigung der Stadt und ihrer Bewohner. Sein erster Weg führte ihn in die Phan Binh Straße.
Das Lagerhaus war verschwunden.
Der Zweite Sekretär blickte über die leere Fläche, auf der es einst gestanden hatte; er betrachtete die Berge zerborstenen Betons und die rostigen Bewehrungseisen, die als einzige Überreste des verschwundenen Bauwerks aus dem Boden ragten. Dann schlenderte er weiter die kleine Straße hinunter ohne noch einmal anzuhalten oder sich umzudrehen.
Die beste Schätzung, die dem Zweiten Sekretär mit einiger Sicherheit gelungen war, hatte ergeben, dass die knapp zehn Tonnen Gold und Bargeld, die er im April 1975 in dem Lagerhaus in Holzkisten verladen hatte, heute etwa 400 Millionen US Dollar wert sein mussten.
Da sich nichts mehr an seinem Platz befand, beschloss der Zweite Sekretär, Nachforschungen über den Verbleib des Staatsschatzes anzustellen. Sehr dezente und diplomatische Nachforschungen. Er wollte herausfinden, was die Nordvietnamesen damit gemacht hatten, nachdem Saigon gefallen war.
Zu seiner großen Überraschung stellte der Zweite Sekretär fest, dass die Nordvietnamesen gar nichts gemacht hatten.
Sie wussten überhaupt nichts davon.
Vierzehn Monate als kleiner Korporal bei der Marineinfanterie hatten in Eddie Dare die Überzeugung reifen lassen, dass er zu etwas Besserem geboren war, als zusammen mit einem Haufen zugekiffter Armleuchter für Volk und Vaterland durch den Schlamm zu robben. Jetzt, mehr als zwanzig Jahre später, musste er sich eingestehen, dass es unübersehbare Parallelen zwischen seiner früheren Tätigkeit in der Armee und der eines praktizierenden Rechtsanwaltes in San Francisco gab.
Mit einem Seufzer öffnete Eddie den Sportteil des Chronicle und legte die Zeitung so vor sich gegen den Serviettenhalter aus Edelstahl, dass er sie freihändig zum Frühstück lesen konnte.
Das Buena Vista Café befand sich ganz am unteren Ende der Hyde Street, direkt an der Bucht von San Francisco, da wo die Wendeplattform der Cable Cars aus Richtung Union Square ist. Wenn es sich irgendwie einrichten ließ, begann Eddie seine Arbeitstage genau dort, auf einem der Hocker am Tresen des Buena Vista Café.
Drei Spiegeleier, knuspriger Schinken und diese wunderbar dick geschnittenen Mettwurstscheiben, die es in ganz San Francisco sonst nirgends gab. Dazu Kartoffelrösti und zwei Scheiben heißer Sauerteigtoast, so dick mit Butter bestrichen, dass sie an seinen Fingern herunter lief, sobald er den Toast in die Hand nahm. Eddie wusste natürlich, dass diese Art Frühstück eigentlich aus der Mode gekommen war, aber das war ihm egal. Wahrscheinlich war auch er selbst schon längst aus der Mode gekommen und die Ernährungsapostel dieser Welt konnten ihn mal.
Die Bedienung kam mit einer Kaffeekanne in der Hand an seinen Platz. Blond, athletisch und etwas zu sonnengebräunt sah sie aus, wie die meisten Jogger, die an den Wochenenden in Massen ihre Runden durch den Golden Gate Park drehten. Sie schenkte Eddie frischen Kaffee nach und bedachte ihn mit ihrem strahlendsten Lächeln. Um diese Uhrzeit und noch vor dem zweiten Becher Kaffee war Eddie jedoch nicht in der Lage, zurück zu strahlen.
„Darf’s noch etwas sein, mein Lieber?“
„Nein Danke, Suzie. Ich muss jetzt wirklich ins Büro.“
„Sag bloß du hast einen neuen Fall?“ erkundigte sich Suzie. „Dann werden ja vielleicht auch mal deine Trinkgelder etwas ansehnlicher.“
Suzie hatte begonnen mit Eddie zu flirten, als er anfing morgens ins Buena Vista zu kommen anstatt abends nach der Arbeit. Natürlich war ihm auch nicht entgangen, dass sie ihn sogar dezent auf ihren Schichtwechsel von spät auf früh hingewiesen hatte. Sie sagte, sie hätte die Nase voll von all den Yuppies und Touristen, die allabendlich das Buena Vista bevölkerten, ihren Irish Coffee schlürften und dabei auf irgendetwas Interessantes warteten, das dann meistens doch nicht passierte. Sie stünde mehr auf reifere Männer, solche, die bereits etwas erlebt hätten. Die wären viel ausgeglichener. Natürlich hatte Eddie auch diesen Hinweis verstanden, aber seine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Suzie war ganz nett, aber genau das war Eddies Problem. Er steckte bereits bis zum Hals in „ganz nett“. Sein ganzes Leben war irgendwie ganz nett.
Verdammt, wird das irgendwann auch mal auf meinem Grabstein stehen? fragte er sich. Hier ruht Eddie Dare, er war ganz nett.
„Hat dich diese Frau eigentlich mal angerufen? Du weißt schon, die, der ich mal deine Nummer gegeben habe.“
„Ich bin kein Scheidungsanwalt, Suzie.“
„Naja, ich habe mir halt gedacht, bei all der Erfahrung, die du hast…“
Eddie zuckte ein wenig zusammen. Okay, Schätzchen, ich war ein paarmal verheiratet, na und?
„Die Frau hat ausgesehen, als hätte sie ziemlich viel Geld“ bohrte Suzie weiter.
„Suzie, ich mache keine Scheidungen, Punktum.“
Etwas verlegen begann Suzie, einen unsichtbaren Fleck von der Theke weg zu polieren, dann warf sie sich das Handtuch über die Schulter und goss Eddie Kaffee nach.
„Du arbeitest also immer noch an dieser Hundesache?“
„Ich arbeite an einem Fall, in dem ein Hund eine Rolle spielt.“
„Waren es nicht zwei Hunde?“ rächte sich Suzie für Eddies Haarspalterei.
„Okay, zwei Hunde.“
Eddie hatte Eric Ratmoski in den vergangenen fünf Jahren schon einige Male vertreten. Hier ein paar Einbrüche, da eine Erpressung, mehrere Körperverletzungen, unerlaubter Waffenbesitz war natürlich auch dabei und eine Verurteilung wegen illegalen Glücksspiels. All das gehörte mehr oder weniger zu Erics Tagesgeschäft. Nun hatte er sich auch noch kopfüber ins Porno-Geschäft gestürzt. Das allein hätte Eddie nicht wirklich aus der Fassung gebracht, aber Erics gleichzeitige Begeisterung für Deutsche Schäferhunde ging wirklich zu weit.
Zwei dieser Hunde, von denen Eric behauptete, er würde sie ganz besonders lieben, waren ihm von den Behörden weggenommen und einem Tierheim übergeben worden. Was genau Eric damit meinte wenn er sagte er liebe diese Tiere, wollte Eddie gar nicht so genau wissen. Jedenfalls ließ Eric nicht locker und verlangte von ihm, er solle ihm seine Hunde so schnell wie möglich zurück bringen. Bis jetzt hatte Eddie damit aber noch keinen Erfolg gehabt, stattdessen lästerten die Jungs von der Sitte bereits über ihn und rissen bei jeder sich bietenden Gelegenheit ziemlich geschmacklose Hundefickerwitze. Vielleicht sollte er Eric einfach empfehlen, sich einen anderen Anwalt suchen. Einen echten Hundeliebhaber zum Beispiel.
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