Die Zahl der Irrläufer hatte sich allerdings stark verringert, seitdem die Zugangsausweise Chips enthielten, mit denen man die schweren Metalltüren öffnete, die unterschiedliche Abteilungen voneinander trennten. Bereiche, für die man nicht befugt war, blieben einem schlichtweg verschlossenen, und vor den speziell ausgezeichneten Hochsicherheitszonen, in denen besondere Staatsgeheimnisse besprochen und gelagert wurden, sorgten zusätzlich je zwei bewaffnete Wächter für eine persönliche Einlasskontrolle.
Das ›R‹ im Namen von Veronicas Arbeitsplatz stand für ›Research Directorate‹, die zentrale Forschungsabteilung, sofern der entsprechende Aufgabenbereich noch nicht an einen der neueren Orte in Texas, Utah oder Georgia verlegt worden war. Nicht erst seit Snowdens Enthüllungen, schon viele Male zuvor war der Puzzlepalast umstrukturiert und reformiert worden, er wandelte sich ständig. Viele Bereiche, die ursprünglich in Fort Meade angesiedelt gewesen waren, hatte man in Außenstellen verlagert oder sogar an externe Firmen vergeben; es ging darum, Kosten zu sparen, und gelegentlich auch darum, die Gegner zu verwirren.
Veronica hatte vor über zehn Jahren bei der Behörde angefangen und war froh, dass man sie bisher nicht woanders hingeschickt hatte. Sie liebte ihre Wohnung in Elkridge, wo sie sich mit einem jüngeren weißen Ehepaar ein Haus mit Garten teilte. Die beiden arbeiteten ebenfalls für die NSA, alles blieb also in der Familie und umfangreiche Hintergrundprüfungen waren nicht nötig gewesen. Sie verstand sich mit den beiden prächtig, und auch ihre anderen Nachbarn respektierten und grüßten sie. Verbrechen waren in der Region selten und Rassismus hatte Veronica selbst zumindest auf direkte Weise außerhalb ihrer Arbeitsstelle bisher nie zu spüren bekommen. In Utah oder Texas mochte das nicht unbedingt so sein, und sie hatte, wenn sie ehrlich sein sollte, im Laufe der Jahre schon genug mit dem ganz normalen, oft unbewussten Sexismus ihrer Kollegen zu kämpfen gehabt, von denen sich einige partout nicht vorstellen mochten, dass eine Frau mit dunkler Hautfarbe, noch dazu eine gut aussehende und ledige, in der Lage sein könnte, erfolgreich Mathematik zu studieren und in einer Forschungsabteilung Gruppen zu leiten, die auf Weltniveau die neuesten Trends in der Kryptanalyse erforschten. So manchem Kollegen missfiel die Tatsache, dass eine Frau sich besser als sie selbst mit algebraischer Topologie auskannte. Wer sie nicht kannte, stufte sie auf Anhieb meistens als Linguistin, Analytikerin oder einfache Verwaltungsangestellte ein. Wer sie hingegen kannte, machte diesen Fehler kein zweites Mal. In ihrer Abteilung jedenfalls galt sie als eine der besten, wofür sie auch lange genug gekämpft hatte. Alle respektierten sie, daran gab es keine Zweifel; zumindest dachte sie das, als sie an diesem Montagmorgen durch die Arbeitsräume von R12 hastete.
»Morgen!«, grüßte sie ein jüngerer Kollege, der schon am Bildschirm saß und ein Schema studierte, das an den Aufbau eines Feistelchiffres erinnerte. Veronica hatte für solche Dinge einen Blick und wusste außerdem, dass er an der Algebraisierung eines ausländischen militärischen Verschlüsselungscodes arbeitete. Denn sie leitete das Projekt.
Sie winkte zurück, die meisten von ihnen mochten sie, zumal sie in R12 auch für die Einschulung der Neuankömmlinge zuständig war. Flugs verzog sie sich in ihr Büro, bevor einer der jungen Spunde sie mit Fragen löcherte. Sie waren von Natur aus extrem wissbegierig und extrem hartnäckig, aber Veronica zog es vor, die Fragestunden und Diskussionen in die offiziellen Treffen der Arbeitsgruppe zu verlegen, sonst wäre sie niemals selbst zu irgendetwas gekommen.
Dass sie sich als höhere zivile Angestellte mittlerweile mit niemandem mehr ein Büro teilen musste, zählte im Dienst als besonderes Privileg, denn grundsätzlich galten geteilte Arbeitsplätze als billiger und vor allem sicherer. Verrat und Sabotage waren schwierig, wenn einem alle paar Minuten ein Mitarbeiter über die Schulter sah. Veronica jedoch hatte schon mehrere Arbeitsgruppen geleitet und stand in der Hierarchie zusammen mit einigen anderen Kollegen direkt unter dem zivilen Leiter von R12, ihrem Chef und Mentor, dem allseits verehrten und beliebten Mathematiker Dr. Christopher F. Harris, den alle bis auf die neuesten Neuzugänge bloß ›Chris‹ nannten. Dieser wiederum unterstand einem Armeeoffizier, Colonel Frank Lewis, der die Abteilung leitete und sich um die administrativen Aufgaben kümmerte. Dieser hörte auf den militärischen Leiter der gesamten Forschungsabteilung, der wiederum dem zivilen Assistenzdirektor zuarbeitete, der sich in der NSA hochgearbeitet hatte und als der höchstrangige kompetente Mitarbeiter der NSA zählte, wie die Angestellten hinter vorgehaltener Hand zu scherzen pflegten. Ihn beaufsichtigte der Direktor, ein höherer Offizier, der direkt vom Präsidenten ernannt wurde und dadurch augenblicklich in den Rang eines Fünfsternegenerals aufstieg. Dieser koordinierte seine Arbeit mit dem Heimatschutzministerium, den anderen Geheimdiensten und dem nationalen Sicherheitsberater, und beriet gemeinsam mit den Vertretern der übrigen Behörden den Präsidenten in Sicherheitsfragen. Als letzter Empfänger in der Befehlskette ignorierte der Präsident diese Berichte dann im allgemeinen fast vollständig, weil er sowieso auf niemanden hörte – so pflegte man den Neuankömmlingen in der NSA die Hierarchie nicht bloß im Scherz zu beschreiben.
So sehr die Arbeit in der Abteilung R12 auch mitunter einem Kolloquium an der Uni glichen und so locker und unförmlich der Umgangston untereinander war, letztlich arbeiteten sie alle in einer militärischen Organisation, und falls der eine oder andere diese Tatsache einmal auf allzu offensichtliche Weise vergaß, dann erinnerte ihn Colonel Lewis daran mit Bestimmtheit, so zurückhaltend und höflich der Offizier sonst sein mochte.
Routiniert warf Veronica ihren Mantel auf einen Stuhl neben der Tür, drehte den Thermostat der zentralen Heizungsanlage herunter, die das fensterlose Büro in ihrer Abwesenheit immer zu sehr aufheizte, und öffnete mit einem der Spezialschlüssel, der ihr an der Eingangspforte ausgehändigt worden war, einen verschlossenen Aktenschrank. Sie holte ein paar Artikel heraus, die sie an diesem Vormittag lesen wollte, um über die zivilen Fortschritte in der Kryptanalyse auf dem laufenden zu bleiben, und warf sie auf ihren Schreibtisch, der zwei getrennte Computerbildschirme, zwei spezielle Festnetztelefone, aber nur eine Tastatur beherbergte. Dann ließ sie sich in einen Drehstuhl fallen, prüfte aus Gewohnheit, dass das sogenannte ›KWM Switchboard‹ auf rot stand, was auf die höchste Geheimhaltungsstufe hindeutete, und brachte den sicheren Computer, der niemals schlief, mit einem Tastendruck zum Leben. Die Schalttafel diente dazu, mit derselben Tastatur zwei verschiedene Geräte zu bedienen. Auf einem normalen PC lief Windows und auf Wunsch neuerdings auch ein hauseigenes Linux. Mit diesem konnte Veronica im Internet, auf LexisNexis und in einigen Bundesnetzen mit niedriger Sicherheitsstufe surfen, wobei sämtliche Signale im Netz über einen speziellen Proxyserver in die Außenwelt gebracht wurden, der ihre Aktionen aufzeichnete, vermutlich überwachte, den Rechner gegen Viren und trojanische Pferde schützte und die übertragenen Daten von Metadaten wie zum Beispiel Zeitzonen reinigte, aus denen man Rückschlüsse auf ihren Aufenthaltsort oder ihre Arbeitszeiten ziehen konnte.
Die andere Maschine, die sie gewohnheitsmäßig zuerst prüfte, weil sie unmittelbar ihre Arbeit anging, mochte im Innern ebenfalls bloß ein PC sein – keiner, der nicht mit der Entwicklung und Wartung der Geräte beschäftigt war, wusste darüber genau Bescheid –, aber er enthielt spezielle Verschlüsselungschips und war sowohl mit dem hauseigenen NSANetz als auch mit dem gemeinsamen Datennetz aller US Geheimdienste namens JWICS verbunden. Auf diesem Rechner trudelten Nachrichten von Kollegen ein, die direkt mit ihrer Arbeit zu tun hatten; die zivilen Emails, die sie mitunter auf dem normalen PC bekam, betrafen meist bloß Persönliches. Neuigkeiten von ihrer Schwester, Einladungen von Freunden, Informationen über Nachbarschaftsfesten in Elkridge, Versuche ihrer Mutter, sie mit einem Mann zu verkuppeln, oder latent aggressive Botschaften von ihrem Ex-Freund, die sie zur Zeit am allerwenigsten lesen wollte. Das konnte alles bis zur Mittagspause warten. Sie liebte ihre Arbeit und fühlte sich überhaupt nicht einsam, sondern eher freier, als sei eine Last von ihren Schultern gefallen, seitdem sie sich von Sylvester getrennt hatte, nur leider war diese Nachricht bei ihrer Mutter und einigen ihrer Kollegen bisher noch nicht angekommen.
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