Veronica schürzte die Lippen, nippte an dem Rest ihres Kaffees, der längst kalt geworden war, und tippte schnell im Zehnfingersystem eine Antwort an den Kollegen: »Der Ansatz ist stimmig und könnte für uns von theoretischem Interesse sein. Erbitte weitere Daten, die TAO aufgezeichnet hat, NSANet und JWICS Cross-Links wenn vorhanden und falls autorisiert Angaben zur Identität von RUBIN und HONIGDACHS. Danke!«
Dann legte sie ein eigenes elektronisches Dossier auf dem streng geheimen Computersystem an, fügte die Email hinzu und druckte die relevanten Teile aus. Die Ausdrucke steckte sie in einen dafür vorgesehenen Umschlag, denn jedes Dokument musste außerhalb festgelegter Bereiche in einem solchen getragen werden, damit andere Mitarbeiter darauf keine unerwünschten Blicke werfen konnten. Innerhalb der Abteilung war das zwar eigentlich nicht nötig, aber sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, um nicht zurücklaufen zu müssen, falls sie doch einen brauchte.
Sie fand Chris Harris in seinem Büro, hätte sich den Umschlag also sparen können. »Herein!«, rief er wie üblich mürrisch, als sie klopfte. Er wirkte stets zornig, wenn man bei ihm anklopfte, weil er immer an einem interessanten Problem grübelte. Er war einer jener Mathematiker, die für ihre Arbeit lebten, sie wie Luft atmeten und nichts anderes im Sinn hatten. In der Mittagspause kritzelte er Formeln von Riemannsummen auf Servietten. Natürlich sah man es nicht gerne, dass Mitarbeiter außerhalb der geschützten Bereiche über ihre Tätigkeiten sprachen, geschweige denn Details hinterließen; aber Harris war gewissenhaft. Wenn er beim Essen Notizen machte, dann besorgte er sich einen Umschlag und entsorgte sie später im sicheren Papiermüll, der tagtäglich in der hauseigenen Verbrennungsanlage vernichtet wurde.
Sie trat ein und der eher dickliche Mann mit ergrautem Vollbart und Halbglatze sah über den Rand seiner Lesebrille hinweg zu ihr auf. Wie immer war sein Schreibtisch mit Akten und Artikeln zugemüllt, und wenn sie ehrlich sein sollte, konnte sich Veronica nicht vorstellen, dass er all den Kram jeden Abend im Aktenschrank verschloss. Andererseits war er dazu wohl gezwungen, sonst hätte ihn der Putzdienst bei der Sicherheitsabteilung angezeigt.
»Hast du einen Moment Zeit?«, erkundigte sie sich.
Er lächelte und wies auf den zweiten Stuhl, auf dem sich ein halbes dutzend Bücher aus der wahrscheinlich besten Bibliothek der Welt stapelten, was Mathematik, Informatik, Elektrotechnik, Elektronik und Kryptologie anging.
»Für meine Lieblingsmitarbeiterin doch immer! Leg die Bücher einfach auf den Boden, aber ändere die Reihenfolge nicht. Ich wollte sowieso mit dir über die Algebraisierungsgruppe sprechen. Ich glaube, es könnte sich eine Vereinfachung finden lassen, wie wir die Zahl der Variablen weiter reduzieren können. Auf 2a/√ [k 2(n-1)].«
Sie runzelte die Stirn. Wenn er mit dieser Ankündigung recht hatte, dann bedeutete das eine erhebliche Verbesserung ihrer wichtigsten Methoden zum Angreifen von Blockchiffren. Die Programmierer von der zentralen Technik, die ihre Vorschläge auf die Großrechner und integrierten ASIC-Schaltkreise der NSA umsetzten, würden ihnen um den Hals fallen. Fortwährend suchte man nach Optimierungen, das war ihre Hauptarbeit in der Forschungsabteilung, denn die gigantischen Anlagen der Behörde kämpften mit einer immer größer werdenden Flut von verschlüsselten Daten, und nicht alle von ihnen ließen sich durch sogenannte Seitenkanalangriffe ohne eine tiefergehende Kryptanalyse knacken. Traditionelle Angriffe auf die Chiffren selbst waren noch längst nicht unbedeutend geworden, da irrten sich die zivilen Kryptanalytiker mächtig und die NSA tat ihr Bestes, sie in diesem Glauben zu belassen. Leider knabberten direkte Angriffe auf Verschlüsselungssysteme jedoch ausgesprochen an den stets begrenzten Ressourcen der Behörde. Die NSA-Rechner zogen schon jetzt die fast die Hälfte des Stroms von Maryland und Utah und verbrauchten täglich unvorstellbare Mengen Kühlwasser.
»Das klingt toll, aber es gibt etwas anderes, was du dir anschauen solltest.«
Sie legte den Umschlag auf den Tisch. Chris sah hinein und studierte die Emails. Nachdem er sie überflogen hatte, warf er sie achtlos beiseite und seufzte. »Ach! Olle Kamellen. Wieder ein Spinner, der P=NP bewiesen haben will ...«
Sie lächelte neckisch. Er war nicht bloß ihr Mentor, der sie gegen Kritiker und Frauenfeinde unter seine Fittiche genommen hatte, sie waren im Lauf der Jahre auch Freunde geworden. Nicht im privaten Sinn, über sein Privatleben wusste sie nur wenig Bescheid, wusste lediglich, dass er seit Jahren an einer Blockhütte in den Bergen bastelte, verheiratet war und zwei Kinder hatte, die beide nicht für die NSA arbeiteten. Was die Arbeit anging, hatte sie jedoch von Anfang die Liebe zur Mathematik verbunden. Sie waren beide gleichermaßen besessen, Chris wohl noch mehr als sie. Er hatte das Potenzial in ihr sofort erkannt, als sie gerade erst aus der Kryptologieschule in die Abteilung gekommen war, und im Lauf der Jahre hatte dieses geteilte Interesse zu einer Freundschaft geführt, die ihrer Meinung nach tiefer als mit allen anderen Kollegen ging. Sie war sich sicher, dass er ebenso dachte.
»Da könnte was für uns herausspringen. ›Man kann aus jedem Fehler lernen‹ - O-Ton Christopher F. Harris, Leiter von R12, der besten Forschungsabteilung im Palast.«
Ihr Chef grinste, wurde aber gleich wieder ernst. »Ein hervorragendes Zitat, aber, wie du weißt, lenken uns diese fehlerhaften Beweise auch mächtig von der täglichen Arbeit ab. Von welchem Kunden stammt denn das IN?«
Mit ›IN‹ war die Anfrage gemeint, und es war üblich, sämtliche externen Partner als Kunden zu bezeichnen. Die NSA verstand sich als reine Serviceagentur. Die CIA, das FBI oder das Heimatschutzministerium stellte den Antrag auf eine Auskunft, das ›IN‹, die NSA prüfte ihn und lieferte, sofern keine Geheimhaltungsgründe dagegensprachen, die Antwort zurück. So jedenfalls bevorzugte man die Zusammenarbeit in der Agentur. Erst nach dem 11. September hatte sich dieser Aufbau etwas geändert, seitdem versorgte die NSA andere Dienste in begrenztem Umfang auch mit Rohdaten, jedoch nur sehr ungern.
Veronica zuckte mit den Schultern. »Anscheinend von TAO, aber die machen ja nichts von sich aus.«
»Hm, komisch«, murmelte Harris und warf erneut einen Blick auf die Beweisskizzen, die in den Emails bloß angedeutet wurden. »Du hast recht, das sieht schon interessant aus.«
»Ich habe um mehr Informationen gebeten und eine Akte angelegt. Sie trägt den Namen ›SCHNEEFLOCKE‹.«
Harris kicherte in seinen Bart. »Ich weiß ja nicht, wer sich dieses System ausgedacht hat, das diese Kürzel liefert, aber eines Tages finde ich’s heraus und stelle ihn zur Rede. Also gut, Operation SCHNEEFLOCKE. Ich geb sie an Colonel Lewis weiter. Sag Bescheid, falls du was Interessantes bekommst. Ansonsten schließen wir den Vorgang in ein, zwei Wochen wieder. Einverstanden?«
Sie lächelte. So sehr ihm auch dieses P=NP Thema auf die Nerven ging, nachdem die NSA es innerhalb von fast achtzig Jahren nicht geschafft hatte, mit dem Beweis oder Gegenbeweis echte Fortschritte zu machen, er besaß doch ein untrügliches Gespür für mathematische Ansätze, und eben dasselbe Gefühl hatte sie dazu gebracht, die Anfrage nicht einfach negativ zu beantworten und wegzulegen. »Alles klar, ich klopfe an deine Tür, wenn sich was Spannendes ergibt.«
Mit diesen Worten winkte sie ihm zu, er wandte sich wieder dem Problem zu, mit dem er sich beschäftigt hatte, und sie wusste, dass er nicht aufhören würde, daran herumzuknobeln, bis er zumindest den Ansatz einer Lösung gefunden hatte. Veronica machte sich zurück an die Arbeit für die Algebraisierungsgruppe, und weil von TAO erst einmal keine Antwort mehr kam, vergaß sie den Vorfall nach ein paar Tagen.
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