Er schaut mich nachdenklich an, allerdings liegt nichts Bedrohliches in seinen Augen. Im Gegenteil: Sie strahlen eine solche Ehrlichkeit und Sanftheit aus, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Dann dreht er sich um, holt sich eine Flasche Wasser aus dem Schrank und schlendert ins Wohnzimmer, wo er sich auf der Couch niederlässt. Ohne nachzudenken, setzen sich meine Pfoten wie von allein in Bewegung und folgen dem seltsamen jungen Mann mit den faszinierenden Augen bis vor die braune Polstergarnitur. Ein Ausdruck der Freude passiert seine weichen Gesichtszüge, als er bemerkt, dass ich ihm blindlings hinterhergelaufen bin und auffordernd klopft er leicht neben sich auf die flauschige Couch. Sehe ich denn aus wie ein Schoßhündchen?! Dieser Lackaffe! Doch noch während ich ihn gedanklich verfluche, springe ich auf den mir zugewiesenen Platz und setze mich artig nieder wie ein kleines gehorsames Kind. Ich weiß nicht, warum mein Körper so widersprüchlich handelt, doch gebe ich nun völlig auf und wehre mich nicht, als er anfängt, mich zaghaft zu streicheln. Sachte gleitet seine warme Hand über mein schwarzes Fell und ich lasse es müde über mich ergehen, wobei eine Hälfte in mir seine Zuwendung sehr genießt, auch wenn ich mir schwertue, das einzugestehen. Diese Nacht ist irgendwie verflucht.
„Du hast ein schönes Fell, so glänzend und seidig. Was du wohl alles erlebt haben musst … du hast es da draußen bestimmt nicht leicht. Armes Ding …“
Wenn der wüsste, wer ich bin und vor allen Dingen, weshalb ich hier bin! Na ja, nicht mein Problem. Dennoch muss ich zugeben, dass mein Körper, obgleich der Streicheleinheiten oder dem Klang seiner beruhigenden Stimme, mich urplötzlich entspannen lässt. Meine Aufmerksamkeit schwindet dahin wie ein versiegender Fluss. Jedoch kämpfe ich nur kurz dagegen an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Gefahr besteht. Schläfrig rolle ich mich neben ihm auf der Polstergarnitur ein und schließe meine brennenden Augen, während er mich weiterhin schmust und mit mir spricht. Ich bekomme nicht mehr viel mit, nur dass er Mick heißt und 19 Jahre alt ist, dann schlafe ich ein.
***
Träge öffne ich meine Augen und sehe mich um. Es dauert einen Moment bis ich mich entsinne, wo ich bin und was vorgefallen ist. Ein verächtlicher Ausdruck über mein erbärmliches Verhalten huscht über meine Miene. Wie konnte ich mich nur so gehen und als Schmusetier herabstufen lassen? Am liebsten würde ich mich selbst verprügeln. So leichtsinnig war ich noch nie gewesen … was geht nur in mir vor? Unverzeihlich.
Langsam rapple ich mich auf. Mein Zeitgefühl sagt mir, dass es Zeit für den Aufbruch ist, bevor die Sonne aufgeht und den schützenden Mantel der Nacht brutal verdrängt. Jetzt erst fällt mir auf, dass er sich noch neben mir befindet. Halb sitzend, halb liegend schläft er friedlich auf der Couch. Vorsichtig, um ihn nicht aufzuwecken, schleiche ich mich zu seinem Gesicht vor, welches seicht vom silbernen Licht des Mondes beschienen wird. Das ist meine Chance, die Tat, für die ich seine Wohnung betrat, zu beenden. Drei Leben mit starker Aura in einer Nacht – sehr verlockend. Behutsam trete ich näher auf ihn zu, sodass ich ganz dicht vor ihm stehe. Nochmals betrachte ich ihn, wie er so nichtsahnend seinen Träumen nachgeht. Unwissend, wie nah er dem Tode in diesem Augenblick ist. Armer, dummer Mensch – selbst schuld. Wenn er sein Fenster so einladend offenstehen lässt, fordert er den Tod heraus und hier bin ich. Jedoch … wieso zögere ich dann? Liegt es daran, dass ich eigentlich meine Chance vertan habe, indem ich tollpatschig den Besen umgeschmissen habe und er mich nicht davongejagt hat? Im Gegenteil, er war ungewöhnlich freundlich für einen Menschen und hat mir etwas zu Trinken gegeben. Allerdings hat er mich unwissend erniedrigt. Ach verdammt! Meine Augen blitzen wütend auf, als ich erkenne, dass ich dies hätte verhindern können und müssen. Ihn trifft somit keine Schuld. Ich beiße mir verbittert auf die Unterlippe, dann wende ich mich von ihm ab und verschwinde auf dem gleichen Weg wie ich gekommen bin. Wir sind quitt, Menschlein. Du hast mir geholfen und ich habe dein Leben verschont. Eilig renne ich über die holprigen Wege, um eine Schnittstelle zu meiner Dämonenwelt aufzusuchen. Wieder endet eine lausige Nacht meines Lebens.
Drew:
Auf meinem Gesicht breitet sich ein triumphierendes Lächeln aus. Diesmal kriegen wir ihn! Es gibt keinen Ausweg. Wir verfolgen ihn über die holprigen Straßen seit über zehn Minuten.
„Da vorne! Er biegt nach rechts ab!“, höre ich meine Zwillingsschwester dicht hinter mir rufen. Ich nicke. Lange kann er dieses Tempo nicht mehr durchhalten und dann haben wir ihn! Den pechschwarzen Dämon, einer der Topsammler von Menschenleben des Dämonenreichs. Lange haben wir darauf gewartet und nun soll es endlich soweit sein. Wie gemein und doch so typisch für diese Höllenbrut, sich als so sanfte Wesen zu tarnen! Rasant biegen wir nach rechts ab und ganz kurz verdrehe ich meine Augen, als ich den hindernisreichen Weg erblicke. Das hat es sich ja gut ausgesucht, dieses kleine Biest! Zahlreiche umgeworfene Mülltonnen und Müllsäcke säumen den ohnehin schon holprigen Weg der schmalen Seitenstraße. Doch meine Motivation wird wieder schlagartig angeheizt, als ich unser Zielobjekt geschickt über die Hürden sprinten sehe. Sofort verdopple ich meine Geschwindigkeit und spurte hinterher, dicht gefolgt von meiner Schwester. Es ist nicht leicht, sowohl den Kater in den Augen zu behalten, als auch den im Weg liegenden Gegenständen auszuweichen. Doch der Preis bei Gelingen ist hoch und den möchte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Meiner Zwillingsschwester geht es genauso, dazu muss ich mich nicht umdrehen und in ihr Gesicht blicken, um dies zu wissen. Es ist nicht so, dass wir völlig gleich sind, doch in dieser Sache sind wir uns mehr als nur einig.
Schwungvoll meistern wir die Hürden, ohne nur ein einziges Mal zu taumeln. Abermals biegt er in eine weitere menschenleere Seitenstraße ein. Strategisch klug von ihm, muss ich zugeben. Denn im Menschengetümmel wäre er leicht auszumachen und er hätte noch mehr Verfolger. Meine Kehle brennt und Schweiß tropft mir aus allen Poren. Doch ich lasse ihn nicht aus den Augen, den kleinen Dämon mit dem glänzenden, schwarzen Fell. Ein schmerzlicher Stich fährt mir durchs Herz. Wie ich diese Kreaturen verabscheue. Nicht genug, dass die Menschen die letzten Jahre von Kriegen, Krankheiten, Hunger und Tod gepeinigt worden sind, jetzt haben sich auch noch die Dämonen auf der Erde breitgemacht. Dies war allerdings nur möglich, weil die Menschheit den Glauben in das Gute verloren hatte und der Nährboden der Städte nur noch aus Hass und Gewalt bestand. Doch die Hoffnung und die Zuversicht werden wiederkehren. Ich glaube fest daran. Und meine Schwester und ich werden ein Teil des Werkzeugkastens sein, um dies herbeizuführen.
Mist! Er ist wirklich verdammt schnell und ausdauernd. Ich muss nicht zum ersten Mal gestehen, dass sich die harten und unerbittlichen Trainingsstunden in unserer Ausbildung mehr als gelohnt haben und auch jetzt noch ihren Dienst nicht versagen.
Wiederrum biegt der wetzende Fellknäul um eine Ecke, doch diesmal hat er sich vertan!
„Joy, jetzt haben wir ihn! Mach dich bereit!“, rufe ich meiner Schwester zu und zeige ohne anzuhalten auf das Straßenschild mit dem Symbol der Sackgasse. Meine andere Hand wandert im selben Moment in meine Jackentasche und umklammert das kleine Kreuz mit dem geweihten Blut. Gleich haben wir dich! Dann hat dein Morden ein Ende!
Viel zu lange erscheint mir der Augenblick bis ich endlich die Straßenecke erreiche, dabei kann es sich nur um ein paar Sekunden handeln. Dann ist es soweit. Gehetzt, jedoch vollen Mutes, rase ich um die Ecke und bleibe abrupt stehen, so jäh, dass meine Schwester hart in meinen Rücken prallt. Doch dies ist Nebensache. Enttäuschung und Wut fluten meinen Körper und lassen mich zittern.
Читать дальше