»Sicher, was gibt es denn?«
Das aktuelle Thema hob die meisten Jugendlichen nicht sonderlich an, aber Lou schien daran Gefallen zu finden, Reden auseinanderzunehmen.
Inzwischen stand Rebecca an seinem Platz, beugte sich über seine Schulter, um zu schauen, was er ihr zeigen wollte. »Ich komme an dieser Stelle hier nicht weiter. Weizsäcker sagt, nach dem Zweiten Weltkrieg …«
Ihre Augen wanderten zu seinen dunklen, kurzen Haaren, hinab zu dem blauen, eng anliegenden Jeanshemd und von dort nach oben zu seinem Gesicht. Ihr fielen seine tadellos gerade Nase sowie seine leicht geschwungenen Lippen auf. Ihr Verstand wurde zusätzlich durch das maskuline Parfum getrübt, das sie schon oft an Elouan gerochen hatte und das eine ganz eigene Stärke ausstrahlte.
»Und was denken Sie darüber? Kann man dem Autor zustimmen?«
Seine Worte waren verwaschen. »Ich muss das … kurz überfliegen …« Trotz Rebeccas unprofessionellem Stammeln und der wirren Antwort schien Lou mit dem Gesagten zufrieden zu sein, denn er schrieb die Aussagen eifrig auf.
Die übrigen Elftklässler waren in ihre Einzelarbeit vertieft und sahen nicht, wie Rebeccas Augen unablässig Elouan fokussierten, während sie im Raum herumlief und vorgab, sich das Geschriebene der Mitschüler anzusehen. In Wahrheit galten Lous Hinterkopf sowie die schlanke Silhouette, die sich unter seinem engen Hemd abzeichnete, ihrem Interesse. Seinen Anblick in sich aufsaugen, ihm nah sein, seine Präsenz spüren. Einzig diese Gedanken begleiteten Rebecca, als sie den Raum durchschritt.
Es wurde unruhig. Die meisten Schüler hatten die Einzelarbeit abgeschlossen und warteten darauf, die Analyse des Redetextes vorgesetzt zu bekommen. Alicia arbeitete in der Regel als einzige Schülerin aktiv mit. Heute schoss Lous Arm in die Höhe.
»Gut, dann fasse bitte den Text zusammen.« Die Inhaltsangabe gelang ihm problemlos.
Für den nächsten Teilschritt der Redeanalyse nahm Rebecca eine stille Schülerin dran. Während das Mädchen redete, beugte sich Lou nach links und betrachtete sie aufmerksam. Rebeccas Augen schweiften zwischen Elouan und ihr hin und her und eine ungekannte Eifersucht durchflutete sie.
Lou meldete sich erneut, doch Rebecca musste ihn ignorieren, um andere Schüler zu hören. »Max?« Elouan funkelte sie böse an. Da Max kaum ergiebige Fakten lieferte, forderte Rebecca: »Lou, ergänze doch bitte.« Doch seine Deutungen gingen in eine verkehrte Richtung.
»Überlege noch mal, ob das richtig sein kann.«
Die Ermutigungen zogen nicht und Elouan fiel resigniert in den Stuhl zurück. Er blieb bis zum Ende der Stunde stumm und verließ den Deutschraum beinah beleidigt, wortlos.
Zu Hause angekommen, schob sich die Autotür genauso widerwillig auf, wie sich Rebeccas Körper aus dem Wagen bewegte. Die wenigen Schultage lasteten wie ein zentnerschweres Gewicht auf ihren Schultern. Dabei wollte sie sich mit der Aussicht trösten, dass es nur wenige Wochen bis zu den Osterferien waren.
Beim Aussteigen sah Rebecca die Schneewehen, die sich in der Einfahrt zu kleinen Dünen aufgetan hatten. In den letzten zwei Tagen hatte es ununterbrochen geschneit. Über der Einfahrt zum Haus hatte sich ein dichter Mantel aus weißem Samt gelegt. Rebecca stapfte durch die Schneedecke, öffnete die Haustür und zog ihre nassen Schuhe aus, die sie zum Trocknen etwas abseits stellte.
Da Paul erst gegen sieben nach Hause kam, musste sie sich in der Zwischenzeit um alles allein kümmern: Schnee wegräumen, den stehen gebliebenen Aufwasch erledigen und Unterricht vorbereiten. Am liebsten hätte sich Rebecca ins Bett verkrochen, die Decke über den Kopf gezogen und geschlafen. Noch lieber säße sie in genau diesem Moment in einem Flugzeug – irgendwohin, bloß weit weg von der Schule und von Paul.
Doch es nutzte nichts. Um sich trübsinnigen Gedanken hinzugeben, blieb keine Zeit. Sie verstaute ihre Schultasche im Arbeitszimmer, zog sich hohe Stiefel an und trottete nach draußen in die Kälte. Ihre Pelzmütze hatte sie tief ins Gesicht geschoben, da ein eisiger Wind wehte.
Ein Kampf zwischen dem Schieber und dem nassen Schneematsch zeichnete sich ab, doch Rebecca gewann. Eine Schneewehe nach der anderen verschwand vom Hof.
Erst 19:15 Uhr nahm sie von ihrem Arbeitszimmer aus die Scheinwerfer von Pauls Auto wahr. Obwohl sie schon längst Feierabend haben wollte, saß sie immer noch über ihrem Rechner und bereitete den Unterricht in den morgigen Klassen vor.
Paul brachte eine unangenehme Kälte ins Haus hinein. Er begrüßte Rebecca mit einem leichten Kuss auf die Lippen. »Machst du schon wieder so lange?«, fragte er besorgt.
»Hm. Hast du gesehen, dass ich Schnee geschoben habe?« Er verließ das Zimmer.
»Ja«, hörte sie ihn beiläufig murmeln. Rebecca konnte nur müde lächeln. Ob er wirklich registriert hatte, wie viel Arbeit sie auf sich genommen hatte?
Was für ein ignoranter Typ ihr Freund geworden war! Die Frustration steigerte sich, denn in der Vorbereitung auf die Stunde mit ihren Achtklässlern gab es Probleme. Rebecca fand ein wichtiges Arbeitsblatt nicht, das sie für eine Kopie benötigte. Weder in der Ablage noch im Ordner für diese Klassenstufe war es aufzutreiben. »So ein Mist«, fluchte sie vor sich hin.
Paul hörte davon nichts. Nachdem er seinen Mantel ausgezogen hatte, verschwand er ins Schlafzimmer. In der Regel lag er dort etwa eine halbe Stunde, bevor er zum Essen in die Küche zurückkehrte. »Wo zum Henker …« Die Flüche ließen das Arbeitsblatt nicht verängstigt unter dem Blätterstapel hervortreten. Es blieb verschwunden.
Ihr blieb keine andere Wahl, als das Arbeitsblatt noch einmal zu erstellen, in der Hoffnung, es annähernd so zu konzipieren wie ehedem.
Während sie genervt auf der Tastatur herumtippte, näherte sich der dicke Zeiger der Uhr immer mehr der Acht. Entsprechend fiel das Ergebnis aus.
Wie gerädert wachte Rebecca am kommenden Mittwochmorgen auf. Vor allem ihre eigene achte Klasse bereitete ihr bereits am Frühstückstisch Kopfzerbrechen, während sie am Kaffee nippte.
Wann trat endlich das Wunder ein, auf das sie schon so lange Zeit wartete und das sie endlich zu einer respektierten Persönlichkeit heranreifen lassen würde? Heute zumindest kam es nicht zustande.
Es war die zweite Stunde. Die nervigen Siebtklässler lagen hinter Rebecca. Jetzt blieben ihr wenige Minuten, um den Raum zu wechseln und in ihrer eigenen achten Klasse zwei Stunden Kunst zu geben.
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