Es hatte bereits zur Stunde geklingelt, aber weil sie nicht pünktlich den Raum der Siebtklässler abschließen konnte, war sie zu spät dran und musste über den Gang rennen, um noch pünktlich den Kunstraum zu erreichen. Eine unangenehme, peinliche Situation, die sie auf dem Gang wild vor sich hin fluchen ließ. Sie kam nie zu spät!
Schon von Weitem hörte sie eine aufgebrachte Meute durch die Gänge des Kunstflügels rufen und grölen. »Kommt die Alte heute etwa nicht?«, grölten sie. Wahrscheinlich verrieten sie die Absätze ihrer Schuhe, die laut auf dem Fußboden aufschlugen. Zumindest wurde es leiser, als sich Rebecca dem Raum näherte.
Abgearbeitet und erschöpft erreichte sie die Schülerhorde, fand aber in der Eile ihren Schlüssel nicht, mit dem sie meinte, soeben den Raum der Siebtklässler abgeschlossen zu haben. Wie irr wühlte sie in der – ihr in diesem Moment überproportional groß erscheinenden – Tasche.
Die Unruhe brandete wieder auf und schon schaute Kollegin Fröhlich aus ihrem Raum heraus, wer die Lautstärke auf dem Gang verursachte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit des Suchens bemerkte Rebecca, dass sie den Schlüssel gar nicht in der Schul-, sondern in ihrer Hosentasche hatte, aus der sie ihn nun umständlich hervorkramen musste.
Genervt schloss sie den Raum auf und wälzte ihre schier endlos erscheinenden Unterlagen, die aus Büchern und A 3 – Blättern bestanden, umständlich auf dem Lehrertisch ab.
Eine schüchterne Schülerin kam nach vorn gelaufen und entfaltete einen Zettel. Dafür hatte sie gerade keinen Nerv! »Was ist denn, Susanna?«
Durch den eisigen Tonfall blieb dem Mädchen der Mund offen stehen. »Ich habe einen …«, stammelte sie vor sich hin, während sie ein Stück Papier auf und zu faltete, »… Krankenschein, den ich Ihnen geben wollte.«
»Ja gut, leg’ ihn auf den Tisch.« Susanna tat wie angekündigt und schlich eingeschüchtert davon.
Warum musste ihre miese Laune über das Zuspätkommen ausgerechnet die falschen Kinder treffen? Die Unruhe wurde nicht weniger und nun fehlte auch noch das Lehrbuch der Achtklässler!
Als Rebecca für einen kurzen Augenblick aufschaute, nahm sie wahr, dass noch immer nicht alle Jugendlichen ihr Schulzeug aus den Taschen und Ranzen geholt hatten. »Packt zügig aus, wir fangen heute mit einem neuen Kunstprojekt an; dafür braucht ihr viel Zeit!«, brüllte sie in die nicht zuhören wollende Schülermeute.
Nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit hatte sich die Klasse insoweit beruhigt, dass der Unterricht beginnen konnte. Zehn Minuten und mit ihnen die gute Laune von Rebecca waren verstrichen.
»Okay. Wie ihr wisst, beginnen wir heute mit einem neuen Kunstprojekt. Es geht um Tageszeiten und ihre Darstellung in der Kunst. Wir wollen uns ein paar solcher Werke ansehen und beschreiben. Ihr findet sie im Lehrbuch, Seite …«
Sie ging an den mittleren Tisch in der vordersten Reihe, an dem ihr »Lieblingsschüler« Martin saß. »Seite 139«, sagte sie zügig, die eben einkehrte Ruhe ausnutzend.
Doch schon hatte Ellen einen dummen Spruch parat, mit dem sie Rebecca aus der Fassung bringen konnte. »Frau Peters hat ihr Lehrbuch nicht mit. Jetzt bekommt sie einen Eintrag ins Hausaufgabenheft«, geiferte sie, dabei siegessicher zu ihrer Clique schauend, die aus Jule, Martin und Andy bestand. Ellen hob eine Hand nach oben, um High-Five zu signalisieren und lachte Jule dreckig an.
Die Schülerin wusste nicht, ob sie sich getrauen sollte, ebenfalls einen Kommentar loszulassen und unterließ es lieber. Weil Rebecca nichts auf Ellens Worte erwiderte, keimte die Unruhe wieder auf.
»Susanna«, überging sie Ellens Kommentar, »lies uns doch bitte auf Seite 139 den Eingangstext zu den Darstellungen in der Kunst vor.« Böse funkelte Rebecca Ellen an, deren Lachen erstarb. Für heute signalisierte sie Standhaftigkeit, aber insgeheim wusste sie: Der Kampf zwischen ihr und den Jugendlichen war noch lange nicht vorbei.
Nach neunzig Minuten ertönte das Klingelzeichen, das Rebecca erlöste. Endlich große Pause. Sie atmete erleichtert auf, als die Teenager den Raum verließen. Einige der pubertierenden Mädchen waren noch im Zimmer und feixten aus heiterem Himmel.
Rebecca blickte zu den Schülerinnen auf, die fasziniert den Türrahmen begutachteten. Dort stand Elouan. »Frau Peters?« Verdutzt trat Rebecca an ihn heran.
»Was gibt es?« Er war tatsächlich da. In der Hand hielt er das Arbeitsblatt der Redeanalyse der vergangenen Stunde.
Die Achtklässlerinnen huschten scheu mit geröteten Wangen an dem Oberstufenschüler vorbei, der ihnen ein zartes Lächeln schenkte. Auf dem Gang hörte Rebecca, wie sie sich angeregt unterhielten, sich nach ihnen umdrehten und dann lachten.
»Gestern sagten Sie mir, dass ich falsch liegen würde mit meiner Deutung. Ich glaube, ich liege gar nicht so verkehrt damit.«
Unfassbar, dass sich ein Jugendlicher über die Unterrichtsstunde hinaus freiwillig mit dem Stoff beschäftigte. Lou faltete das zerknitterte Arbeitsblatt mit der Rede von Weizsäcker auseinander.
Er stand so dicht neben ihr, dass sein sanfter Atem über ihre linke Wange strich und sein Duft ihr in die Nase stieg. Die Nähe und der Körperkontakt sorgten dafür, dass Rebecca keinen klaren Gedanken fassen konnte und wieder nicht in der Lage war, den Ausführungen ihres Schülers zu folgen. Verschwommene Worte drangen an ihr Ohr.
»Und, was sagen Sie dazu? Brillant, oder? Zumal dieses sprachliche Mittel hier«, wobei er auf eine x-beliebige Textstelle zeigte, »meine These noch untermauert, nicht wahr?«
Seine Augen strahlten, genau wie sein Mund, der ein dickes Grinsen zeigte. Da er Bestätigung verlangte, sagte Rebecca: »Du hast recht. Wenn du es mir gestern genauso erklärt hättest, dann hätte ich dir auch zustimmen können.«
Was er wirklich gesagt hatte, würde ihr für ewig verborgen bleiben. Ob sie in klarem Zustand seinen Worten überhaupt zugestimmt hätte? Egal. Was zählte war, dass Elouan wieder strahlte und dies erzeugte eine tiefe innere Zufriedenheit in ihr.
Er faltete den Zettel zusammen und ging, in sich hinein grinsend, davon. »Lou?« Kurz bevor er den Raum verließ, drehte sich Elouan noch einmal zu Rebecca herum.
»Ja, Frau Peters?« Sie verringerte den Abstand zu ihm.
»Warum hast du mich aufgesucht?« Er zog die Stirn in Falten.
»Ich bestehe gern auf meiner Meinung.«
Ein kurzer Moment der Ruhe kehrte ein und ein Augenkontakt, der ein wenig zu lang war, entstand. »Ach so. Na gut, dann bis morgen«, sagte sie und lächelte Lou flüchtig an. Das reichte, um ein kleines Lächeln von ihm zurückzuerhalten.
Читать дальше