Tatsächlich schafft es meine Schwester zu der alten Frau durchzudringen. Ich sehe, wie sich die beiden unterhalten und Joy ihr teilnehmend über den Oberarm streicht. Die Unterlippe der fremden Frau fängt an zu zittern und Tränen laufen über ihr faltiges Gesicht. Ich fokussiere meine Schwester, ihr einfühlsamer und barmherziger Blick, ihre feinen und jetzt angespannten Gesichtszüge, welche vom grauen Schleier der Besorgnis getrübt werden. Dies sind die Situationen, die an ihr nagen und sie mitnehmen. Sie hat es mir nie gesagt, doch ich weiß es. Es ist nicht zu übersehen. Schon immer. Ein schmerzhafter Stich durchfährt ein zweites Mal in dieser Nacht meinen Körper und langsam schlendere ich auf die beiden zu.
„Joy, was hat sie?“, flüstere ich fragend meiner Schwester mit belegter Stimme zu.
„Ich glaube, sie ist krank und braucht Hilfe“, antwortet meine Schwester und streicht der Frau über die weiße Wange. Ich betrachte mir die Fremde noch einen Moment, über deren schwarzen Augen sich ein leichtes Tuch des nahenden Todes gelegt zu haben scheint und nicke dann zustimmend.
„Lass sie uns ins Krankenhaus bringen. Sie sollte nicht hier draußen sein.“
„Was ist mit den anfallenden Kosten für die Aufnahme?“, hakt Joy zaghaft nach, doch ich kann ihr ansehen, dass sie meine Antwort bereits kennt. Dennoch bleibe ich ihr diese nicht schuldig.
„Die Gebühren übernehmen wir.“
„Wenn die Priester uns nach dem Grund der Ausgaben fragen?“
Meine Schwester blickt zögernd zu mir auf, doch ich winke flüchtig ab.
„Mir wird schon eine passende Ausrede oder Erklärung einfallen.“
Joy nickt und ich sehe die Erleichterung, die meine Worte ihr geschenkt haben, in ihren glänzenden Augen aufblitzen wie kleine, wertvolle Diamanten. Gemeinsam helfen wir der zerbrechlichen Frau auf und machen uns auf den Weg in das nächstgelegene Krankenhaus. Es wird nicht gern gesehen, wenn wir Anwärter das Geld rausschmeißen. Es ist auch nicht das erste Mal, dass meine Schwester und ich mit einem Verstoß dieser Art auffallen. Höchstwahrscheinlich wird es großen Ärger geben und ich werde versuchen, diesen auf mich zu nehmen. Aber was soll ich anderes tun? Ich kann meine Schwester nun mal nicht so traurig sehen, es zerreißt mir einfach das Herz und außerdem bin ich selbst der Meinung, dass kein Mensch so einsam und verlassen, mit leerem Magen, auf dieser dreckigen Straße, umhüllt vom Gestank des Verfalls, elendig sterben sollte. Das wäre einfach nicht fair.
Mick:
Ausgelaugt von der schlaflosen Nacht schließe ich meine Haustür ab. Es dauert eine Weile, bis ich das Türschloss mit meinem Schlüssel treffe und mich danach die Treppen vorsichtig nach unten taste. Die kühle Morgenluft schlägt mir wuchtig entgegen. Benebelt bleibe ich kurz stehen, bis sich meine Gedanken wieder klären und mein Körper das tut, was er tun soll. Es ist noch dämmrig, doch bis ich an meinem Arbeitsplatz ankomme, wird die Sonne schon aufgegangen sein. Ich atme tief durch, während ich die kahlen Straßen zur Haltestelle entlanglaufe und die frische Luft sich auf meiner Haut niederlässt und diese unter regem Prickeln zum Leben erweckt. Langsam beginnt die Müdigkeit aus meinen Körper zu weichen und gibt diesen frei. Meine Gedanken scheinen wirr und unkontrolliert umherzuschwirren, bis einer von ihnen, der mich die ganze Woche heimgesucht hat, es schließlich schafft, sich in den Vordergrund zu stellen und alle anderen beiseitezuschieben.
Wie es dem schwarzen Kater wohl geht? Ob er genug zu fressen hat? Hoffentlich hat er einen Unterschlupf gefunden, in dem er schlafen und sich ausruhen kann …
Ich seufze auf. Die Begegnung mit dem Vierbeiner ist nun schon sieben Tage her und er ist kein einziges Mal erneut vorbeigekommen. Ich weiß, dass es blöd von mir ist, doch ich stelle jeden Abend eine Schale mit frischer Milch hin, nur für den Fall, dass er kurz hereinplatzt und etwas trinken möchte. Die ersten paar Tage nach seinem Besuch war ich sogar extra länger aufgeblieben und habe auf ihn gewartet – vergebens. Ich bin doch einfach nur zu bescheuert. Wenn meine Arbeitskollegen dies wüssten, würden sie aus dem Lachen nicht mehr herauskommen. Ich weiß, wie armselig mein Verhalten ist, doch ich kann und will es nicht leugnen. Zwar habe ich mir in den letzten Jahren immer wieder selbst gesagt, dass es schlimmere Dinge gibt, als allein zu sein, doch es genügt nur ein kleiner Schubs und meine Mauer der Zufriedenheit gerät ins Wanken. Das ist schwach. Geradezu armselig.
Zum Glück habe ich nun die Haltestelle erreicht und muss mich auf die unebenen Stufen konzentrieren, sodass für weitere Haarspalterei keine Zeit bleibt. Aufmerksam steige ich hinauf und genieße gleichzeitig die Stille, denn ich weiß, sobald ich die Straßenbahn betreten werde, wird es damit vorbei sein. Zu dieser Zeit sind die öffentlichen Verkehrsmittel überfüllt mit Halbstarken, die auf ihrem Weg in die Schulen und Ausbildungsstellen sind.
Oben angelangt steht schon eine Gruppe von fünf Schülern am Bahnsteig und starrt mit gelangweilten Blicken durch die Gegend. Ich werde kurz taxiert, da wir uns allerdings jeden Werktag um diese Uhrzeit sehen, verlieren sie ihr Interesse an mir so schnell wie es gekommen war. Keine Konversation findet unter ihnen statt, nur die aggressiven Beats aus ihren kleinen MP3-Playern, welche sie sich lautstark in ihre Ohren zu dröhnen scheinen. Das Bild von langgesichtigen, blassen Aliens schiebt sich in meine Gedanken und ich kann den Vergleich nicht mehr aus meinen Kopf verbannen. Schnell wende ich meinen Blick ab und krame in meiner Umhängetasche selbst nach meinem veralteten MP3-Player, denn den werde ich gleich brauchen, wie mich ein leichtes Dröhnen in meinen Schläfen erahnen lässt. Vorsorglich verstaue ich diesen in meine Jackentasche und befestige die Ohrstöpsel an meinen Ohren. In diesem Moment ertönt das durchdringende Quietschen der bremsenden Straßenbahn. Ich behalte den kleinen Apparat griffbereit, warte kurz, ob jemand aussteigen möchte und betrete die Straßenbahn. Eine gewaltige Flut aus Geräuschen schwappt mir entgegen und reißt mich mit wie eine alles verschlingen wollende Flutwelle. Von allen Seiten prasseln Wortfetzen und Bruchteile von Melodien und Rappgesängen auf mich ein. Aus Gewohnheit halte ich dabei die Luft an, um das Unweigerliche hinauszuzögern und suche mir einen freien Stehplatz, der mehr am Anfang der Bahn liegt, um nicht ganz in dem Lärm unterzugehen. Es fühlt sich jedes Mal an, als würde man vergeblich gegen das Ertrinken ankämpfen. Stoßweise atme ich die angehaltene Luft aus und neue Luft ein, mit ihr den Gestank von verfaulten Eiern, ungewaschenen Körpern und Unmengen von verschiedenen Deos und Parfüms. Ich warte eine Weile, bis meine Nase sich an den penetranten Geruch gewöhnt hat und versuche kurz den Gesprächen der einzelnen Jugendlichen zu lauschen.
„Das nächste Mal, wenn er muckt, Alter, dann hau ich ihm die Fresse ein! Aber so richtig, verstehste? So wie ich den kleenen Pisser aus unsrer Nachbarschaft alle gemacht hab. Ich sag dir, der hat dann nix mehr zu lachen!“
„Männer stehen auf rote Schuhe, ehrlich! Denn rote Schuhe bedeuten, du bist bereit für Abenteuer. Das habe ich erst neulich gelesen und echt, es funktioniert! Jedes Mal wenn ich rote Schuhe anhabe, kann ich mich vor den Typen fast gar nicht mehr retten!“
„Und dann hat die mir ihre Titten gezeigt, voll krass, Dicker! Ich sag dir, dann ging’s richtig ab! Ich hab’s ihr so …“
Hastig drücke ich den Anschaltknopf meines MP3-Players und schalte mit einem Mal alle Geräusche um mich herum aus. Die Welt scheint einen kurzen Moment still zu stehen als die ersten Takte von „Join me in Death“ von „HIM“ erklingen. Ermattet schließe ich meine Augen, tauche in meine eigene Welt ab und vergesse alles um mich herum.
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